HOME

Tobias Schlegl wird Notfallsanitäter - die Wahrheit hinter seiner Entscheidung

Die TV-Karriere von Tobias Schlegl führte vom Musiksender Viva bis zum ZDF-Kulturmagazin "Aspekte". Nun wird der Moderator Notfallsanitäter. Lesen Sie hier das komplette Interview zu seinem Berufswechsel.

Tobias Schlegl

Alle Level im alten Leben durchgespielt: Tobias Schlegl, 38, will künftig Menschenleben retten.

Herr , als Fernsehmoderator haben Sie es vom Musiksender Viva bis ins ZDF-Kulturmagazin "Aspekte" geschafft. In Zukunft werden Sie Krankenwagen fahren. Was ist passiert?
Ich stand 21 Jahre lang vor der Kamera. Das war ein großes Glück und Privileg. Und dennoch hatte ich das Gefühl, mein Leben ist bisher wie ein Computerspiel verlaufen: Alle Level sind durchgespielt. Ich bin fertig. Ich sagte mir: Das kann nicht alles sein. Deshalb will ich nun hauptberuflich Notfallsanitäter beim Deutschen Roten Kreuz werden.

Verstehen wir das richtig? Sie hatten keinen Stress mit dem ZDF? Keinen Streit mit Kollegen? Keinen Burnout? Und wollen aus dem Jobwechsel kein Buch und keinen Film machen?
Tut mir leid für das Interview, aber ich hatte keinen Burnout, war nicht depressiv, wollte mir nicht die Pulsadern aufschlitzen. Ich hatte tolle Kollegen und fühlte mich in meiner wertgeschätzt. Trotzdem wuchs in mir eine gewisse Unzufriedenheit. Eine Sehnsucht.

Wonach?
Ich wollte etwas gesellschaftlich Relevantes machen. Etwas, das meinem Dasein Sinn verleiht. Ich habe mir immer häufiger die Frage gestellt: Was will ich im Leben wirklich? Bildungsfernsehen zu machen ist ja schön und gut, aber es gibt dann doch noch Dinge, die wichtiger sind.

Beschäftigt Sie diese Frage schon länger?
Das geht schon vier, fünf Jahre so. Es war wie ein stetiges Brummen in meinem Kopf. Ein Begleitgeräusch, das ich immer wieder gut verdrängen konnte. Das dann aber stets zurückkehrte - und immer lauter wurde.

Woher kam dieses Brummen?
Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht. Vielleicht sind das die Spätfolgen der Zeit, als ich so eine Art Jugendvertreter im Rat für Nachhaltigkeit der Bundesregierung war. Da und vor allen Dingen auch beim N-Klub, einem Nachhaltigkeitsnetzwerk in Hamburg, bei dem ich Gastgeber bin, habe ich sehr viele engagierte Menschen kennengelernt und mich immer häufiger gefragt: Was machst du eigentlich selbst? Du moderierst Sendungen, du ärgerst Politiker vor laufender , aber richtig für eine Sache engagierst du dich nicht. Ich war immer nur dabei, wenn andere etwas hervorgebracht haben, aber habe nie selbst etwas getan. Das hat an mir genagt.

Eine Sinnkrise kennen viele Menschen. Aber nur wenige ändern wirklich etwas.
Ich konnte das Brummen nicht mehr ignorieren. Ende 2015 wurde es so laut, dass ich dachte: Ich werde mir immer vorwerfen, das Neue nicht gewagt zu haben, wenn ich es nicht wenigstens einmal probiert habe.

Warum ausgerechnet Notfallsanitäter?
Ich habe mich eines Abends hingesetzt und auf einen Zettel all die Berufe geschrieben, die ich als sinnvoll erachte: Lehrer, Feuerwehrmann, Bauer, Erzieher, Arzt. Und in Klammern: Politiker. Dann habe ich bestimmte Berufe wieder weggestrichen.

Welchen traf es als ersten?
Politiker.

Warum?
Weil ich inzwischen verstehe, dass Politik immer Veränderung in kleinen Schritten bedeutet. Das frustriert mich.

