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7. März 2009, 06:00 Uhr

Trauerarbeit oder Vatermord?

Der Tübinger Rhetorikprofessor Walter Jens leidet an Demenz. Nun erklärt sein Sohn Tilman Jens in einem Buch, sein Vater sei aus Scham vor seiner 2003 enthüllten NSDAP-Mitgliedschaft in die Demenz geflohen. Eine Pietätlosigkeit? Ein Streitgespräch.

Tilman Jens, Walter Jens, Demenz, NSDAP

Tilman Jens, geboren 1954, ist der älteste Sohn von Walter Jens. Er lebt in Frankfurt und arbeitet als Journalist© Gaby Gerster

Herr Jens, Sie haben mehrere Auszüge aus Ihrem Buch "Demenz: Abschied von meinem Vater" (Gütersloher Verlagshaus, 17,95 Euro)über die Demenzkrankheit Ihres Vaters in der "Bild" vorab drucken lassen. Man könnte das als häppchenweisen Vatermord lesen.

Die Vatermord-These ist absurd und lässt sich durch keine Zeile meines Buches stützen. Auch nicht durch den Vorabdruck.

Sie sind Journalist. Sie können Medien einschätzen. Sie müssen doch sehen, wie unpassend es ist, dass der kritische Aufklärer Walter Jens im Zentralorgan für Voyeursjournalismus über seine Krankheit lesen müsste, wenn er denn noch lesen könnte.

Lassen wir die Kirche im Dorf. Einverstanden, die "Bild" ist ein nicht selten unangenehmes Blatt. Aber die bigotte Haltung vieler Kollegen gegenüber dieser Zeitung geht mir auf die Nerven. Jeder sagt "Igitt" - und jeder - wie man hört, selbst stern- Journalisten - liest das Blatt Morgen für Morgen, saugt die Trends heraus, hört, was der Boulevard so sagt. Ich habe mich mit einem Vorabdruck einverstanden erklärt, weil ich möchte, dass das Thema Demenz und Alzheimer breit diskutiert wird.

Jetzt kann man in der "Bild" über die feuchten Windeln von Walter Jens lesen. Fühlen Sie sich dabei wohl?

Ich fühle mich unwohl, dass mein Vater - wie Millionen Menschen - gewindelt werden muss. Sicher. Aber sind Windeln unwürdig? Wird er dadurch in seiner Größe, in seiner Menschlichkeit demontiert?

In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie Ihr Vater Sie das Nein-Sagen gelehrt hat: "Du hast mich 1968, da war ich knapp vierzehn, nächtens mit Deinen Studenten vor die Esslinger Druckerei des Springerkonzerns ziehen lassen, um die Auslieferung der ‚Bild‘-Zeitung am kommenden Morgen zu verhindern." Was ist seitdem passiert?

Seitdem sind 40 Jahre vergangen. Auch die "Bild" hat sich verändert. Damals schrieb die "Bild" DDR noch in Anführungszeichen. Damals war sie das Zentralorgan gegen die Apo. Ich bin kein Apologet der "Bild". Aber es ist nicht so, dass sich nicht dort auch etwas verändert hätte. Solange sie den Text in seiner ursprünglichen Form abdrucken, kann ich darin nicht einmal eine Geschmacklosigkeit entdecken.

Sie beschreiben, wie Walter Jens angesichts seiner vollen Windeln anfängt zu weinen. Warum breiten Sie das Leid Ihres Vaters in aller Öffentlichkeit aus?

Weil es zu dem realistischen Bild meines Vaters dazugehört. Schauen Sie: Eine Krankheit zu beschreiben, mit allem, wie das einen Menschen verändert, ist für mich nicht unwürdig. Genauso wenig wie die verschissenen Windeln eines Kleinkindes.

Der asketische Protestant Walter Jens war sicher niemand, der mit seinen Körperlichkeiten hausieren gegangen wäre.

Dann lesen Sie mal das Gespräch über seine Depression.

Da geht es um Geist.

Dann lesen Sie seine Texte über Asthma. Da geht es nicht um Geist. Wäre er zum Beispiel krebskrank, hätte er selber darüber geredet. Da bin ich mir sicher.

Hätte er sich defäkierend gezeigt?

Gezeigt gewiss nicht. Aber darüber geschrieben hätte er durchaus.

Hätte er von seinen vollen Windeln gesprochen?

