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... Olaf Kracht?

In rund 115 Sendungen provozierte der RTL Moderator Anfang der 90er Jahre seine Gäste auf dem "Heißen Stuhl" - gern zu Themen wie "Sex und Schmerz" oder "Männer sind hirnlos".

Herr Kracht, kurze Quizfrage: Was, glauben Sie, bringt ein "Original-Olaf-Kracht-Autogramm auf RTL-Autogrammkarte" bei Ebay?

Du liebe Güte. Da bezahlt doch heute kein Mensch mehr was für.

Einsfünfundsiebzig.

Ehrlich? Na, da kann ich mich ja nicht beschweren.

Aber, aber. So bescheiden?

Nö, aber meine Fernsehzeit ist nun doch schon ziemlich lange vorbei. Obwohl: Merkwürdigerweise erkennen mich immer noch ab und zu Leute auf der Straße. Allerdings fragen die dann meist: "Kennen wir uns nicht irgendwoher?" Auf den "Heißen Stuhl" kommt keiner direkt.

Da haben Sie ja Glück! Schließlich will man nicht ewig als Oberrüpel durchs Leben gehen.

Wenn auch Sie bitte zur Kenntnis nehmen würden, dass der Talkshow-Krawallo eine Rolle war. In Wirklichkeit war ich schon immer ein ruhiger und höflicher Mensch. Leider war die Trennung von Realität und Konzept vielen Zuschauern nicht vollständig zu vermitteln.

Immerhin waren Sie der Erste, der im Fernsehen so richtig die Sau rauslassen durfte.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie es war, wenn man Ende der 80er Jahre ein Interview mit Politikern oder sonstigen Entscheidungsträgern vor der Kamera führen wollte. Da wurden erst ausformulierte Fragenkataloge eingereicht, hinterher auswendig gelernte Antworten abgespult. Beim "Heißen Stuhl" gab’s Spontaneität und Authentizität und ...

... Brüllerei und Beleidigungen und Hysterie.

Da wurde eben Tacheles geredet. Wir haben die Leute emotional gepackt. Das war völlig neu. Ich bin mir ziemlich sicher, dass eine solche Sendung auch heute wieder Erfolg hätte. Die Leute sehnen sich doch danach, dass endlich mal Klartext geredet wird. Nach meinem Geschmack könnten 80 Prozent des Fernsehprogramms ersatzlos gestrichen werden: dieser weich gekochte, dreimal aufgewärmte Einheitsbrei.

Falls Ihre Mord- und Totschlagshow "Augenzeugen-Video" mehr nach Ihrem Geschmack war ...

Moment! Bei "Augenzeugen-Video" ist kein Mensch zu Tode gekommen oder lebensgefährlich verletzt worden. Solche Videos hatten wir natürlich, wir haben sie aber nicht gesendet. Außerdem geht das, was heute im Fernsehen läuft, weit über das hinaus, was wir damals gemacht haben. Stichwort: "Bürger als Journalisten".

Heute filmen 14-Jährige mit wackliger Handykamera halbnackte Soapdarsteller. Bei Ihnen gab’s Videos von verprügelten Babys und Haifischmassaker.

Okay. Ich habe mir mit der Sendung ja auch eine blutige Nase geholt. Natürlich war das ein Format, in dem es darum ging, möglichst fette Schlagzeilen zu produzieren, um satte Einschaltquoten zu erzielen.

Und Sie waren jung und brauchten Geld?

Klar. Als ich mit dem "Heißen Stuhl" anfing, war ich 26. Wenn Sie dann drei bis vier Millionen Zuschauer vor dem Fernseher versammeln, ist das für einen jungen Menschen ein ziemlicher Hammer.

Heute machen Sie Bordfernsehen für die LTU. Das ist bestimmt auch total spannend.

Meine Agentur kümmert sich um Unternehmenskommunikation und Marketing - auch für LTU. Das machen wir seit 1995. Und es bietet die Möglichkeit, spannende und abwechslungsreiche Sachen für TV, Radio und Print auf die Beine zu stellen.

Schön gesagt. Und jetzt mal ehrlich.

Ganz ehrlich. Ich hätte heute überhaupt keine Lust mehr, vor einer Kamera rumzuturnen. Was ich damals erlebt habe, reicht mir. Außerdem will mich inzwischen nun wirklich kein Mensch mehr sehen. Ich hab ja kaum noch Haare.

Interview: Christoph Wirtz

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