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stern-Gespräch

Peinlich? Warum Frank Otto bei "Goodbye Deutschland" mitmacht

Er ist bei "Goodbye Deutschland" mit seiner 39 Jahre jüngeren Freundin Nathalie Volk zu sehen: Frank Otto ist der etwas andere Otto des Hamburger Versandhaus-Clans. Ein Gespräch über Peinlichkeiten, die 68er und das Leben als Millionär.

Ein Interview von Arno Luik

Frank Otto und Nathalie Volk

Frank Otto und Nathalie Volk turteln bei "Goodbye Deutschland"

Herr , schauen Sie gelegentlich nach, was für Geschichten über Sie im Netz kursieren, was für Clips auf Youtube mit Ihnen und Ihrer Freundin zu bestaunen sind, was Zeitungen über Sie so schreiben?

Ich krieg einiges mit, logisch, aber ich bin relativ unempfindlich, was die Privatsphäre angeht. Als Internatskind bin ich gewohnt, dass ich immer irgendwelche Beobachter um mich herum habe.

Aber wie ist es, wenn man eines Tages aufwacht, und die "Bild"-Zeitung brüllt einen an: " (19) liebt Otto-Millionär (58)"?

Das war etwas ungewöhnlich.

Ungewöhnlich?

Naja, plötzlich ist man ein bundesweites Ereignis, eine Sensation. Aber dann überschläft man das, man schüttelt sich, man wundert sich, dass die mehr wissen, als wir zu dem Zeitpunkt selbst wussten.

Tja, man wundert sich. Denn jetzt erfährt man, dass Sie und Ihre Freundin im "manchmal Fantasien holen" , dass beim Liebesspiel "das Licht an bleibt", dass es "je nach Stimmung" mal laut und leise bei Ihnen zugeht und …

Ja, das waren jetzt so Antworten auf Fragen, die neulich aufkamen bei der Filmpremiere von "Shades of Grey" und bei einem Maskenball, da sagt man halt so Sachen.

So Sachen wie: "Wir besitzen Sexspielzeug" , aber "ich weiß von Nathalie, dass sie Schläge nicht gut findet"?

Ja. Aber mal ehrlich, so ähnlich würde doch jeder antworten, wenn er gefragt würde. Ich persönlich habe überhaupt keine Probleme damit. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, ach, kommen Sie, das kennen Sie doch auch noch, die Zeit der freien Liebe, Kampf der Prüderie, in der man gesagt hat: Das Private ist politisch. Es hat doch jetzt viel mit Doppelmoral zu tun, dass Leute bestimmte Sachen nicht in der Öffentlichkeit wissen möchten.

Nathalie Volk und Frank Otto

Nathalie Volk und Frank Otto beim "Charity" machen auf den Seychellen.

Passt das zu Ihrem Namen? Zur hanseatischen Zurückhaltung? Es ist doch nur peinlich.

Aha. Ich wusste nicht, dass ich für hanseatische Zurückhaltung bekannt sein sollte. Ich war ja schon immer der etwas andere Otto. Der Rebell. Viele Hamburger, besonders in den wohlhabenden Familien, sind sehr medienscheu. Ich bin ja ein Medienunternehmer - warum sollte ich mich Journalisten verweigern, wenn sie fragen?

Staunen Sie manchmal, dass Sie nun mit einer fast 40 Jahren jüngeren Frau zusammen sind?

Ich war ja selber überrascht, dass das passiert ist. So eine attraktive junge Frau kennenzulernen. Ich wusste, dass das viele verblüffen wird. Ich denke ja dialektisch, ich habe also alle Fragen mit- und durchdacht, die auf mich zukommen würden.

Auch Ihre Freundin macht sich ihre Gedanken über diese Beziehung. Das Klatsch- und Tratschmagazin "OK!" zitierte sie mal so: "Frank hat Angst mich zu verlieren."

Ich bin kein ängstlicher Mensch, noch nie gewesen.

Und sie fährt fort: "Ich sage ihm oft direkt ins Gesicht, dass es auch noch andere gibt, welche, die noch mehr Geld haben."

