Der Tübinger Rhetorikprofessor Walter Jens leidet an Demenz. Nun erklärt sein Sohn Tilman Jens in einem Buch, sein Vater sei aus Scham vor seiner 2003 enthüllten NSDAP-Mitgliedschaft in die Demenz geflohen. Eine Pietätlosigkeit? Ein Streitgespräch.

Tilman Jens, geboren 1954, ist der älteste Sohn von Walter Jens. Er lebt in Frankfurt und arbeitet als Journalist© Gaby Gerster
Die Vatermord-These ist absurd und lässt sich durch keine Zeile meines Buches stützen. Auch nicht durch den Vorabdruck.
Lassen wir die Kirche im Dorf. Einverstanden, die "Bild" ist ein nicht selten unangenehmes Blatt. Aber die bigotte Haltung vieler Kollegen gegenüber dieser Zeitung geht mir auf die Nerven. Jeder sagt "Igitt" - und jeder - wie man hört, selbst stern- Journalisten - liest das Blatt Morgen für Morgen, saugt die Trends heraus, hört, was der Boulevard so sagt. Ich habe mich mit einem Vorabdruck einverstanden erklärt, weil ich möchte, dass das Thema Demenz und Alzheimer breit diskutiert wird.
Ich fühle mich unwohl, dass mein Vater - wie Millionen Menschen - gewindelt werden muss. Sicher. Aber sind Windeln unwürdig? Wird er dadurch in seiner Größe, in seiner Menschlichkeit demontiert?
Seitdem sind 40 Jahre vergangen. Auch die "Bild" hat sich verändert. Damals schrieb die "Bild" DDR noch in Anführungszeichen. Damals war sie das Zentralorgan gegen die Apo. Ich bin kein Apologet der "Bild". Aber es ist nicht so, dass sich nicht dort auch etwas verändert hätte. Solange sie den Text in seiner ursprünglichen Form abdrucken, kann ich darin nicht einmal eine Geschmacklosigkeit entdecken.
Weil es zu dem realistischen Bild meines Vaters dazugehört. Schauen Sie: Eine Krankheit zu beschreiben, mit allem, wie das einen Menschen verändert, ist für mich nicht unwürdig. Genauso wenig wie die verschissenen Windeln eines Kleinkindes.
Dann lesen Sie mal das Gespräch über seine Depression.
Dann lesen Sie seine Texte über Asthma. Da geht es nicht um Geist. Wäre er zum Beispiel krebskrank, hätte er selber darüber geredet. Da bin ich mir sicher.
Gezeigt gewiss nicht. Aber darüber geschrieben hätte er durchaus.
Er kannte, was den Umgang mit Krankheit und Tod angeht, wenig Tabus. Er ist schonungslos mit sich umgegangen. Mit einer Ausnahme: seiner NSDAP-Mitgliedschaft.
Das ist für mich eines der ganz großen Themen. Ich hätte es ihm gesagt. Ich schreibe ja auch darüber. Meine Mutter sagte: "Tu es nicht." Sie nannte mir die Gründe. Da ist die Frage: Wie verhältst du dich? Klar ist: Ich muss als Journalist weiterarbeiten. Ich kann nicht sagen: Ich geh jetzt drei, vier Jahre nach Tübingen und pflege nur meinen Vater. Meine Mutter sagte zu Recht: "Ich muss das jeden Tag aushalten." Und sie sagte auch: "Er wird sich nicht umbringen, er wird sich nicht aus dem Fenster stürzen. Er wird nur noch trauriger werden." In der Zeit des Wegdämmerns war ich sicher jede Woche einmal da. Übrigens ohne Notizblock. Die Idee, dieses Buch zu schreiben, kam sehr viel später. Ich habe zu meiner Mutter gesagt: "Wenn du das so siehst, dann werde ich mich dem fügen. Du musst es ausbaden." Die Alternative wäre gewesen, es ihm zu sagen und dann bei ihm zu bleiben. Wie lange, weiß man nicht.
Allen Zweifeln zum Trotz, die ich in der Frage "Sagen oder nicht sagen" habe: Sie vergleichen Äpfel mit Birnen. Es ist ein Unterschied, ob ich einem schwer kranken Mann seine Diagnose nicht mitteile. Oder ob ich meine Trauer darüber formuliere, dass mein Vater, der mit 19 in die NSDAP eintrat und nie einer Fliege etwas zuleide tat, an der Verdrängung, am Verschweigen seiner NSDAP-Mitgliedschaft zerbrach.
Es geht nicht um Schuld. Um Himmels willen. Er ist tief traurig. Sie müssen sich vorstellen: Er war ganz oben mit dem Buch über Katia Mann. Auch das ist nicht einfach gewesen. Er hat zuvor ja allein geschrieben. Und plötzlich ist er mit meiner Mutter als Co-Autorin in der "Spiegel"-Bestsellerliste. Über Monate Platz zwei. Er war Bestsellerautor! Die haben 300.000 Exemplare verkauft. Er war ganz oben. Mit 80. Und dann kommt heraus, dass er Mitglied in der NSDAP war. Und auf einmal beginnt er zu rudern. Er sagt: "Ich bin ein Mann des Peutêtre, des Vielleicht." Das ist für mich ein erstes Stück Selbstabschaffung. Vernichtung von Identität. Das hat ihn in eine Depression geworfen. Ich habe es erlebt vor Ort. Dann ist er verstummt. Er wollte sich nicht mehr erinnern. Und dann erfahre ich, dass er schon ein Jahr zuvor Dokumente vorgelegt bekam, die ihn über diese Mitgliedschaft aufklärten. Er wusste alles vorher. Und er sagte uns kein Wort. Meine Mutter, mit der er immer alles besprochen hat, hat immer gesagt: "Das kann nicht sein." Mein Buch ist für mich ein Erklärungsversuch dieses Mannes und dieser Demenz.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 10/2009