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2. November 2006, 12:00 Uhr

Tatsächlich: Sie ist ein Mensch!

Immer lächelnd, immer gut gelaunt, immer harmlos-nett: Eigentlich hielten wir Yvonne Catterfeld für einen raffiniert konstruierten Unterhaltungsroboter. Ein falsches Bild. Die Frau kann mehr, als sie bisher zeigen durfte. Von Tobias Schmitz

"Hier bin ich": Yvonne Catterfeld hat mit 26 Jahren zu sich selbst gefunden. Bis dahin war es ein weiter Weg© Max Elmar Wischmeyer

Seit dem plötzlichen Auftauchen eines putzigen, rotbraunen Tierchens mit buschigem Schwanz verdichten sich die Hinweise, dass Yvonne Catterfeld doch kein Roboter ist. Bisher sprachen mehr Indizien dafür: Dieses makellose Finish der Oberfläche zum Beispiel bekommt man bei echten Menschen normalerweise nicht hin. Wer hat schon solche Zähne? Solche Augen? Einen solchen Mund? Solche Haare? Welcher echte Mensch könnte stundenlang Autogramme schreiben und dabei das erste zahnspangenbewehrte, aknöse, pubertierende Mädchen genauso freundlich und offen anlächeln wie das zweihundertsiebenunddreißigste?

Welcher echte Mensch hätte drei Jahre lang in der Seifenoper "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" mitspielen können und 65 Folgen der Schmonzette "Sophie - Braut wider Willen" überlebt, ohne vollkommen zu verblöden? Wer hätte zusätzlich Fernsehsendungen moderiert, für Schuhe, Klamotten, Kosmetik geworben, Platten besungen, Konzerte gegeben, wäre als eine der erfolgreichsten Sängerinnen Deutschlands durchs Land getingelt - und hätte es geschafft, dabei immer, immer, immer freundlich, herzlich, anteilnehmend, verbindlich, nett, natürlich und gut drauf zu erscheinen?

"Och nee! Da drüben! Ein Eichhörnchen! Wie süüüß!"

Bisher war anzunehmen, Yvonne Catterfeld sei die ausgeklügelte Erfindung eines fähigen Systemprogrammierers und eines Batteriespezialisten, der nachts, nach all den Auftritten und all dem Lächeln, für das Wiederaufladen ihrer Akkus zuständig ist. Rätselhaft blieb die Frage: Welche Akkus haben so viel Power?

Das waren noch gute Zeiten, schlechte Zeiten: Catterfeld mit 22 als "GZSZ"-Star© Jansen/A-way!

Ist Yvonne Catterfeld etwa doch ein Mensch? Das, was neulich im Restaurant eines Hamburger Luxushotels geschah, deutet darauf hin: Eben noch hat Catterfeld konzentriert über Musik gesprochen und über ihre Suche nach Perfektion, als sie abrupt innehält. Die Anspannung weicht aus ihrem engelsgleich geschminkten Gesicht. Eine Hand schießt nach rechts, dorthin, wo sich ein großes Fenster zum Garten befindet. Für einen Augenblick entspannt sich Yvonne Catterfeld vollkommen: "Och nee! Da drüben! Ein Eichhörnchen! Wie süüüß!" Ihr Mund lacht ein Kinderlachen, ihr Gesicht ist reines, unverstelltes Entzücken. So viel echtes, spontanes Gefühl kann niemand programmieren: Catterfeld ist kein Roboter und ihre Intelligenz keine künstliche. Und wenn das stimmt, dann muss ihre Biografie ja wohl auch stimmen:

Geboren am 2. Dezember 1979 in Erfurt, die Mutter Realschullehrerin, der Vater gelernter Dreher, wächst Yvonne als Einzelkind auf. Sie kann kaum richtig laufen, da steht sie zu Hause schon allein vor der Schrankwand, wackelt mit dem Hintern und singt. Vor anderen mag sie das nicht, weil sie furchtbar schüchtern ist. Die Grundschulzeit - noch zu DDR-Zeiten durchlaufen - ist hart, Leistung ist das Einzige, was zählt. Wer nicht mitkommt, wird zum Außenseiter. Yvonne kommt mit.

Die erste Lektion: ein fester Händedruck

Mit 15 schicken die Eltern sie zu Privatlehrern, wo sie Klavier und Gitarre spielt und Gesangsstunden nimmt. Die erste Lektion aber, die sie lernen muss: ein fester Händedruck. Nach dem Abitur (Durchschnittsnote 1,5) studiert sie an der Musikhochschule Leipzig, nimmt als "Vivianne" am Gesangswettbewerb "Stimme 2000" teil, wird entdeckt und veröffentlicht unter dem Namen "Catterfeld" 2001 ihre erste Single "Bum". Die wird, wie auch die folgenden drei Singles, von niemandem zur Kenntnis genommen. Erst mit ihrer Rolle als Julia Blum in der Seifenoper "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" wird Catterfeld ab Frühjahr 2002 landesweit bekannt.

Ein Jahr später spielt ihr Dieter Bohlen in einem Hamburger Hotel zehn Demos neuer Songs vor. Catterfeld wählt drei aus, verzieht sich zum Singen aufs Damenklo und entscheidet sich für einen, zu dem der Musiker und Sänger Lukas Hilbert den Text verfasst: "Für Dich", ihr bis heute bekanntestes Lied, wird 2003 Nummer eins der Charts. Zehn weitere Singles landen in den Top 40. Mit mehr als 600 000 verkauften Alben in den vergangenen drei Jahren ist Yvonne Catterfeld eine der erfolgreichsten deutschsprachigen Künstler unserer Zeit.

"Meister Propers Nonne"

Und war bisher eine der Konturlosesten: Tituliert als "Meister Propers Nonne" ("Welt am Sonntag") oder "Frau ohne Eigenschaften" ("FAZ") wurde Catterfeld bisher vorwiegend von pubertierenden Jugendlichen verehrt, die auf die makellose Oberfläche der Sängerin alle eigenen Sehnsüchte von Schönheit und Erfolg projizieren durften. Allen anderen, so schien es, ging Catterfelds Omnipräsenz - Schauspielerei, Moderation, Werbung, Musik - in erster Linie auf die Nerven.

Das könnte sich bald ändern. Die Immersüße, Immergleiche ist auf dem besten Weg, ein paar Ecken und Kanten zu entwickeln: Auf ihrem neuen Album "Aura", unter anderem produziert von Größen wie Mousse T. (Tom Jones: "Sex Bomb"), Max Herre (Joy Denalane) oder Walter Afanasieff (Whitney Houston, Mariah Carey), ist sogar so etwas wie Seele zu hören.

Das nette Mädchen von nebenan ist mit seinen 26 Jahren offenbar erwachsen geworden und jetzt eine Frau, die ungewohnt selbstbewusst eigene Texte schreibt: "Sie entscheiden für dich, als hättest du keine Wahl. Wie lang lässt du dir das noch gefallen? Stell dich mir nicht in den Weg. Ich entscheide! Ich hab die Wahl." Das klingt neu - und für einen Menschen, der zugibt, nie gelernt zu haben, mit Krisen und Konflikten umzugehen, geradezu revolutionär. Was ist mit ihr passiert?

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 43/2006

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