Das hat sie am Tag nach der Veröffentlichung richtiggestellt! Da wird man im Vorbeigehen etwas gefragt, man sagt was, dann wird es radikal verkürzt, und plötzlich steht ein Irrtum für alle Zeiten im Internet. Sie meinte: Ich habe mich für Frank entschieden! Manchmal denkt man schon: Wo bin ich bloß? Es war wirklich ein Zufall zwischen Nathalie und mir. Ich weiß natürlich, man liest es ja allenthalben, ältere Herren brauchen das irgendwie. Einer hat zynisch geschrieben, das sei "das Aphrodisiakum des Alters" . Das kann er so sehen. Und es gibt ja dieses Bild oft von mondänen Urlaubsorten, dass einer, der keine Haare mehr auf dem Kopf hat, mit einem flachen vorfährt, die Beifahrertür geht auf, und dann steigen erst mal zwei gaaanz lange Beine aus. Das ist bei mir kein Motiv gewesen, null.

Wann ist Ihnen klar geworden, dass Sie jemand Besonderes sind?

Schon in der Schulzeit. Manche Erzieher wollten mich aus der Reserve locken, manche Lehrer gingen davon aus, dass ich in Mathematik besonders gut sein sollte: "Das bist du deinem Vater schuldig!" Das hat mich überfordert und genervt, warum sollte ich bessere Leistung bringen als andere? Da waren oft Erwartungen, die ich nicht erfüllen wollte, die nur meinen Widerspruchsgeist geweckt haben.

Mit dem Namen Otto, den fast jeder Deutsche kennt und mit unendlichem Reichtum verbindet - kann man da normal aufwachsen? Oder ist dieser Name eine Last?

Als Kind reflektiert man das alles nicht, man nimmt es hin, dass man aufwächst mit Kindermädchen, Haushälterinnen und so. Ich hatte das Glück, hier in Hamburg - bevor ich mit zehn ins Internat kam - in einer Gegend aufzuwachsen, wo ich auf Kinder aus Arbeiterhaushalten stieß.

Aber Ihre Eltern wollten doch sicherlich nicht, dass Sie - um ein Wort von Franz Josef Degenhardt zu benutzen - mit den Schmuddelkindern spielten?

Es war nicht gern gesehen, aber ich habe es getan. Kinder nehmen zwar die Unterschiede wahr, aber es stört sie nicht. Ich war der Anführer einer Kinderbande. Eines Tages, an dem wir eine Expedition in die Kanalisation machen wollten, hatte ich Hausarrest. Da haben die anderen Bandenmitglieder, einer nach dem anderen, so oft an unserer Tür geklingelt, bis mein genervtes Kindermädchen mich endlich raus ließ. Keines von diesen Kindern hatte Angst vor unserer Villa.

Im Blick zurück: Gibt es etwas in Ihrer Jugend, das Ihr Leben entschieden beeinflusst hat?

Im Lateinunterricht ging es nur um die Römischen Kriege, das war nicht mein Ding, draußen wütete der Vietnamkrieg, das berührte mich. Zeitungen und Musik waren im Internat verboten. Die Griffe waren von den Fenstern abgeschraubt, das hatte schon so einen Gefängnischarakter. Draußen tobten Studenten- und Schülerunruhen, drinnen im Internat war die Angst groß, dass die 68er-Stimmung auch uns erfasst.

Hat sie das?

Eine Sprachreise nach England hat mich verändert: Ich hab psychedelische Musik gehört, die Beatles, die Stones entdeckt, all das, was die Erwachsenen als "Negermusik" verdammten und für sie grauslig war.

Das hat Sie aus der Bourgeoisie rauskatapultiert?

Es war eine allumfassende Umbruchzeit. Etwas extrem Neues entstand. Jugendgangs und alle möglichen Strömungen, Hippies, Punks, Rocker - das war eine neue Kultur. Ich spürte: Mensch, da draußen - jenseits meiner Blase - ist was los, was mich wirklich berührt. Etwas Aufregendes. Mit kurzen Haaren war ich nach England gefahren, mit langen Haaren kam ich zurück.

Und Sie waren nun für den Otto-Konzern verloren.

Ich wollte schon früh etwas Künstlerisches machen. Musik. Malen. Ich wollte auch unabhängig sein vom Familienvermögen, nicht bloß ein Sohn von Otto sein, das ist ja keine erfüllende Lebensaufgabe. Ich habe eine Lehre gemacht am Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe, ich hab als Restaurator gearbeitet, später Kunst studiert, bin sechs Jahre lang mit meiner Band durch Deutschland getourt und …

Und Ihr Vater war enttäuscht von Ihnen.

Überhaupt nicht! Er ist 1913 geboren, noch im Kaiserreich. Er hat brutale Armut erlebt, weil das väterliche Geschäft bankrott ging. Er musste von der Schule, weil kein Geld dafür da war. Er hatte ein spannendes Leben mit vielen Auf und Abs, oft ging es bei ihm um Leben und Tod. Im Faschismus wurde er verhaftet, weil er als Kurier Zeitschriften transportierte, die gegen Hitler agitierten. Er wurde verhaftet, kam ins Gefängnis, brach aus, floh nach Polen …

Keine gute Idee.

Nein, denn als die Deutschen kamen, musste er seine Akten bereinigen – und kam deswegen als Kanonenfutter an die Front.

Hat es ihn verblüfft, dass er nach dem Krieg so einen riesigen Konzern aufgebaut hat?

Ja. Ich erinnere mich, wie wir zu Neckermann und Quelle hochschauten – und dass es die jetzt nicht mehr gibt, für mich ist das immer noch irre! Mein Vater hat wahnsinnig viel gearbeitet, die Aufbaujahre waren keine Entspannungsjahre. So habe ich ihn in Erinnerung: immer am Stehpult, immer aufrecht stehend. Er war ein Patriarch, klar, und es war ihm wichtig, dass ich seine Arbeit kennenlerne. Aber er hat akzeptiert, dass ich einen anderen Weg gehe. Ich denke, das hat auch damit zu tun, dass er ursprünglich Schriftsteller werden wollte. Er hat Bücher geschrieben, die in den wirren der Nachkriegszeiten ud der Flucht verloren gingen

Sie sind wohl der einzige Milliardärssohn, der ja auf einem Foto  in der rechtsradikalen "Nationalzeitung" zu sehen war, ein Foto gestaltet wie ein Fahndungsplakat: Man sieht Sie da mit Sturzhelm in einer Kette von Demonstranten und …

… darunter war die die Frage: "Wer kennt diese Männer?". Das war bei einer Demo gegen eine rechtsradikale Wehrsportgruppe, eine Aktion gegen Nazis hier in Hamburg.

Sie müssen damals oft auf Demos gewesen sein. Es gibt noch ein Bild von Ihnen - von einer Demonstration gegen das AKW Brokdorf:  Sie neben einem Demonstranten, der auf einen im Graben liegenden Polizisten einprügelt.

Ja, das Bild hat der stern veröffentlicht. Nach dem Demonstranten, den ich nicht kannte, wurde anschließend gefahndet. Das stern-Bild hat mir einen Schreck eingejagt. Man sieht mich zwar nicht, aber ich stehe direkt daneben und habe von der Situation auch Bilder gemacht. Ach, du Scheiße, dachte ich, jetzt suchen die mich auch! Ich habe dann die Bilder verschwinden lassen.

"Chaoten nehmen Tote in Kauf!" titelte damals das "Hamburger Abendblatt".

Wir sahen das anders: Wir sahen eine Energieform, die Tote in Kauf nimmt. Und, leider, Tschernobyl und Fukushima geben uns ja Recht. Unser Widerstand, war ein Kampf für das Leben. Ich hatte viel über Atomkraft gelesen, und ich hielt das immer für eine furchtbare, bedrohliche Energie. 

Gegen die man sich mit allen Mitteln wehren muss?

