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27. Januar 2008, 09:00 Uhr

Nabelschau der Pornoindustrie

Chefsache: Abends geht's weiter, in den Clubs der Hotels in Las Vegas, wo sich Pornoproduzenten mit ihren Pornodarstellerinnen vergnügen© Tomas Muscionico

Amerikanische Männer gucken sich Pornos immer weniger auf DVDs an. Sie verlieren sich in den Jagdrevieren des ewig geilen Internets, holen sich durch Pay-per-Minute die Peepshow nach Hause. 10 Cent pro Minute. Sie brauchen fürs Schauen etwa so lange wie fürs Wegsüffeln einer Dose Bier: sieben Minuten, macht nicht mal einen Dollar.

Die Pornoindustrie ist ja eine Branche, die sich mehr als andere gezwungen sieht, sich immer wieder neu zu erfinden. Es ist eine Branche, die nun aber nicht mehr weiß, wie es weitergehen soll, und die reagiert, wie viele, die nicht wissen, wie es weitergehen soll: Sie wird schneller, hektischer, härter. Brüste, für die es keine Körbchengröße mehr gibt. Penisse, die wie Presslufthammer arbeiten. Frauen, die nichts weiter sind als drei Löcher, zwei Hände und ein Mund. Gang Bang, brutaler Gruppensex, der niemanden unberührt lässt. Was soll da bloß noch kommen?

Selbst Rocco Siffredi, einer der größten Pornodarsteller, weiß es nicht. Als ihm jemand den letzten Thrill verschaffen wollte und ihm riet, er solle der Frauen wegen unbedingt nach Kuba fahren, antwortete Siffredi: "Haben die Frauen dort quadratische Muschis? Alles andere habe ich schon gesehen."

"Was Frauen von Pornos erwarten"

Es gibt insofern nur Variationen des Gleichen. Bei den Hardcore-Szenen, beim Sexspielzeug und bei den Gesprächen über Pornos. Denen kann man im Sand Expo Center eine Etage tiefer in einem kleinen Raum zuhören, dort, wo die Seminare abgehalten werden. Das Thema heute: "Was Frauen von Pornos erwarten". Auf dem Podium sitzen sechs Frauen. Eine von ihnen ist Kelly Holland. Sie drehte früher Pronos unter dem Pseudonym Tony Englisch, heute gehört sie der Geschäftsleitung der Penthouse Media Group an. Sie ist Mitte 50, hat lange rote Haare, und als das Mikrofon nicht funktioniert, sagt Kelly Holland, sie brauche das nicht, man würde sie auch so hören. Und man hört sie auch so. Sie ist auch diejenige, die etwas zu sagen hat.

Kurz zusammengefasst ist das: Anders als Männer wollen Frauen von Pornos inspiriert werden. Sie wollen lernen, wie man einen super Blow-Job hinbekommt. Und wenn schon analer Sex, dann bitte richtig. Und: Frauen sehen sich Pornos gerne mit verschlossenen Augen an. Seit in Fernsehserien wie "Sex and the City" oder "Desperate Housewives" ganz offen und öffentlich über Sex im Detail gesprochen wird, gilt es für amerikanische Frauen als chic, beim Dinner vom letzten Quickie zu berichten. Der nächste Schritt ist für einige, sich auch Pornos anzuschauen. Die Pornoindustrie verkauft Pornos gerne als Teil der Emanzipation. Sie suggeriert, Pornos würden Frauen nicht beunruhigen. Manuela Kay, Chefredakteurin des Lesbenmagazins "L-Mag", hat dazu einmal gesagt: "Während in gängigen Filmproduktionen in aller Welt Frauen millionenfach ermordet, vergewaltigt, erniedrigt oder schlicht in unerträglich dümmlicher Weise dargestellt werden, soll ausgerechnet der Porno zum Nachahmen allen Übels animieren? Nur weil hier gefickt statt gemordet wird?"

Abends in Las Vegas geht die Show für die Pornostars weiter. Sie werden gerne für exklusive Auftritte in den Hotels der Stadt gebucht. Tera Patrick tanzt heute Nacht mit einigen ihrer Mädchen im Forty Deuce, dem Club des Mandalay Bay Resort. Tera Patrick rekelt sich auf der kleinen Bühne in Strapsen wie einst Madonna während ihrer provokanten "Express Yourself"-Tournee. Der Laden ist voller Touristen.

Die Ausrüstung: Klistierspritze, Schmiermittel, Mundwasser

Porno und Mainstream flirten immer heftiger miteinander. Tera Patrick sitzt in Talk-Shows. Sie ist mit Evan Seinfeld, dem Sänger der New Yorker Metal-Hardcore-Band Biohazard, verheiratet. Sie hat also genau den Glamour, den eine Pornodarstellerin heute braucht. Und Pornos haben den dirty Charme, den sich die Pop-Kultur gerne ausleiht. Dave Navarro, ehemaliger Gitarrist der Red Hot Chili Peppers, drehte für Tera Patrick einen Porno, "Broken."