Was haben Sie dann durchgestrichen?
Lehrer. Dann Bauer, Erzieher, Feuerwehrmann. Übrig blieb der Arzt. Allerdings hatte dieser Job einen Haken: Ich bin 38 und möchte einen schnellen Einstieg in eine neue Berufswelt. Das schloss das Medizinstudium aus. Aber mich haben medizinische Dinge immer fasziniert. Ein Notfallsanitäter ist eine Mischung aus Notarzt und Sanitäter. Ein Job, der in dieser Form tatsächlich erst neu geschaffen wurde. Mir wurde klar, dass es einfach nichts Relevanteres für mich geben kann, als an der Nahtstelle von Leben und Tod zu arbeiten. Genau da will ich hin.

Kennen Sie andere Menschen, die diesen Beruf ausüben?
Ja. Und sie haben mir unabhängig voneinander einen Satz gesagt, der mich beeindruckt hat: Wenn du abends nach Hause kommst, weißt du wirklich, was du gemacht hast. Das ist ein ganz, ganz großer Unterschied zu meinem bisherigen Job.

Sie waren Messdiener, sind Mitglied bei Attac und Foodwatch, sind Vegetarier, beziehen Ökostrom, setzen sich für Nachhaltigkeit ein. Bald also Notfallsanitäter. Haben Sie einen Helferkomplex?
Ja, mag sein.

Woher kommt das?
Ich kann das nicht analysieren. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Er braucht die Umwelt, er braucht andere Menschen. Ich glaube, dass eine Gemeinschaft nur dann funktioniert, wenn man sich für andere einsetzt. Das ist der Kern Idealismus in mir.

Sie wollen tiefergehen.
Ich wollte auch die eigene Angst vor dem Unbekannten überwinden.

Wie verlief die Bewerbung?
Meine Unterlagen habe ich wie in Trance zusammengestellt. Wie auf Autopilot. Ich sagte mir: Mal sehen, was passiert.

Und was passierte?
Es kam ein Brief. Ich wurde eingeladen. Sporttest, Wissenstest, Gespräch. 200 Bewerber für fünf Stellen. Ich musste mit lauter 20-Jährigen um die Wette rennen und Hanteln stemmen. Früher war ich immer der Jüngste, jetzt war ich der Älteste.

Hatten Sie Angst zu versagen?
Nein, ich nahm das anfangs noch locker. Vielleicht um mich vor der Enttäuschung zu schützen, sollte ich abgelehnt werden. Dann kam die Zusage. Und es wurde ernst. 

Wie haben Sie reagiert?
Ich musste laut lachen. Ich habe mich sehr, sehr, sehr gefreut. Und da war mir klar: Das machst du jetzt.

Klingt furchtlos.
Die Angst kam in dem Moment, als ich die Entscheidung gefällt hatte. Die Nächte danach waren der Horror.

Warum?
Ich konnte nicht mehr schlafen. Ich stellte mir mein zukünftiges Leben vor. Alle möglichen Gedanken rasten durch meinen Kopf. Ich sah mich im Einsatz, in voller Notfallsanitäter-Montur. Heftige Einsätze waren das. Blut. Not. Wie in einem hysterischen Hollywoodfilm. Ich bin mehr als einmal schweißgebadet aufgewacht.

Sie hatten Selbstzweifel?
Es war eher die Angst vor der eigenen Courage. Der Gedanke, dass ich einen guten Job, für den ich so lange gearbeitet habe, nun einfach hinschmeiße. Ich habe mich immer wieder gefragt: Was tust du da? Was sollen denn diese Aussteigerfantasien? Bist du nicht vielleicht einfach ein bisschen überarbeitet? Ich habe an meinem eigenen Verstand gezweifelt. In manchen Momenten tue ich das noch immer.

Wen haben Sie um Rat gefragt?
Letztlich habe ich das alles mit mir selbst ausgemacht. Es war ein Kampf.

Warum haben Sie sich niemandem anvertraut?
Ich habe meinen Wunsch nach Veränderung lange Zeit als Hirngespinst abgetan. Und ihn immer wieder verdrängt. Ich wollte da nicht ran. War mir unheimlich. Aber als ich den Vertrag unterschrieben hatte, wusste ich: Jetzt ziehst du es wirklich durch. Da habe ich dann meine Freunde informiert.

Wie war die Reaktion?
Mund auf, ungläubig staunender Blick. Allen stand das große Fragezeichen im Gesicht. In jedem Fall musste ich viel erklären: dass meine Entscheidung keine Schnapsidee einer durchzechten Nacht war. Die anfängliche Verstörung verwandelte sich meist ziemlich schnell in großes Verständnis. Und die Leute sagten: "Oh, über eine solche Idee habe ich auch schon oft nachgedacht!"