Es gab nicht nur die Grabenkämpfe am Bauzaun, es gab auch die sogenannten Latschdemos mit Eltern und Kindern. Aber klar, wir haben rauf und runterdiskutiert, wie erreichen wir unser Ziel? Legal? Illegal? Wie besetzen wir den Bauplatz? Gewalt gegen Schen? Da waren auch militante Gedanken dabei. Es ging um Zäune, Symbole, nie gegen Menschen. Keiner ist mit einer Knarre zur Demo. Aber mit Sturzhelmen, "passive Bewaffnung", hieß das.

"Passive Bewaffnung"?

Ja. Ich hatte so einen schwarzen Helm mit Ledernacken hinten - als Schutz  gegen Wasserwerfer. Wir wollten uns ja nicht schutzlos verprügeln oder wegspritzen lassen. Uns gab Kraft, dass wir wir sicher waren, auf der richtigen Seite zu stehen. Dann scheut man Konflikte nicht. Ich war auch im französischen Malville dabei.

1977? Bei jener Großdemonstration gegen den schnellen Brüter dort?

Das war richtig brutal, bürgerkriegsähnlich, die Polizei schoss mit Granaten, es gab einen Toten. In Brokdorf kam die Polizei mit Hubschraubern, es knattert, sie kommen auch mit Pferden, alles ist matschig, man hört sie kommen, und man sieht die ersten weißen Helme auftauchen. Man hat Schiss in der Hose, man läuft weg, man hat seinen Stolz, man greift an, man rennt weg – und über allem wabert das CS-Gas, überall dieser Geruch. Die Augen brennen. Die Gefühle gehen durcheinander. Da ist Angst in dir. Trotz. Wir sind viele. Wir geben nicht auf.

Ulla Jelpke, die heute für die Linke im Bundestag sitzt, war damals eine Funktionärin des Kommunistischen Bundes, mit dem Sie sympathisierten. Sie erinnert sich so an Sie: "Er war belesen, eifrig in Diskussionen und stolz auf diese Demos. Ein Beispiel dafür, dass man aus der Bourgoisie ausbrechen kann".

Ich habe mich nicht als Teil einer bourgeoisen Welt empfunden. Ich habe früh in Wohngemeinschaften gelebt, war Kriegsdienstverweigerer, hab in einem alternativen Kinderladen gearbeitet, das hat mich geprägt. Ich hab die Nähe der Studenten gesucht, und überall lagen damals Flugblätter rum, überall wurde politisch diskutiert. Ich wollte die Welt verstehen, und dann erlebte man damals Dinge, die man sich heute nicht mehr vorstellen kann.

Was meinen sie?

Die Welt war noch schwarz und weiß, wie das Fernsehen. Du hattest lange Haare - das machte dich verdächtig. Das gehörte ja zum Fahndungsprofil der RAF, also der Baader-Meinhof-Bande, wie es in den Zeitungen hieß. Ich bin am Hamburger Untersuchungsgefängnis vorbeigelaufen und habe aus einem Blumenkasten ein paar Blumen gepflückt, plötzlich gucke ich in die Mündung von sieben oder acht Maschinengewehren. "Blumen pflücken verboten!" Es waren ein paar Polizeiautos, die da quietschend angehalten hatten, die Polizisten dachten sicher: "Kommt, dem kleinen Hippie jagen wir jetzt einen Schreck ein!"

Haben Sie mal versucht, Einblick in Ihre Verfassungsschutzakte, die es ja sicherlich gibt, zu bekommen?

Nee. Ich hatte mal einen Termin beim Hamburger Bürgermeister Henning Voscherau. Er hatte da so eine Kladde vor sich auf dem Schreibtisch liegen und musste sehr grinsen.

Wie kommt es eigentlich, dass ein Millionärs-, nein, Milliardärserbe zum Kommunistischen Bund überläuft?

