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"Wettertainer" unter Tiefdruck

Er hat das Wetter im deutschen Fernsehen zur Show gemacht und als Autodidakt eine Art Wetter-Imperium aufgebaut. Bislang ging es für Jörg Kachelmann stets nach oben. Doch jetzt sitzt der TV-Liebling aus der Schweiz in U-Haft.

Von Katharina Miklis

"Sonne, Wolken, aber vor allem auch Schnee und Stürme haben den TV-Meteorologen Jörg Kachelmann schon immer fasziniert", so beschreibt die ARD ihren berühmtesten Wettermann auf ihrer Internetseite. Die Sonne scheint im Hintergrund. Kachelmann lächelt in die Kamera. Das Haar leicht verwuschelt. So kennen Millionen Fernsehzuschauer den 51-Jährigen, der "Das Wetter im Ersten" kurz vor der Tagesschau moderiert und produziert. Doch jetzt bestimmen Wolken und schwere Gewitter einstweilen seine persönliche Wetterkarte: Vergewaltigung seiner Ex-Freundin, so lautet der schwere Vorwurf. Kaum von den Winterspielen aus Vancouver zurück, wurde er am Samstag am Flughafen in Frankfurt festgenommen. Sein Anwalt bestreitet die Vorwürfe als "frei erfunden", doch Kachelmann sitzt in U-Haft.

Über das Privatleben des Wettermannes ist kaum etwas bekannt. Acht Jahre lang soll er mit seiner Lebenspartnerin, die ihn nun anklagt, zusammen gewesen sein. Den Zuschauer interessierte in Bezug auf Kachelmann vor allem immer eins: Wie wird das Wetter morgen? Auf seine Aussagen war stets Verlass. Tatsächlich wollte der Schweizer schon als Kind Meteorologe werden. Bereits während seines Studiums der Geographie, Mathematik und Physik in Zürich arbeitete der Sohn eines Eisenbahners für diverse Wetterdienste. Um Geld zu verdienen, nahm er aber auch Jobs als Nachhilfelehrer und Briefträger an. Das Wetter war allerdings stets seine Berufung, in Interviews bezeichnete er es gar als "Lebensinhalt".

Kachelmann, der Studienabbrecher

Sein Studium brach Kachelmann 1982 zwei Monate vor dem Examen ab. "Ich wusste zu dem Zeitpunkt alles über Meteorologie, das ich im ersten Nebenfach studiert hatte und wollte auf eigenen Beinen stehen", erklärte er später. Von da an widmete Kachelmann sich komplett der Vermittlung und Vermarktung seiner Wetterprognosen. Noch im selben Jahr produzierte Kachelmann seine erste Wetterkarte für die Schweizer Boulevardzeitung "Sonntagsblick". Nach journalistischen Abstechern zum Lokalradio in Schaffhausen, wo er auch seine Jugend verbrachte, sowie in eine Wissenschaftsredaktion des Schweizer Fernsehens, wurde Kachelmann 1988 stellvertretender Chefredakteur der "Schweizer Illustrierten".

In Bächli bei St. Gallen kaufte der Wetterliebhaber und Hobbysegler gemeinsam mit dem heutigen RTL-Wetterexperten Christian Häckl ein altes Bauernhaus und baute sich eine vollcomputerisierte Wetterstation. Kachelmann ist kein ausgebildeter Meteorologe. Alles, was er über das Wetter weiß, brachte er sich selbst bei. Ein Autodidakt eben. Und zwar ein so erfolgreicher, dass er sich 1990 mit der Meteomedia AG selbstständig machte und als "Weatherman" beim populären deutschen Radiosender SWF 3 anheuerte. Der trockene Wetter-Jargon war ihm von Beginn seiner Karriere an zuwider. Er wollte nicht nur informieren, sondern auch unterhalten.

