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Der tiefe Fall des Tiger Woods - und was dahintersteckt

Golf ist ein Kampf gegen sich selbst, und diesen Kampf scheint Tiger Woods verloren zu haben. Über den langen Leidensweg eines einstigen Champions.

Von Jochen Siemens

Tiger Woods

Müde und aufgedunsen: So wurde Tiger Woods, 41, Ende Mai in Florida von der Polizei aufgefunden

wird diesen Artikel nicht lesen. Er liest überhaupt nichts über sich, seit Jahren schon. Auch keine Sportberichte über sein Golfspiel, denn er findet, sein Spiel und sein Leben könnten nur Menschen beurteilen, die tatsächlich dabei waren, sagte er einmal. Auf dem Golfplatz seien das die Caddys, die neben ihm stehen. Und im Leben?

Am Montag der vergangenen Woche waren es zwei Polizisten, die nachts auf dem Military Trail in der Stadt Jupiter in einen schwarzen Mercedes auf dem Seitenstreifen sahen; der Motor lief, und der rechte Blinker blinkte. Die beiden Reifen auf der Fahrerseite waren platt, die Stoßstangen hatten Beulen, und am Steuer entdeckten sie einen Mann, der angeschnallt schlief. Sie öffneten die Tür und rüttelten ihn wach.

Man meint zu spüren, dass selbst die Polizisten mitleidig wurden

Es ist nicht überliefert, ob und wie schnell die Beamten erkannten, wer sich dann müde, verwirrt und wie in Zeitlupe aus dem Auto herauswand, aber man kann vermuten, dass die Beamten überrascht und womöglich schockiert waren, als sie auf dem Führerschein den Namen Eldrick Woods lasen. Sie hatten den größten und besten Golfer der vergangenen 20 Jahre vor sich. Aber wie US-Polizisten eben so sind, ließen sie ihn das übliche Drogen-Alkohol-Ritual exerzieren. Und filmten es. Gerade auf einem weißen Asphaltstrich gehen, was ihm leidlich gelang. Das ABC aufsagen, was Woods missverstand; er fragte mit schwerer Stimme, ob er wirklich die Nationalhymne rückwärts singen solle. Das Video war einen Tag später weltweit zu sehen, man meint zu spüren, dass selbst die Polizisten mitleidig wurden, als sie diesen Mann vor sich torkeln sahen. Höflich sei er gewesen, hieß es danach. Und er habe gefragt, ob es noch weit zu seinem Haus sei. "Nein, Sir, eigentlich nicht, aber Sie standen in der falschen Richtung."

In der falschen Richtung – nach über 25 Jahren Karriere und Weltruhm ist das nun die Überschrift des Lebens von Tiger Woods. Wer sich nicht so genau in der Welt des Golfs auskennt, für den ist Tiger Woods vielleicht nur der erste farbige, sagenhaft reiche und erfolgreiche Champion eines Sports, den nur ausüben kann, wer Zeit und Geld hat. Eines Sports, der sowieso immer aussieht wie ein Spaziergang mit kleinen weißen Bällen, die Anfänger so danebenschlagen, dass sie in Teiche plumpsen.

Schlag auf Schlag: Woods will zurück an die Spitze, hier bei einem Turnier im Februar in Dubai

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Wer sich ein bisschen besser auskennt, wird wissen, dass eine Sportart ist, die den Meistern gleichzeitig Kraft und Körperbeherrschung abverlangt; in kaum einer anderen Disziplin muss ein Athlet so filigran Muskeln und Bewegung auf den Punkt bringen. Außerdem müssen alle menschlichen Sinne den Course, also den Golfplatz, lesen, riechen und spüren können. Windrichtung, Temperatur, Grashöhe, alles muss sekundenschnell berechnet werden, damit der Ball mit genau dem richtigen Drive seine Flugbahn und sein Ziel findet. "Wie ein natürliches Halluzinogen zerteilt Golf den menschlichen Körper in seine verlängerten und fein verbundenen Komponenten", formulierte der Autor John Updike, der selbst ein passionierter Golfer war. Man braucht sich auf Youtube nur fünf Minuten Tiger Woods' Triumphe anzusehen, um Updikes Satz zu verstehen.

Das ist nicht mehr Sport, sondern Kybernetik

Etwa das 16. Loch in Augusta 2005. Ein kleiner, klackender Putt vom Rand eines schmalen Hügels, der Ball rollt erst in eine scheinbar falsche Richtung, nimmt dann aber eine kecke Kurve direkt zum Loch, rollt und rollt und zögert genau am Rand, fast als ob er noch überlegt, um dann gnädig – plopp – hineinzufallen. Das ist nicht mehr Sport, sondern Kybernetik, ein Zusammenspiel aller Elemente zu einer Funktion.

Aber, und das fragt sich seit vergangener Woche nicht nur die Golfwelt: Wie kann ein solcher Sport aus einem Helden, der 683 Wochen die Weltrangliste anführte, ein Wrack machen, das, nun auf Weltranglistenplatz 876, nachts auf einer Straße Mühe hat, den Finger gerade auf die Nase zu bekommen? Und das nicht, weil er vielleicht betrunken oder im Haschnebel war, nein, alle Drogentests in dieser Nacht waren negativ. Und er randalierte auch nicht, brüllte nicht, im Gegenteil.