Ich bin nicht übergelaufen. Ich wollte eine  gerechtere Welt, ein eigentlich sozialdemokratischer Gedanke. Überall sah man Ungerechtigkeit. Es gab den Vietnamkrieg. In Spanien war die Franco-Diktatur, in Griechenland herrschte das Militär. Und auch vor Ort in Hamburg ging es ungerecht zu. "Eigentum verpflichtet!" heißt es im Grundgesetz, und mein Vater nahm diesen Spruch stets sehr ernst - auch das hat mich geprägt. Nicht wenige haben ganz unverschämt Eigentum als Eigennutz interpretiert. Es gab in Hamburg eine große Wohnungsnot und gleichzeitig ließen Spekulanten einen Wahnsinnsleerstand an Wohnungen zu. Der Unternehmer Heinz Ruppert ließ rund 170 bezugsfertige Wohnungen leer stehen, um die Preise in die Höhe zu treiben. Wir machten da dann eine Wohnungsbesichtigung.

Eine Wohnungsbesichtigung?

Ja. Um reinzukommen, mussten wir das Schloss knacken. Ich wurde festgenommen. Die Richterin und auch die Presse sympathisierten mit uns. Nach der Rechtslogik konnte sie das Knacken eines Schlosses nicht ignorieren, aber sie verdonnerte mich zur kleinstmöglichen Strafe, zu einem Tagessatz.

Sie wollten mal den gesellschaftlichen Umsturz, Sie wollten eine bessere, eine gerechtere Welt - was ist dabei herausgekommen?

Es hat sich doch einiges verbessert: Ab den Neunzigern hat der Staat keine AKWs mehr genehmigt - und bald gehen alle vom Netz.

Aber gerechter ist die Welt nicht geworden.

Nein, nicht allzu sehr jedenfalls.

Hier in Hamburg leben rund 270 000 Menschen leben in Armut - das sind 16 Prozent der Bevölkerung, darunter viele Kinder. Das heißt: Scham. Verzweiflung. Manchmal auch knurrende Mägen.

Ich weiß. Das ist erschreckend.

Wissen Sie, wie viele Millionäre es in Ihrer Heimatstadt gibt?

Nein.

42 000. Und wissen Sie, wie viele Milliardäre hier wohnen?

Nein.

Sie müssten sie doch kennen.

Nicht wirklich.

Es sind 18 Milliardäre. Hamburg - Heimat der Reichen, Heimat der Habenichtse.

Das mag sein. Die wichtigste Frage für mich ist: Wie kann man es steuern, dass die Kluft in der Gesellschaft nicht größer wird. Die soziale Frage gehört auf die Tagesordnung.

Ihr Bruder Michael hat eine Antwort: Er befürwortet höhere Steuern für Reiche.

Ich bin solchen Gedanken gegenüber nicht verschlossen. Aber bisher denke ich so: Hier muss ich helfen, da kann ich etwas unterstützen, dort schaut der Staat nicht hin.

Aber dieses Spenden hat doch etwas Feudalistisches an sich. Der Fürst gibt nur dem etwas, der ihm gefällt.

Da haben Sie recht. In Amerika hat jeder seine Charity und bebauchpinselt sich damit, aber am Ende kommt nichts bei den Bedürftigen an. Ich zahle lieber mehr Steuern, weil der Staat effizienter agieren kann als eine miesepückelige Stiftung. Aber der Staat kann nicht alles im Blick haben, er vernachlässigt viel. Ich bin ein Trüffelschwein und gucke mir Projekte an und sage: Ah, da gibt es ein Problem zu lösen.

Und Sie machen auch putzige Dinge: gemeinsam mit Ihrer Lebensgefährtin eine mehrteilige TV-Doku-Soap, die sich irgendwie mit dem Meer beschäftigt.

Nicht irgendwie. Es geht ganz konkret darum, die Menschen dafür zu sensibilisieren, wie wichtig das Meer ist. Wir kommen aus dem Meer. Alles Leben kommt aus dem Meer. Wir sind abhängig vom Meer.

Ihre Freundin sagte vor Drehbeginn: "Es war schon immer mal mein Traum, auf die Seychellen zu reisen." Das hört sich nicht allzu sehr nach Aufklärung an.

Nein. Aber mir geht es darum, nicht tatenlos zuzuschauen, wie die Menschen den Ast absägen, auf dem sie sitzen. Ich will sie zur Liebe für das Meer verführen, eine Begeisterung auslösen, aber nicht mit erhobenem Zeigefinger agitieren.

Dazu passte ja auch der Arbeitstitel der Serie: "Frank & Nathalie - das Meer und die Muse".