Er kannte, was den Umgang mit Krankheit und Tod angeht, wenig Tabus. Er ist schonungslos mit sich umgegangen. Mit einer Ausnahme: seiner NSDAP-Mitgliedschaft.

Sie sagen, er sei schonungslos mit sich umgegangen. Aber bis zum Schluss haben Sie Ihrem Vater die Wahrheit über seine Krankheit nicht zumuten wollen. Er wusste nicht, an was er zugrunde geht.

Das ist für mich eines der ganz großen Themen. Ich hätte es ihm gesagt. Ich schreibe ja auch darüber. Meine Mutter sagte: "Tu es nicht." Sie nannte mir die Gründe. Da ist die Frage: Wie verhältst du dich? Klar ist: Ich muss als Journalist weiterarbeiten. Ich kann nicht sagen: Ich geh jetzt drei, vier Jahre nach Tübingen und pflege nur meinen Vater. Meine Mutter sagte zu Recht: "Ich muss das jeden Tag aushalten." Und sie sagte auch: "Er wird sich nicht umbringen, er wird sich nicht aus dem Fenster stürzen. Er wird nur noch trauriger werden." In der Zeit des Wegdämmerns war ich sicher jede Woche einmal da. Übrigens ohne Notizblock. Die Idee, dieses Buch zu schreiben, kam sehr viel später. Ich habe zu meiner Mutter gesagt: "Wenn du das so siehst, dann werde ich mich dem fügen. Du musst es ausbaden." Die Alternative wäre gewesen, es ihm zu sagen und dann bei ihm zu bleiben. Wie lange, weiß man nicht.

Sie fordern von Ihrem Vater in seiner NSDAP-Angelegenheit die Wahrheit. Aber Sie selbst enthalten ihm die Wahrheit über seine Krankheit vor.

Allen Zweifeln zum Trotz, die ich in der Frage "Sagen oder nicht sagen" habe: Sie vergleichen Äpfel mit Birnen. Es ist ein Unterschied, ob ich einem schwer kranken Mann seine Diagnose nicht mitteile. Oder ob ich meine Trauer darüber formuliere, dass mein Vater, der mit 19 in die NSDAP eintrat und nie einer Fliege etwas zuleide tat, an der Verdrängung, am Verschweigen seiner NSDAP-Mitgliedschaft zerbrach.

Sie schreiben, die Demenz sei eine Folge der Verdrängung der NSDAP-Mitgliedschaft. Ist Ihr Vater an seiner Demenz schuld?

Es geht nicht um Schuld. Um Himmels willen. Er ist tief traurig. Sie müssen sich vorstellen: Er war ganz oben mit dem Buch über Katia Mann. Auch das ist nicht einfach gewesen. Er hat zuvor ja allein geschrieben. Und plötzlich ist er mit meiner Mutter als Co-Autorin in der "Spiegel"-Bestsellerliste. Über Monate Platz zwei. Er war Bestsellerautor! Die haben 300.000 Exemplare verkauft. Er war ganz oben. Mit 80. Und dann kommt heraus, dass er Mitglied in der NSDAP war. Und auf einmal beginnt er zu rudern. Er sagt: "Ich bin ein Mann des Peutêtre, des Vielleicht." Das ist für mich ein erstes Stück Selbstabschaffung. Vernichtung von Identität. Das hat ihn in eine Depression geworfen. Ich habe es erlebt vor Ort. Dann ist er verstummt. Er wollte sich nicht mehr erinnern. Und dann erfahre ich, dass er schon ein Jahr zuvor Dokumente vorgelegt bekam, die ihn über diese Mitgliedschaft aufklärten. Er wusste alles vorher. Und er sagte uns kein Wort. Meine Mutter, mit der er immer alles besprochen hat, hat immer gesagt: "Das kann nicht sein." Mein Buch ist für mich ein Erklärungsversuch dieses Mannes und dieser Demenz.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 10/2009

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KOMMENTARE (7 von 7)
 