Die Hauptdarstellerin in "Broken" ist Sasha Grey. Sie sitzt auf dem roten Sofa von Teravision. Es ist ihr dritter Tag auf der Messe. Sie erzählt, wie sie sich auf ihre Arbeit vorbereit. Vor jedem Dreh packt sie ihren Koffer: eine Klistierspritze für den Einlauf, Schmiermittel, Dildos, Waschlappen, Desinfektionsmittel, Mundwasser, Zahnbürste, Haarbürste, Duschgel, Körperlotion und Orbit-Kaugummis. Meist weiß sie erst am Abend zuvor, wo sie morgen drehen wird und was auf dem Programm steht. Wenn eine Analszene vorgesehen ist, isst sie nur ein leichtes Abendessen, danach verpasst sie sich einen Einlauf.

Umschwärmter Star: Tera Patrick räkelt sich auf der Bühne des Clubs Forty Deuce im Mandalay Bay Resort. Viel Platz hat sie nicht, ihre Anhänger sind ihr ganz nahe© Tomas Muscionico

Und was ist mit Drogen? Kaum einer hält es in der Pornobranche ohne Drogen aus. Vicodin, Valium, Kokain oder Crystal Meth. Und natürlich Mariuhana. Sasha Grey sagt einen Satz, den man erwartet hat: Sie brauche das alles nicht.

Am letzten Abend ist die große Gala. Es gibt wie in Hollywood einen roten Teppich, noch mehr Kategorien und auf den überdimensionalen Bildschirmen ist während der Preisverleihung kein Penis zu sehen, kein Oralsex und keine Penetration. Die Show wird im Fernsehen übertragen.

Sasha Grey ist für vier Preise nominiert, sie gewinnt einen, den für die beste Oralszene. Bevor Radiomoderator Bubba ihr den Award überreicht, fragt er: "Wer ist eigentlich der größte Schwanzlutscher? Das ist der Typ im Weißen Haus."

Sashas Greys Blick leuchtet heute Abend nicht. Ihre Augen entlarven ihre Müdigkeit. Vielleicht ist das Schlimmste an Pornos nicht das, was sie zeigen, sondern das, was sie aus einem machen. Sasha Grey gibt sich gern so robust wie ein alter Frontkämpfer. Ihre Verletzlichkeit schimmert nur selten durch. Wie am Tag zuvor, als sie auf die Frage, wie lange sie das machen wolle, antwortete: "Als ich vor zwei Jahren anfing, dachte ich, so sieben Jahre werde ich das schon machen können. Mein Manager sagte, ich solle froh sein, wenn ich fünf Jahre durchhalte. Heute denke ich immer nur an das nächste Jahr." Was sie wirklich denkt, sagt sie nicht. Das tut an diesem Abend eine andere.

Und das ist ausgerechnet die große Jenna Jameson, die ihre Branche verrät. Sie ist so etwas wie die Julia Roberts der Pornoindustrie. Sie hat vor zwei Jahren aufgehört. Ihr Buch "How to make love like a Porn star" war monatelang auf der Bestsellerliste der "New York Times". Sie steht auf der Bühne, und bevor sie den Preis überreicht, der nach ihr benannt ist, möchte sie etwas klarstellen. Sie sagt, sie wolle allen hier versichern, und dabei bricht ihre Stimme fast weg, sie werde nie, nie, nie wieder in dieser Branche ihre Beine breit machen.

Die Kollegen buhen Jenna Jameson aus.

Von Giuseppe Di Grazia, Las Vegas
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KOMMENTARE (3 von 3)
 
hei_zen (27.01.2008, 21:41 Uhr)
Kein Widerspruch
@Daneel
Genau so sehe ich das auch, bis auf den Punkt, dass die Minderheit gar nicht so klein ist.
Daneel (27.01.2008, 17:01 Uhr)
Widerspruch?
Es gibt keinen Widerspruch zwischen
Porno und dem sonst so prüden
USA. Es sind nämlich nicht die
selben Leute. Es geht also nicht
um Doppelmoral, sondern darum, dass
eine kleine Minderheit sich für
Pornos begeistert, während die
Mehrheit prüde ist. Man kann an
den USA viel kritisieren, aber
sicher nicht, dass eine Minderheit
ihre Freiheit behalten darf, wenn
die Mehrheit anders denkt.
detass (27.01.2008, 09:56 Uhr)
Wer das ganze Ausmaß....
krankhafter und zutiefst neurotischer Sexualität betrachten möchte sollte den Blick auf die Männer in der Fotoserie werfen. Die Nachfrage regelt den Markt und ich verstehe diese Nachfrage ehrlich gesagt überhaupt nicht. Aber wenn ich mir diese dicken Männer so anschaue, liegt mir die Vermutung nahe, dass da wenig Potenz zur Wahnvorstellung führte und somit Liebe mit Gier verwechselt wurde, wer sonst wünscht sich eine mit Plastik abgerundete Zicke als Lustobjekt? So missbrauchen sich die Geschlechter stets gegenseitig aus Minderwertigkeitsgefühlen, dass ist wahre Armut.
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