Ich will Zuschauer erreichen, denen das Meer noch nicht viel bedeutet. Aber vielleicht schaltet man neugierig ein, um zu sehen, was der Alte und die junge Frau da machen. Nathalie sieht attraktiv aus, man kennt sie aus dem Dschungel-Camp, man kennt sie aus "Germany's Next Topmodel".

Aber das macht sie doch nicht glaubwürdig im Kampf gegen das Sterben der Korallen.

Natürlich nicht. Aber sie stellt Fragen, um Dinge zu erfahren und zu lernen. Und so nehmen wir die Zuschauer mit auf eine Entdeckungsreise - und vielleicht klickt er dann auf die Seite der Deutschen Meeresstiftung und lernt, wie wichtig das alles ist.

Da drüben an der Wand Ihres Büros wird auf einem Plakat für eine Veranstaltung mit dem Ökonomen Nico Paech geworben. Er ist für den radikalen Verzicht auf Autos, Reisen in Flugzeugen, Leben in Villen, anders sei die Welt nicht mehr zu retten. Für ihn sind Sie sicherlich ein großer Umweltsünder.

Ja. Ich habe meine Bequemlichkeiten. Wir alle wissen, wir müssen das Ruder rumschmeißen, um diese Erde nicht zu zerstören. Ich bin nicht der vorbildliche Öko-Freak, das weiß ich, und ich fände das auch spießig. Aber wenn ich etwas Schädliches unternehme, habe ich in der Tat ein schlechtes Gewissen. Ich versuche das dann auszugleichen. Ich setzte mich dann hin, überschlage beispielsweise alle meine Flüge und spende dann an die Klimaschutzorganisation "Atmosfair".

Das ist wie der Ablasshandel, mit dem die katholische Kirche früher Sündern vergab.

Es ist ein Ablasshandel, ja natürlich. Aber einer, der hilft, ein wenig zumindest.

"Die bessere Welt", sagt Paech, für dessen Auftritt Sie dort drüben werben, "ist nicht käuflich, sondern nur durch eigenes Tun und Üben herzustellen".

Ja, so kann man es sehen. Die Macht des Verbrauchers. Man muss sich ändern. Aber ich denke, kleine Schritte in die richtige Richtung sind auch wichtig.

Kleine Schritte - hilft das? Während wir hier reden, spülen Megacitys in Asien und Afrika riesige Mengen Plastik in die Ozeane.

Ja, und wir Europäer haben jahrzehntelang Atommüll im Atlantik, in Nord- und Ostsee verklappt – in Fässern, die durchrosten. Und noch immer, Tag für Tag, lässt man radioaktives Abwasser in den Ärmelkanal und die Irische See. Man könnte verzweifeln, aber man muss weitermachen.

So wie es in einem Lied von Konstantin Wecker heißt? “Weiterkämpfen, auch wenn die ganze Welt den Arsch offen hat!”

Genau. Viele Dinge brauchen einfach Zeit. Lange wurden Bioprodukte verspottet, aber heute findet man sie in jedem Supermarkt.

Eine Frage noch, die ich schon immer mal einem richtig Begüterten stellen wollte, darf ich?

Ja, klar.

Einmal im Jahr kommt die Reichenliste vom Forbes-Magazin heraus. Schaut da Ihre Familie, wo sie steht? Noch immer auf Platz 3 oder sind wir abgerutscht, sind wir hochgeklettert?

Ich guck da nicht drauf. Ich komme da nicht vor, werde da nie vorkommen. Mich interessiert das nicht.

Aber wie ist das, wenn man sich nie Sorgen machen muss, wenn man sich alles leisten kann?

Man macht sich trotzdem Sorgen - weil der Mensch einfach ein problembewusstes Wesen ist. Quelle und Neckermann sind hinweggefegt worden, alles ist möglich. Ich sehe das so: Unternehmen sind wie Blumen, die erst mal ganz mühsam aus der Erde hervorkommen, dann wachsen und blühen sie, schließlich verwelken sie, und irgendwann sind sie kaputt. Das ist das Leben.

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