Heute wird in Essen die "Love Parade" gefeiert. Aber ohne Matthias Roeingh. Der Berliner DJ mit dem Künstlernamen "Dr. Motte" kam als "Vater der Loveparade" zu weltweitem Ruhm. 2003 organisierte er den Techno-Umzug zum letzten Mal; 2006 stieg er ganz aus.

Matthias Roeingh, 47, in einem Café im Berliner Kiez Prenzlauer Berg
Nehmen Sie den Spitznamen: Motte.
Das war 1992, da hab ich im Club 90° in Berlin als Afterhour-DJ aufgelegt. Weil ich da die Leute immer so schön verzaubert hab, bekam ich ein graviertes Metallschildchen geschenkt: "Dr. Motte, Psychiatrische Abteilung".
Doktor ehrenhalber, genau. Noch passender: Dr. v. – Doktor verdientermaßen.
Ja, davor habe ich sechs Jahre als Betonbauer gearbeitet. Dann hatte ich da keinen Bock mehr drauf, hab meine Lieblingsmusik aus dem Radio auf Kassetten aufgenommen und sie in den Kneipen von Kreuzberg verkauft. Es lief gut. Die Leute liebten meine Musik. Und ich hatte immer welche bei mir. So ging das los.
Mir war aufgefallen, dass damals auf Demos immer alle "Gegen ...!" riefen und nie "Für ...!". Ich wollte eine neue Form von Demonstration: für Frieden. Für die Musik als Mittel der Verständigung. Und für die gerechte Nahrungsmittelverteilung. Übersetzt in das erste Loveparade-Motto: "Friede, Freude, Eierkuchen!"
... die Schönheit der Welt retten und sie ein wenig vertiefen. Freiräume wie die Loveparade sind nötig, um die Gesellschaft zu heilen. Denn das haben wir ein bisschen verlernt: die Freiheit des Seins zu genießen.
Diese Entwicklung war selbst verschuldet. 2001 hatten wir verpennt, bei der Stadt Berlin rechtzeitig den Termin für den ersten Julisamstag zu beantragen. Eine andere Demo war schneller. Wir zogen für unseren Stammtermin vor Gericht - und verloren unseren Status als politische Demonstration. Damit hatten wir plötzlich horrende Kosten für Polizei und Müllbeseitigung zu tragen. 2004 und 2005 musste die Parade deswegen ausfallen.
Dass ein Sponsor aus Reklamegründen die Inhalte einer solchen Veranstaltung generiert, das geht zu weit. Damit will ich nichts zu tun haben.
Nein ... Na ja, gut, ich hab mich kurz in die S-Bahn gesetzt und bin über die Tiergarten-Brücke gefahren - und hab dann von da oben aus überall diese gelben Bananen des Hauptsponsors rumwatscheln sehen.
Mag sein, dass das eine Veranstaltung wird, an der ganz viele Leute ganz viel Spaß haben. Aber ich kann keinem empfehlen, an so einem Werbe-Event teilzunehmen. Das ist so geistlos, buäh!
Ich komme viel herum als DJ. Ich arbeite an einem Buch über die Loveparade. Und ich starte gerade ein Musiklabel, auf dem Künstler auf Schallplatten veröffentlichen können - echte Schwingungen, kein digitaler MP3-Codec!
Ich mache keine Konkurrenzveranstaltungen. Man kann seine Welt doch nicht auf Dagegensein gründen! Darum sind wir ja 89 über den Ku’damm gezogen: "Gegen den Krieg!" ist auch nur wieder Krieg.
Interview: Markus Wanzeck
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 35/2007
Zur Person Matthias Roeingh, geboren 1960 in Berlin-Spandau, begann 1985 als Discjockey. Mit Freunden rief er 1989 die Loveparade ins Leben. Damals kamen 150 Teilnehmer zum Ku’damm. Im Rekordjahr 1999 lockte der Techno-Umzug eineinhalb Millionen Menschen an. Legendär wurden Roeinghs Ansprachen zum Abschluss der Parade, in denen er der Welt Liebe, Frieden und Harmonie durch Musik versprach. 2006 schied er aus dem Organisationskomitee der Loveparade aus. Roeingh lebt in Berlin.