Wenig später sieht man, wie er die enge Treppe hochschlappt. Ihm entgegen steigt ein älterer Herr hinab - Begegnung zweier Generationen, für einen Moment wie uniformiert in Badetücher vereint. Erst als der Herr aus der Umkleide mit Krückstock und Stoffbeutel auftaucht, wird man auch der unterschiedlichen sozialen Welten gewahr. Egal, ob Banker, Student oder Rentner, hinter dem Umkleideraum scheinen alle erst mal gleich. Aber sind sie es auch für die Mädchen?
Sei ehrlich Jessica, auf welche Typen stehst Du denn so? Brad Pitt oder Danny de Vito? "Ich brauch auf jeden Fall mal was zum Anfassen." Und dann fällt ihr Blick auf Eddi, der gerade Kaffee bringt, breit wie ein Schrank, der muskulöse Ruhepol des Klubs, auch er in Schlappen wie ein Bademeister, aber mit abgeschnittenen Jeans und falschem Lacoste-Hemd. Der also könnte es, jedenfalls nach Statur, sein für die zierliche Jessica.
Und was macht sie so mit den Gästen? Noch so eine indiskrete Frage, aber Jessica hat kein Problem damit. "Küssen, das ja, anal... ." Hier schaltet sich dann doch lieber die Chefin ins Gespräch ein: "Anblasen ohne Gummi" gehöre zum normalen Service; ein Fachterminus, der unter Laien vielleicht der Klärung bedarf: Unter Anblasen versteht man nämlich die professionelle orale Stimulation, auf dass der männliche Schwellkörper bereit ist, sein Werk zu vollrichten. Ansonsten käme Safersex zur Anwendung, betont Frau Florein. Es gebe aber auch spezielle Events zum Beispiel mit Dominaservice. Grundsätzlich müssten die Mädchen selbst mit den Gästen abmachen, wozu sie bereit seien, keine werde zu etwas gezwungen.
Aha. Aber Küssen mit fremden Männern? Jessica findet nichts dabei. Nicht nur die Preise, auch die Grenzen im Gewerbe sind scheinbar gefallen. Es gilt - ganz wie im Reisekatalog - das "All Inclusive"-Prinzip, so vergleicht es jedenfalls Frau Florein. Ein richtiger Kuss wäre früher ausgeschlossen gewesen, die letzte Barriere zwischen Puff und privater Zone.
Der demonstrativ vorm Haus geparkte Hummer der Chefin ist wahrscheinlich geleast. Und am Ende des Monats zahlt sie brav Sozialabgaben und Steuern - genau wie Jessica. Was sie mit dem macht, was übrig bleibt? "Sparen." Worauf? "Auf ein großes Haus mit Swimmingpool - in der Heimat." Wenigstens an den Träumen hat sich scheinbar wenig geändert.