Das setzt ein wenig logistische Planung voraus. Vielleicht ein Wochenende zu zweit, um miteinander ins Gespräch zu kommen über sich selbst. Opening up nennen es die Psychologen. Wer miteinander spricht, betreibt Konfliktvorbeugung ersten Ranges, lehrte Michael Lukas Moeller in seinem Buch "Worte der Liebe".
Sprechen heißt Fragen stellen: Wie behandelst du mich? Wie offen bist du für meine Probleme? Weißt du überhaupt, was mich beschäftigt? Was machen wir noch zusammen? Was vertraust du mir an? Hörst du mir eigentlich noch zu? Zugegeben: Das bereitet Mühe nach Jahren der Fixierung auf die Kinder und ihre Sorgen. Eltern müssen aus den gewohnten und bequemen Bahnen ausbrechen, sich gegenseitig unbequemen Wahrheiten stellen. Bei allen Untersuchungen glücklicher und unglücklicher Paare wurde deutlich, dass die Basis des Glücks der wechselseitige Austausch ist. Auch wenn‘s mal heftig wird.
Barbara Schank und ihr Mann haben sich nicht geschrien. "Er ist ja kein Scheusal, im Gegenteil. In dem bisschen Zeit, das uns blieb, haben wir versucht, einander Gutes zu tun." Aber das hat nicht gereicht. Wenn es doch mal richtig geknallt hätte! Aber alles, sagt sie, war "nur lau". Statt mit Geschirr zu werfen, haben sie gesagt: "Du, das macht mich traurig."
Der Familientherapeut Wolfgang Hantel-Quitmann warnt vor oberflächlichem Gleichklang: "Paare müssen lernen, an Konflikten zu wachsen. Je mehr sie auch durch die Erfahrungen als Eltern gestärkt sind, desto weniger bedrohlich ist der jeweils nächsten Konflikt. Wenn sie die Erziehungsjahre in Abspaltung und Harmonisierung verbracht haben und die Veränderungen sie unvorbereitet treffen, überwältigt sie die Krise."
So sehr Paarbeziehungen durch jahrelange Familienthemen dominiert werden, und es sich vor lauter Elternsein und Elternverantwortung kaum noch als Paar leben lässt, so kritisch wird die Perspektive dann, wenn die jugendlichen Reifungskrisen ihren Auszug aus der Familie signalisieren. Sind die Kinder erst aus dem Haus, werden die Eltern auf ihre Paarbeziehung zurückgeworfen. Dies ist oft ein Grund, die Kinder zu halten und zu binden. Eltern wollen der Auseinandersetzung miteinander ausweichen. Aber es hilft nichts. Sie werden sich, wenn sie nicht auseinander gehen wollen, als Paar wiederentdecken müssen. Das bedeutet für das Ende der Kindererziehung und angesichts der Endlichkeit des eigenen Lebens, in die Zukunft zu sehen: Was wollen wir zusammen noch erreichen? Wollen wir vielleicht sogar etwas Neues beginnen?
Die Söhne von Christine und Karim Friedemann aus Berlin waren nicht gerade Nestflüchter. Sie brachten immer Freunde mit nach Hause, pennten am Wochenende bis in die Puppen und diskutierten bis zur Morgendämmerung - auch mit ihren Eltern. Beide Söhne wurden 23, ehe sie aus ihrem "Hotel all inclusive" auscheckten. "Das ist wohl das Los der 68er," sagt Karim Friedemann.
Danach aber fühlte der Elektronikingenieur die Stille, wenn er am Abend von der Arbeit kam und seine Frau auf Dienstreise war, er fühlte, dass ein neuer Lebensabschnitt begonnen hatte, so einschneidend wie die erste eigene Wohnung oder seine Hochzeit vor gut 30 Jahren.
Die Krise kam prompt. Es war nicht die erste in ihrer Ehe, aber eine ganz andersartige. "Es gab Phasen, in denen wir zusammengeblieben sind, weil wir den Kindern die Trennung nicht antun wollten", erzählt Christine. "Aber jetzt haben wir uns gesagt: Wir bedeuten uns so viel, dass wir es noch einmal miteinander versuchen wollen."
Seitdem reisen sie, wandern, schnuppern am Wochenende Ostseeluft, gehen ins Theater oder sitzen zusammen - ohne Fernseher, der ist abgeschafft. "Uns ist nie langweilig, wir reden den ganzen Abend," sagt Karim, und Christine streicht ihrem Mann über das ergraute Haupt und meint: "Wir können uns verspotten und lachen. Er frotzelt: Dein T-Shirt ist dreckig oder deine Haare kleben. Und ich antworte: Das ist nett, mein Schatz, dass du mir noch nachsiehst und Komplimente machst. Dann freuen wir uns, dass wir uns selber nicht so ernst nehmen." Sie sind entschlossen, zusammen alt zu werden. "Jedenfalls bis zur nächsten Krise."
Die Friedemanns repräsentieren die Mehrheit, zumindest unter den Akademikern. 87 Prozent der von Christiane Papastefanou befragten Elternpaare registrieren positive Veränderungen nach dem Auszug ihrer Kinder. Knapp die Hälfte (44 Prozent) nähern sich einander wieder an. Aber auch in Frieden auseinander gegangene Paare können auf freundschaftlicher Basis zueinander finden.
Paul Meinert hat sich jetzt mit seiner Frau in der Kneipe getroffen. "Ich hatte ein warmes, intensives Gefühl zu ihr."
"Ich fühle mich jetzt als freie Frau. Bin niemandem Rechenschaft schuldig, unabhängig. Nun bin ich mal dran mit meinen Träumen", sagt Barbara Schank, "ich habe das Gefühl: Das habe ich verdient!"
Bei ihrer Einweihungsparty hat sie ausgelassen getanzt. Mit ihrem Mann. Ihr ältester Sohn meinte: "So wir ihr das macht - ihr seit echte Hippies."
Mitarbeit: Christian Parth/ Bettina Schneuer/Beate Strenge
Der Krankenpfleger Bernd Chrzanowski, 54, und seine Frau Monika, 43, eine Hauswirtschaftsangestellte, fühlten sofort ein Vakuum in ihrem Leben, als sich ihre Tochter Claudia, 20, vor einem halben Jahr von Borkum aufs Festland verabschiedete
Bernd: "Gleich nachdem Claudia ausgezogen war, fragte ich meine Frau: Willst du noch ein Kind? Irgendwie spürten wir beide den Wunsch, das Rad der Zeit noch einmal zurückzudrehen. Aber der Gedanke, von vorne anzufangen, noch mal 20 Jahre unseres Lebens einem Kind zu widmen, hat uns dann doch abgeschreckt." - Monika: "Für uns begann eine Entdeckungsreise in die eigene Partnerschaft. Wir haben uns dafür viel Zeit genommen, haben viel miteinander geredet, gemeinsam Sprachen gelernt. Bernd ist ein guter Zuhörer, das war mir vorher nicht bewusst, weil es immer irgendwie um unsere Tochter ging. Wir haben unsere Rollen getauscht: Ich gehe ganztags arbeiten, Bernd schmeißt den Haushalt und kocht. Wir haben uns neue Möbel gekauft und sparen Geld für ein Häuschen am türkischen Marmara-Meer. Ich habe endlich Zeit, Freunde zu besuchen. Bernd spielt wieder Gitarre und modelliert Gipsfiguren."