Hat Sie niemand ausgelacht?
Ein paar Menschen sagten: Du bist total verrückt! Das kaufe ich dir nicht ab!

Kein Wunder. Sie haben ja auch schon bei Ihren Außeneinsätzen für das NDR-Magazin "Extra 3" Menschen provoziert.
Die Leute vom dachten am Anfang auch, meine Bewerbung sei nicht echt. Die hielten mich für eine Art Günter Wallraff ohne Verkleidung.

Und wie reagierten die ZDF-Kollegen?
Die waren netterweise sehr traurig. Mein Redaktionsleiter hat mich fest in den Arm genommen.

Was hat er gesagt?
"Respekt!"

Und wie haben Sie sich da gefühlt?
Ich hatte einen Kloß im Hals.

Hypothetische Frage: Würden Sie auch gehen, wenn Sie die mediale Bedeutung eines Jan Böhmermann hätten?
Meine Zweifel wären trotzdem gekommen. Da bin ich ganz sicher. Anarchie zu machen reicht mir als Lebenssinn nicht aus.

Man hat Sie mal den "kleinen Stefan Raab" genannt. Schmerzt es, nie ein ganz Großer des deutschen Fernsehens gewesen zu sein?
Ich war sehr glücklich mit meinem Leben. Von zu "Aspekte" - mehr geht eigentlich moderativ nicht. Meine Meinung.

"Das Wehklagen soll groß sein, wenn ich in 10 Jahren gehe", haben Sie 2007 in einem Interview gesagt. Jetzt gehen Sie. Haben Sie Angst, dass das Wehklagen ausbleibt?
Das Wehklagen war in der "Aspekte"-Redaktion vorhanden. Der Rest ist mir egal.

Kein Abschiedsschmerz?
Natürlich tut es auch weh, diesen Schritt zu gehen. Ich habe meinen Job vor der Kamera ernst genommen, aber ich wusste immer: Das ist nicht die Welt. Ich verstehe bei vielen TV-Kollegen nicht, dass sie ihr Beruf wirklich ausfüllt. Vielleicht tut er das auch gar nicht. Aber vielleicht denken sie, es läuft gerade so gut. Oder sie haben zu große Angst, etwas zu verändern.

Was werden Sie im neuen Beruf verdienen?
In den drei Jahren Ausbildung etwa 700 bis 800 Euro brutto im Monat.

Oh!
Wird gar nicht so einfach. Zumal ich ja nicht mehr Anfang 20 bin und in einer WG lebe. In sozialen Jobs muss man eben Abstriche machen. Großes Gehalt plus großer Sinn plus eine Prise Ruhm - einen Job mit der Kombination gibt es einfach nicht.

Und wenn Sie die Ausbildung beendet haben ...
... liege ich etwa bei 2500 Euro brutto. Zeigt wieder, dass viele gesellschaftlich relevante Jobs ziemlich unangemessen bezahlt werden. Wenn man einigen Fernsehmoderatoren die Hälfte des Gehalts wegnehmen würde, hätten die immer noch deutlich mehr als viele Menschen, die sich sozial engagieren. Aber solch eine Neid- und Vergleichsdiskussion ist sinnlos und macht nur schlechte Laune.

Wie regeln Sie das denn finanziell?
Tatsächlich gar nicht so einfach. Ich habe ein bisschen was gespart, um über die drei Ausbildungsjahre zu kommen. Danach muss ich sehen.

Sie sind nicht reich?
Nein, leider nicht. Andere kommen doch auch mit so einem Gehalt aus. Ich halte mir aber eine Minitüre auf: So wie andere putzen gehen oder Zeitungen austragen, werde ich ab und zu noch einen Beitrag fürs Fernsehen machen. Oder eine Radiosendung moderieren.

Also doch kein vollständiger Rückzug?
Ich will nicht meine komplette Vergangenheit verbrennen und alle Brücken hinter mir abbrechen müssen. Mein Hauptberuf wird jetzt allerdings ein anderer sein.

Blicken Sie mal fünf Jahre nach vorn. Was sehen Sie?
Ich gehe ins Ungewisse. Ich weiß nicht, was mich erwartet.

Fantasieren Sie.
Ich rette einem Menschen das Leben. Dann hätte sich das alles schon gelohnt.

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools