Der Reservist überlebt im Juni 2003 einen der schwersten Anschläge auf die Bundeswehr in Afghanistan. An den Folgen leidet der Wirtschaftsinformatiker noch immer.

Peter Hämmerle, 45, mit Freundin Mikaela Schrade in seiner Wohnung in Tübingen© Kathrin Harms
Ich war gerne Soldat, und es wäre mein letzter Einsatz als Reservist gewesen. Ich sollte im Oktober als Vertriebsleiter Europa bei einem großen Kosmetikkonzern anfangen.
Ich kam nach Kabul ins "Camp Warehouse", war für die Betreuung der Personentransporte zum Flughafen zuständig. Am 7. Juni 2003 war ich Konvoiführer, als wir mit zwei Bussen aufbrachen. Um 8.05 Uhr sprengte sich ein Attentäter neben dem hinteren Bus in die Luft, schleuderte ihn fast 100 Meter weit in ein Feld, in dem Minen lagen. Mich hätte stutzig machen müssen, dass keiner auf der Straße war.
Bis heute.
Ja. Das Furchtbare: Wir waren nur Minuten vom Camp entfernt, aber die Deutschen durften nicht raus, um zu helfen. Ich habe Verwundete aus dem Bus geholt, andere taumelten blutüberströmt ins Minenfeld. Ein beherzter Hauptmann am Lagertor sagte schließlich: "Schranke weg! Oder ich fahr die um!"
Nach 45 Minuten. Diese Bilder, den Geruch vom Blut, das werde ich nicht mehr los. Zurück im Lager haben die mir erst mal die Waffe abgenommen.

Ein Selbstmordattentäter mit einer Autobombe hatte am 7. Juni 2003 den Buskonvoi der Bundeswehr in die Luft gesprengt; vier Soldaten starben, 29 wurden zum Teil schwer verletzt
Ich hörte immer schlechter. Drei Wochen später flog ich vorzeitig nach Deutschland zurück. Ab dann wurde es noch schlimmer: Albträume, ich bekam Tinnitus: links Dröhnen, rechts ein Summen. Um Therapien musste ich mich selber kümmern, war in Behandlung in Ulm, später in Hamburg.
Die hatten mir angeboten, vier Wochen zu warten. Aber nachdem ein "Posttraumatisches Belastungssyndrom" diagnostiziert wurde, war's das. Ich wurde von Amt zu Amt geschickt, jede Stelle sagte, sie sei nicht verantwortlich. Wäre ich Berufssoldat, wäre die Lage klar gewesen, aber ich war halt Reservist. Die Bundeswehrärzte bescheinigten mir eine Minderung der Erwerbsfähigkeit von unter 25 Prozent - und damit bekam ich keinerlei Leistungen.
… dann hätte man mir wenigstens die Wohnung bezahlt. So bekam ich eine Weile gar nichts, Essen mussten meine Eltern zahlen. Dann kam das neue "Einsatz-Weiterverwendungsgesetz" raus, das auch für Fälle wie mich gedacht war. Kameraden hatten mir das unter der Hand geschickt und meinten: Sag bloß niemandem, dass du das von uns hast!
Dann hätte ich die Antragsfrist für Altfälle verpasst, die war nur drei Monate. Mittlerweile bin ich erwerbsunfähig, bekomme eine Rente - aber über einen Berufsschadensausgleich prozessiere ich bis heute, da das Wehrbereichsamt den Tinnitus noch nicht als Wehrbeschädigung anerkannt hat, meine Akte zur Entscheidung aber dorthin gewandert ist. Auch die gesetzlich vorgesehene Entschädigungszahlung der Bundeswehr habe ich nicht erhalten. Mein Anwalt kann aber nicht klagen, da die Akte ja beim Wehrbereichsamt liegt …
Ich würde gern arbeiten - aber wenn es heißt, der Hämmerle schläft nicht, kann sich nicht konzentrieren, macht Fehler …
Ja. Die Bundeswehr hat mich hängen lassen.
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Ausgabe 03/2009
Zur Person Peter Hämmerle war schon 1993 als Bundeswehrreservist im Ausland - als Blauhelm in Somalia, später mit der Sfor in Bosnien-Herzegowina. Dann folgte 2003 sein Isaf-Einsatz in Kabul. Zurück in Deutschland diagnostizierten die Ärzte bei ihm immer wieder PTBS, das in den USA "Post Vietnam Syndrome" genannt wird. Für beispielhafte Erfüllung der Soldatenpflichten bekam er das "Ehrenkreuz in Gold"; um angemessene Entschädigung streitet er seit fünf Jahren mit der Bundeswehr. Hämmerle lebt mit seiner Freundin in Tübingen. Er hat eine sechs Jahre alte Tochter.