OttoB (08.03.2009, 13:22 Uhr)
Einfach erbärmlich
Ich bin auch krank, ein 100% Pflegefall ich finde es auch gut das über Krankheiten geredet wird, ich beteilige mich in einem Forum und da rede ICH offen über meine Krankheit, aber das entscheide ICH. Wenn ich Heute schon wüßte mein Sohn würde über mich und meine Krankheit ein Buch schreiben um damit Geld zu verdienen, noch heute würde ich den Kontakt abbrechen.
Ich finde es einfach erbärmlich die Kranheit und die Vergangenheit seines Vaters in die Öffentlichkeit zu ziehen. Wie die Krankheit begann, denn es war nicht plötzlich hätte er ihn fragen müssen. Aber den Mut hatte der gute Sohn wohl nicht, lieber feige etwas machen wenn man nicht mehr fragen kann.
Ich hoffe auf den Anstand der Menschen dieses Buch nicht zu kaufen und zu lesen.
Livia008 (08.03.2009, 12:57 Uhr)
Zwiespältigkeit
Um das Positive vorweg zu nehmen: ich finde es an der Zeit, öffentlich über die Leiden von schwerstkranken Menschen zu sprechen. Eine weitere Tabuisierung würde doch nur bedeuten, dass wir weiterhin versuchen Alte und Kranke als unappetitliche Begleiterscheinung des Lebens an den Rand des Bewußtseins zu drängen. Sehr eindrucksvoll hat das übrigens Papst Johannes Paul II. vorgemacht. Ich denke er hat uns mit seinem öffentlichen ertragenem Leiden alle beeindruckt. Das war sehr mutig von ihm!
.
Negativ allerdings sehe ich die Küchentisch-Psychologie des Sohnes, der das Bekanntwerden der NS-Vergangenheit seines Vaters mit seiner Flucht in die Krankheit in Zusammenhang bringt. Quasi als ob sich sein Vater der Verantwortung damit entzogen habe. - Das kann er ja als Sohn so naiv denken, es aber in die Öffentlichkeit zu tragen finde ich unsäglich. Durch diese Skandalisierung erreicht er natürlich mehr Publizität, als es sachliche Überlegungen zum Sterben seines Vater und generell zum Thema Tod und Sterben in unserer Gesellschaft möglich gewesen wäre.
Damit funktionalisiert der Sohn seinen kranken Vater, ja er benutzt sein Leiden (die feuchten Windeln) für sein Anliegen.
Fidi4877 (08.03.2009, 09:47 Uhr)
erbärmlich
Kann ich nur sagen, wenn man seinen eigenen Vater, nachdem er sich nicht mehr wehren kann, so fertig macht. Feige und hinterhältig. Und was hat ne Mitgliedschaft in der NSDAP schon zu sagen, waren fast alle drin. Wer jemandem so etwas vorwürft, ist schlichtweg dumm und hat keine Ahnung von der damaligen Zeit und Situation.
LaoLu (08.03.2009, 00:45 Uhr)
Ich verdränge hier überhaupt nichts.
Ich beklage nur, daß ein Mensch, der nach und nach seiner (in diesem Fall gewaltigen) geistigen Fähigkeiten verlustig geht, in die Öffentlichkeit gezerrt wird.
Früher hat man in solchen Fällen die Berichterstattung eingestellt und solche Menschen in Würde dahinscheiden lassen.
Das ist heute aus der Mode gekommen.
Und dann noch der eigene Sohn.
onkel.erwin (07.03.2009, 23:04 Uhr)
Es ist in der Tat sehr traurig,
wie hier volle Windeln und NSDAP-Mitgliedschaft in einen Topf geworfen und zu einem braunen Brei verrührt werden. Walter Jens hat diese Form des Abgesangs nicht verdient. Senile Demenz ist ein ganz schweres, hochempfindliches Thema, das unabhängig vom Belang einer einzelnen Person behandelt werden sollte, dies erfordert der Respekt vor den Betroffenen. Jens junior ist nicht gut beraten gewesen, mit dieser Blossstellung seines Vaters in die Öffentlichkeit zu drängen und damit die Würde eines alten Mannes in Zweifel zu ziehen. Welche Mechanismen mögen ihn wirklich dazu bewogen haben?
Anemone (07.03.2009, 19:59 Uhr)
Ist klar!
Eine Gesellschaft, die weitgehend alles verdrängt, was mit Tod, Krankheiten im Alter, die zum Tod führen; auf der anderen Seite jedoch beim Thema Sexualität kein Tabu mehr kennt, diese Gesellschaft ist erst einmal "peinlich berührt" etwas über die Wahrheit des Altwerdens zu hören!
Die Liebe und Wahrheit, wie (!) ein Sohn über diese weitverbreitete Krankheit seines Vaters berichtet, ist meines Erachtens i. O. Ich denke, für manchen Leser auch heilsam!
LaoLu (07.03.2009, 14:21 Uhr)
Mich schauderts -
was für ein mieser kleiner Wurm!
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