Sein TV-Durchbruch und ein großer Flop

Seinen großen Karriereschritt machte Kachelmann 1992 im ARD-Frühstücksfernsehen. Als "Wettermän" wurde er mit seinen frei vorgetragenen, lockeren Wetterprognosen zum Publikumsliebling. Kachelmann war immer heiter. Nie wolkig. Heute ist es ihm jedoch wichtig, nicht als Sprücheklopfer gesehen zu werden. "Ich war jung und brauchte das Geld", beschreibt er seine Anfangszeit beim Morgenmagazin. "Als ich 1992 anfing, habe ich schon mal aufgedreht und einen witzigen Spruch gemacht, das hängt mir scheinbar immer noch nach." Zwei Jahre später wurden Kachelmanns Beiträge ins Vorabendprogramm der ARD zur besten Sendezeit vor der "Tagesschau" aufgenommen. Für diese Beiträge gründete der geschäftstüchtige Wetterfrosch eigens eine zweite Firma, die Jörg Kachelmann Produktions AG. Meteomedia versorgte aus der Schweiz inzwischen zwölf Radiostationen sowie sieben Tageszeitungen mit Wettermeldungen.

Doch Jörg Kachelmanns muntere Art kam nicht nur vor der Wetterkarte gut an. Mitte der 90er war er sowohl im schweizerischen als auch im deutschen Fernsehen als Talkmaster und Moderator zu sehen. Von 1997 bis 2009 moderierte er die MDR-Talkshow "Riverboat". In unregelmäßigen Abständen ist er Gastgeber des MDR-Talks "Kachelmanns Spätausgabe". Einen seiner seltenen Rückschläge kassiert er als Quizmaster. Bei "Einer wird gewinnen" 1998 ein Nachfolger von Hans Joachim Kulenkampff zu werden, war dann doch eine Nummer zu groß für den Schweizer.

Kampf an der Wetterfront

Beim Wetter dagegen blieb er ein Ass. Dem staatlichen Deutschen Wetterdienst (DWD) wurde dies jedoch zum Dorn im Auge. Nicht ohne Grund: Anfang 2000 wechselte der WDR mit dem Wetterservice aller TV-Programme zu Kachelmann und kündigte dem DWD. Auch, weil die Wetterprognosen des sympathischen Wetterfrosches meist genauer waren als anderer Dienste. Ein Beispiel ist die Flutkatastrophe im Osten Deutschlands 2002. Kachelmann erkannte die Gefahr sowohl früher als auch genauer. Auch den Orkan "Anna", der im selben Jahr über Norddeutschland fegte, schätzte Kachelmann anders als der staatliche Wetterdienst richtig ein. Ein Jahr später kündigte auch die ARD ihren Vertrag mit dem DWD. In den Jahren darauf kam es immer wieder zu gerichtlichen Auseinandersetzungen zwischen Kachelmann und dem staatlichen Dienst. Der warf dem "Wettertainer" unter anderem vor, er würde unnötige Unwetterwarnungen zur Steigerung der Einschaltquoten einsetzen. Diese Aussage wurde dem Dienst jedoch gerichtlich untersagt.

Ein Star auch in den USA

Kachelmann blieb der nette Wettererklärer, dem die Zuschauer vertrauen. Der Lebensmittelkonzern Danone nutzte dieses Image und machte Kachelmann zum Testimonial für ihren Joghurtdrink Actimel. Auch wenn Kachelmann heute nicht mehr ganz so locker seine Wettersprüche klopft wie früher, sorgt er immer wieder für Aufsehen. 2009 berichtete sogar die "USA Today" über den Selfmade-Meteorologen, der während einer Wettermoderation im SWR seinen Bürokater auf den Arm nahm. Bei den diesjährigen Winterspielen in Vancouver überzeugte Kachelmann, als er sich via Twitter kritisch über die Eröffnungsfeier äußerte, während die ARD-Kommentatoren nur einschläfernde Bemerkungen machten. Das Geschäft lief sowieso: Seine Firma Meteomedia beschäftigt inzwischen rund 100 Mitarbeiter und soll schätzungsweise 20 Millionen Euro im Jahr umsetzen.

Ob der Rubel weiter rollt? Jetzt sitzt der Meteorologe erst einmal in U-Haft. Die Moderation für "Das Wetter im Ersten" werden für den Rest der Woche die Kollegen Claudia Kleinert oder Sven Plöger übernehmen. Wie es im Fall Kachelmann weitergeht, kann diesmal nicht einmal der Meteorologe selbst hervorsehen.

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