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Sexuelle Belästigung und Gewalt: Wie frauenfeindlich ist die Musik-Branche?

Ist die Karriere von Kesha am Ende? Seit die Sängerin ihrem Produzenten Dr. Luke sexuelle Belästigung vorwarf, durfte sie keine Musik mehr veröffentlichen. Ein Komplott? Jedenfalls kein Einzelfall in der Branche.

Kesha

Befindet sich seit Jahren in der Warteschleife: Popstar Kesha darf zurzeit keine Musik mehr veröffentlichen - sie wirft ihrem Produzenten vor, sie sexuell belästigt zu haben

Ende 2012 spielt Kesha ganz oben mit. Sie pflegt ihr Image als wilde Pop-Göre, ihr Hit "TikTok" gehört zu den meistverkauften digitalen Singles der Musikgeschichte und das zweite Album "Warrior" wird veröffentlicht. Mehr geht nicht - im Fall der heute 28-Jährigen im wahrsten Sinne des Wortes: Der Höhepunkt ihrer Karriere ist der Anfang eines nicht enden wollenden Albtraums für die Kalifornierin.

Die "Warrior"-Singles floppen, und Gerüchte über Differenzen zwischen Kesha und ihrem langjährigen Produzenten Lukasz "Dr. Luke" Gottwaldt machen die Runde. Sie sind nicht aus der Luft gegriffen, im Gegenteil: Es scheint alles noch viel schlimmer.

2014 erstattet Kesha Anzeige gegen Gottwaldt, in zehn Jahren Zusammenarbeit soll er sie wiederholt misshandelt haben: verbal, körperlich, sexuell. Gottwaldt kontert mit einer Verleumdungsklage - Kesha wolle sich bloß aus dem Vertrag mit ihm herausklagen. Zwei Alben hat sie bisher über seine Plattenfirma Kemosabe Records (unter dem Dach des Branchenriesen Sony) veröffentlicht, vier stehen noch aus. Zumindest theoretisch.

Ein Gericht entscheidet über Keshas Karriere

Ein Gericht wird am 19. Februar entscheiden, ob der Vertrag aufgelöst wird. Ob Kesha ihre Karriere fortsetzen kann. Fans sprechen ihr unter dem Hashtag #freekesha Mut zu. Die Sängerin selbst veröffentlicht via Youtube eine Coverversion von "Amazing Grace" - auf anderem Weg dürfe sie schließlich keine neue Musik veröffentlichen. Offen spricht sie auf ihrem Instagram-Account außerdem über ihre Ängste und Zweifel.

Im Netz wird der Fall kontrovers diskutiert: Würde die millionenschwere Sängerin ihre Karriere über einen Rechtsstreit riskieren, wenn an den Vorwürfen nichts dran wäre? Andererseits gilt Gottwaldt zwar als schwierig, unter dem Pseudonym Dr. Luke arbeitet er aber - auch weiterhin - mit den ganz großen Frauen des Pop-Business zusammen: Hits von Britney Spears, Kelly Clarkson, Miley Cyrus und Pink stammen aus seinem Studio.

Doch Keshas Vorwürfe sind schwerwiegend: Gottwaldt sei mitverantwortlich für ihre Essstörung, habe sie als "fetten Kühlschrank" beleidigt. Und immer wieder habe er sie unter Drogen gesetzt und sich anschließend an ihr vergangen - ein Vorwurf, der fatal an die Anschuldigungen gegen Bill Cosby erinnert, der sich über mehrere Jahrzehnte an mehr als 50 Frauen vergangen haben soll. Stimmen die Anschuldigungen, hätten in beiden Fällen mächtige Männer ihre Position im Showbusiness ausgenutzt.

Kesha und die Opfer von Bill Cosby sind aber nicht die einzigen Frauen, die mit schlimmen Erfahrungen aus dem Musik- und Showbusiness in der jüngeren Vergangenheit an die Öffentlichkeit gegangen sind: Laut einem Insider-Bericht von "Vice" hat so ziemlich jede Frau, die im Musikgeschäft arbeitet, ihre eigene Geschichte über ungewollte Aufmerksamkeit, sexuelle Belästigung oder Gewalt zu erzählen - zumeist im Zusammenhang mit Männern, die dabei ihre Machtposition missbrauchen.

Darunter prominente Fälle: Taylor Swift befindet sich derzeit in einem Rechtsstreit mit einem Radiomoderator, der sie 2013 begrapscht haben soll; Lady Gaga gab im Interview mit dem US-Radiomoderator Howard Stern an, als 19-Jährige von einem Plattenfirmenmitarbeiter vergewaltigt worden zu sein; Rapper Bobby Brown soll seine Frau Whitney Houston regelmäßig verprügelt haben, Chris Brown wurde gegenüber Rihanna handgreiflich; die Fernsehjournalistin Dee Barnes schilderte detailliert, wie HipHop-Ikone Dr. Dre sie auf einer Damentoilette verprügelte - aber nicht für den großen Erfolgsproduzenten des Rap hatte das Folgen, sondern für Barnes Karriere. Die geriet ins Stocken, Barnes wurde auf "schwarze Listen" gesetzt. Niemand in der Branche wollte seine Beziehung mit dem übermächtigen Dr. Dre aufs Spiel setzen. 

Im Gegensatz zu Kesha hat Dr. Luke weiter gut zu tun

Kein Zufall: Keshas Anwalt Mark Geragos hält die zahlreichen Skandale nur deshalb für möglich, weil die Musikindustrie sich ihnen einfach nicht stelle. Kurios: Geragos war 2008 auch der Verteidiger von Chris Brown im Rihanna-Fall. Bloß habe Brown seinerzeit  von der ersten Minute an Reue gezeigt, habe sich schuldig bekannt und Hilfe gesucht, so Geragos.

Lukasz Gottwaldt plant nichts dergleichen. Im Gegensatz zu Kesha hat er auch ordentlich zu tun: Seit er sich mit ihr überwarf, arbeitete er mit Katy Perry, Maroon 5, Nicky Minaj. Ein Ende seiner Erfolgsgeschichte scheint nicht in Sicht. Es sei denn, die Richter erklären am 19. Februar eine andere Wahrheit für gültig.

Sie könnten damit eine Lawine ins Rollen bringen.

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