
Der Weg des Pornokonsumenten führt heute nicht mehr zwangsläufig in die Videothek oder den Sexshop. Das macht manches leichter und einiges viel schwieriger© Kai-Uwe Knoth, AP
Es ist 40 Jahre her, dass Kolle mit seinem "Wunder der Liebe" Deutschlands Schlafzimmer zu beleuchten und belüften begann. "Schauen wir zunächst auf die Geschlechtsorgane", forderte er in einem seiner Aufklärungsfilme. Dafür dass er nackte Menschen und erigierte Penisse zeigte, wurde er heftig angefeindet. Auf seinen Pressekonferenzen, erinnert er sich, trauten sich die Journalisten keine Fragen zu stellen. Er musste selbst Leute ins Publikum setzen, die das erledigten. Es hat sich seitdem einiges getan. Beim Pro-Sieben-Sexreport laufen nun ungestört nackte Menschen (intimrasisert!) durch die Stadt oder kopulieren in Schaufenstern. Zu TV-Illustrationszwecken und damit währenddessen einige Fakten präsentiert werden können. 139 Mal Sex hat der Durchschnittsdeutsche im Jahr. Ein Viertelstunde, finden er und sie, sollte es schon dauern. 30 Prozent der Männer onanieren täglich. Die Stellungsrangliste geht so: Doggystyle, Reiter, Missionar, Oralsex, Löffelchen, Sex im Sitzen. 49,1 Prozent hatten schon einmal Analsex. Noch Fragen?
Vielleicht: Fühlt sich Sex allein oder zu zweit besser an? Wenn man den Prolaktin-Gehalt im Blut betrachtet, der fürs Wohlbefinden nach dem Orgasmus sorgt, eindeutig: gemeinsam. Ganz anders als zu Kolles Anfangszeiten können wir in unseren Beziehungen ja mittlerweile auch über fast alles reden. Zumindest behaupten das die meisten. Und die blonde Kauffrau, der Game Designer und die gepiercte Artzhelferin sprechen nicht nur mit ihren Partnern darüber, sondern setzen sich gleich vor die Pro-Sieben-Kamera, lassen sich an einen Lügendetektor anschließen und berichten von ihren Vorlieben. "Ficken, Blasen, Arschlecken" konstatiert der schwule Designer knapp. Peitsche, Handschellen, Vibrator, Krankenschwesterkostüm, zählt die Kauffrau ihr Inventar auf. "Du bist zu eng", habe ihr Ex-Freund gesagt. "Tut mir leid, ich kann mich nicht dehnen", sei ihre Antwort gewesen, berichtet Verena, die Arzthelferin, die sich gern selbst befriedigt: "Zack, Bumm, Kreislauf hoch, raus." Und ein grauhaariger, fingerflinker Maler fasst sein Viagra-Erlebnis zusammen: "Man hat 'n ganzen Tag 'n Ständer, aber der ist ja eigentlich zu nix nütze."
Wir sind also ein bisschen weiter, reden offener - auch wenn Pro Sieben durchaus einige Mühe hatte, die Leute von nebenan zum Sex-Talk vor die Kamera zu kriegen. "Sind wir wirklich so frei", fragt sich der stellvertretende Pro-Sieben-Chef. "Es darf in Teilen bezweifelt werden." Reden über die eigene Sexualität scheint ihm immer noch ein Tabu zu sein.
Früher wurde im Dunkeln drübergerutscht, recht freudlos. Heute dient der Porno als Bedienungsanleitung. Ambitioniert schraubt man aneinander herum. Sind aber doch nur Märchen, die Pornos! So etwa würde Oswalt Kolle das zusammenfassen. Er war kürzlich auf einer Konferenz von Frauenärzten und dachte wieder einmal, dass einiges zu tun bleibt. Junge Mädchen würden sich die Pille teilen, haben die Gynäkologen erzählt, und oft auf Kondome verzichten. Holen sich Pilze, werden unfruchtbar. Sozialarbeiter erzählen Schauergeschichten von vaginalen Cola-Spülungen als gern praktizierter Verhütungsmethode.
Da hebt Kolle, bald 80 Jahre alt, tadelnd den Finger. ARD und ZDF müsse er eins vorwerfen: "Ihre öffentlich-rechtliche Aufgabe nehmen sie beim Thema Sexualität aus Feigheit, Scham oder warum auch immer nicht wahr." Er sei dankbar, dass Pro Sieben sich kümmert. Da ist die Aufklärungsquote vermutlich auch etwas höher. Zielgruppe: 14 bis 49 Jahre. Kein "Wolke-9"-Publikum.
Sex-Fakten: Rechnen und schätzen -Nur 49,5 Prozent der Männer, die in Beziehungen leben, haben so viel Sex wie sie gerne möchten. Bei den Frauen sind es immerhin 64,3 Prozent.
-57,5 Prozent der deutschen Frauen finden, sie haben häufig genug einen Orgasmus
-Frauen hatten im Schnitt mit 6,7 Männern vaginalen Geschlechtsverkehr, Männer mit 10,2 Frauen. Da es genauso viele Männer wie Frauen gibt, sei das mathematisch allerdings gar nicht möglich, stellt Sexualwissenschaftler Pastötter fest. Seine Erklärung: Männer übertreiben, Frauen untertreiben. Der Grund: Die einen schätzen, die anderen rechnen nach.