Als die Welt noch fröhlich schien: Woods 2009 mit seiner Frau Elin sowie seinen Kindern Sam (l.) und Charlie. Mittlerweile ist das Paar geschieden

Als die Welt noch fröhlich schien: Woods 2009 mit seiner Frau Elin sowie seinen Kindern Sam (l.) und Charlie. Mittlerweile ist das Paar geschieden

Einen Tag später entschuldigte sich Woods öffentlich für sein Verhalten, er übernehme jede Verantwortung. Er habe wahrscheinlich die Wechselwirkung einiger Medikamente unterschätzt, die er einnimmt. Der listete er auf: Vicodin, ein Schmerzmittel, das zu Bewusstseinsstörungen führen kann. Turox, ein in den USA nicht zugelassenes Schmerzmittel, das zu starker Müdigkeit führt. Soloxex, noch ein Schmerzkiller. Sowie Vioxx, ein nicht mehr zugelassenes Schmerzmittel, das er aber zurzeit nicht einnehme, wie Woods aussagte. Wer schon die Warnung hiesiger Ärzte vor einer täglichen Aspirin-Tablette kennt, mag ahnen, was das Betäubungsbombardement bei Woods anrichtete.

Die Polizei hielt den Golfer mehrere Stunden fest und fotografierte ihn. Auf dem Bild sieht man einen müden, aufgedunsenen Mann mit traurig hängenden Augenlidern, genau das Gegenteil von dem Gewinnertypen Woods, der nach gelungenen Schlägen die Faust ballte und der lachen konnte wie der Hollywood-Star Denzel Washington.

"Ich konnte weiter gewinnen, weil ich mich körperlich ruinierte"

Genau da wollte er wieder hin. Wieder der Held werden, der er einst war. Sieben Operationen hatte Woods seit seinem ersten Profijahr 1996 ertragen, immer wieder das Knie, immer wieder der Rücken. Unzählige Turniere hatte er unter Schmerzen gespielt und gewonnen. "Ich konnte den Schmerz abstellen und spielen, das war gut, aber auch schlecht", sagte er mal. Schlecht daran war, dass die Verletzungen schlimmer wurden, "ich konnte weiter gewinnen, weil ich mich körperlich ruinierte".

Wie schafft es dieser Sport, einen Menschen derart kaputt zu machen? Golfspieler hauen sich nicht wie Boxer die Birne weich; sie haben nicht einmal einen Gegner, der ihnen mit Killerblick gegenübersteht, sondern lediglich einen, der auf dem Platz vor oder nach ihnen die Bälle schlägt.

Golf ist anders. Golf ist Krieg mit sich selbst. Bei weiten Schlägen muss der Oberkörper fast einmal um die eigene Achse rotieren, Standbein und Spielbein müssen hoch konzentriert choreografiert werden; jedes Gelenk wird bis zum Anschlag belastet. Das mag der Freizeitgolfer gar nicht so spüren, aber Profis wie Woods, die bei bis zu 20 Turnieren im Jahr antreten und die mit dem Vorsatz "Wenn ich auf den Platz gehe, will ich gewinnen" jedes Mal über die Schmerzgrenze spielen, können irgendwann Körper wie Ruinen haben. Und Woods lebt in einer Körperruine.

Tiger und Streife: Polizeibilder aus der Nacht der Festnahme.

Tiger und Streife: Polizeibilder aus der Nacht der Festnahme.

Er wollte es nicht wahrhaben. Woods' Karriere war schon lange zu einer Achterbahnfahrt geworden, in deren Verlauf er sich aber auch noch einmal – nach Wettkampfpausen– 2013 hatte auf Platz eins der Weltrangliste zurückspielen können. Ein weiteres Comeback hielt er immer für möglich. Du bist nur am Boden, um wieder aufzustehen, der Ali-Mythos gilt in den USA auf jeder Bühne und jedem Sportplatz. Woods hatte alle Platzrekorde der Golflegende Jack Nicklaus gebrochen. Nur dessen Bestmarke 18 gewonnener Major-Turniere hatte er noch nicht überboten. Woods sagte einmal, das wolle er auch gar nicht. Aber was sollte einer wie er sonst noch wollen?

Tiger Woods, ein verwirrter Junge, der in jede Venusfalle tappte

Einer, der schon im Alter von sechs Monaten die Golfschwünge seines Vaters imitierte und der kurz vor seinem zweiten Geburtstag noch in Windeln Bälle puttete, begleitet von Fernsehkameras. Woods' Leben war sein Sport, und sie gaben dem kleinen Eldrick den Spitznamen "Tiger", weil der Tiger der Beste ist. Das Leben abseits des Golfplatzes aber ging schief, 2009 scheiterte seine Ehe mit dem Model Elin Nordegren, nachdem Woods in der Nacht mit seinem Wagen einen Hydranten umgefahren hatte und in den Wochen danach unzählige Affären öffentlich geworden waren. Das Paar ist heute geschieden, teilt sich das Sorgerecht für die beiden Kinder.

Damals schien es, als sei er nicht der Ladykiller, zu dem die Medien ihn machten, sondern vielmehr ein vom realen Leben verwirrter Junge, der in jede Venusfalle tappte, die sich bot. Ein Gewinner vieler, manchmal aller Spiele, aber kein Sieger.

Knapp zwei Wochen vor der Torkelnacht in Florida hatte Woods verkündet, es gehe ihm besser als je zuvor. Er habe eine weitere Rückenoperation überstanden und werde bald wieder auf dem Platz stehen. Seine einst filigranen Glieder sind nun durch Muskeln aufgepumpt. Er wirkt, als würde er lieber mit einer Brechstange einlochen als mit einem Putter.

Sollte Tiger Woods tatsächlich wieder auf den Platz gehen, könnte es wie mit seiner vorerst letzten Autofahrt enden: in der falschen Richtung.

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