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27. Januar 2008, 09:00 Uhr

Nabelschau der Pornoindustrie

Auf der größten Messe der US-amerikanischen Pornoindustrie in Las Vegas hat sich die Branche selbst gefeiert. Besucher wurden mit Reizen nur so überflutet - und das sehr zur Freude des sonst so prüden amerikanischen Publikums. Von Giuseppe Di Grazia, Las Vegas

SM-Nummer: Eine der Darstellerinnen räkelt sich vor den Fotografen. Die Peitsche hat sie bereits ausgepackt© Tomas Muscionico

Wenn man sich am Ende, nach vier Tagen, ganz weit weg bewegt, weil man all diese Berge aus Silikon und diese Armeen aus Gummidildos nicht mehr sehen kann, und weil man die Bilder mit Frauenmündern voller Penisse, die fast daran ersticken, nicht mehr ertragen kann; wenn man sich also am Ende ganz weit weg bewegt, entdeckt man in der hintersten Ecke des riesigen Sand Expo Centers, da, wo die Musik und die Monitore und die Menschen nicht mehr so bombastisch daherkommen, einen ganz sonderbaren Stand. Es gibt lediglich einen Tisch und ein Regal, in dem Teddybären liegen. Es ist der Stand von Tyler Hope, einem Hersteller von Stofftieren. Auf einem Plakat steht: "The sexiest things about woman are her secrets".

Kirk Salvador, der Geschäftsführer von Tyler Hope, springt von seinem Stuhl auf. Er ist ein schmaler Typ, Ende 30, mit Pferdeschwanz und Grungebart. Eigentlich verkauft Kirk seine Stofftiere im Einzelhandel, aber viele Pornodarsteller zählen zu seinen treuesten Kunden, deshalb stellt er auch hier aus, auf der "AVN Adult Entertainment Expo" in Las Vegas, der größten Erotikmesse der USA. Kirk sagt: "Einige von den Mädchen werben sogar für uns, sie lieben unsere Teddys. Willst du wissen, warum?" Er nimmt einen aus dem Regal, greift ihm hinter den Kopf und macht einen Reisverschluss auf. "Dort", sagt er, "verstecken die Frauen ihre geheimsten Sachen: Liebesbriefe, Schmuck und eben auch ihren Vibrator. Viele der Pornomädchen nehmen den Teddy gerne mit ins Bett." Und natürlich haben auch die Männer, die immer können müssen, ihre Geheimnisse. Für sie hat Kirk in seinem Sortiment auch etwas: Es ist ein kleiner, grauer Elefant.

Das Land der Enthaltsamkeit und Pornoindustrie

Die USA sind ja bekanntlich in Sachen Sex ein merkwürdiges Land. Hemmungslos und prüde zugleich. Ein Land, in dem eine Lehrerin gefeuert wird, weil sie ihren Schülern im Dallas Museum of Art nackte Skulpturen von Rodin gezeigt hat. Ein Land, in dem die Regierung Bush knapp 200 Millionen Dollar ausgibt, um Kinder und Jugendliche zur sexuellen Enthaltsamkeit vor der Ehe zu erziehen. Ein Land, in dem aber auch die härtesten Pornos gedreht werden, wie die Gag-Factor-Videos, die von J. M. Productions so angepriesen werden: "Jedes Mädel wird in die Kehle gefickt, bis es würgt und beinahe kotzt!" Ein Land, in dem der größte Pornomarkt der Welt jährlich etwa zwölf Milliarden Dollar umsetzt, weit mehr als die Musik- oder Filmbranche. Ein Land, das sich seit zehn Jahren an seinen bizarren Sexvorstellungen auf einer Messe in Las Vegas berauscht.

Eröffnet wurde sie vor vier Tagen von Tera Patrick. Sie wird am letzten Abend auch Gastgeberin der AVN-Award-Show sein, das ist so etwas wie die Oscar-Nacht der Pornoindustrie. Tera Patricks Mutter ist Thailänderin, ihr Vater Engländer, sie wuchs auf einer Ranch in Montana auf. Sie erzählt gerne, dass sie dort den Cowboys beim Zusammentreiben der Rinderherden geholfen habe und auch kräftig zupacken könne. Und dass sie nicht nur Bullen mit dem Lasso eingefangen habe.

Tera Patrick steht am Stand ihrer eigenen Produktionsfirma Teravision, roter Teppich, samtüberzogenes Sofa. Gegenüber sind Mädchen zu sehen, wie sie sich gegenseitig befummeln und Zungenküsse austauschen. In der Branche nennt man das Trockensex, und die Mädchen gehören zu den unzähligen Namenlosen, die irgendwie auffallen wollen. Die jungen Frauen, deren Namen auf dem Cover eines Pornos auftauchen, sitzen an den Ständen auf Barhockern herum, sie signieren Autogramme und lassen sich von Fans und Händlern auch anfassen. Und dann gibt es welche wie Tera Patrick, die geben Audienzen. Die Leute werden einzeln zu ihr vorgelassen, sie müssen zwei Stufen zu ihr hochsteigen. Ihre Fans dürfen sie fotografieren. Tera Patrick greift sich dabei nicht an die Brüste oder in den Schritt, wie die anderen Mädchen das machen. Sie ist ein Star, als Star zeigt man die Brüste nur noch im Film.

Gut bewacht: der Stand eines Porno-Produzenten© Tomas Muscionico

Tera Patrick erzählt später, wie sich Verehrer am besten zu verhalten hätten. Sie sagt: "Die Jungs sollten sich Deo mitnehmen und vor allem immer für einen frischen Atem sorgen." Und selbstverständlich sollten sie immer schön um Erlaubnis fragen, bevor sie ihre Traumfrauen anfassen. Tera Patrick streicht sich über ihren Sophia-Loren-Mund und sagt: "Die Mädchen wollen wie eine Lady behandelt werden."

Wenige Meter von Tera Patrick stellt sich Jessica Drake in Pose. Sie ist der Star bei Wicked Productions. Typ blond-blond. Sie sagt: "Hier laufen so viele großartige Frauen herum. Wenn Männer das sehen, schaltet sich ihr Gehirn aus, und der Big Boy da unten fängt einen Guerillakrieg an. Wer mich angrabscht, dem verpasse ich eine. Wer mich vorher darum bittet, darf vielleicht ran." Und die Mädels mögen es auch nicht, wenn man sie allzu private Dinge fragt. Jessica Drake sagt: "Ich zeige schließlich im Film alles, da möchte ich zumindest noch ein paar Dinge für mich behalten." Was denn zum Beispiel? "Oh, wie etwa die letzte Sitzung bei meinem Gynäkologen verlaufen ist."

Sasha Grey ist der Gegenentwurf zu Jessica Drake. Sie ist klein, zierlich, sie hat dunkle lange Haare, kleine Brüste. Genau das macht ihren Erfolg aus. Sie ist 19, seit zwei Jahren spielt sie in Pornos mit. Sie ist die beste Newcomerin, sie gilt als einer der nächsten Superstars. Sie baut gerade ihre eigene Internetseite auf. Bald wird sie auch als Regisseurin arbeiten. Und sie hat kein Problem, über alles zu sprechen.

Wie jeder Pornodarsteller in den USA wird sie einmal im Monat auf Aids, Chlamydien und Gonorrhö getestet. Alles negativ. Ihre Oberschenkel und die Vagina sind dagegen vom letzten Film ziemlich aufgescheuert. Aber das sei nicht schlimm. Schlimm sei, dass sie vor einigen Wochen am Abend vor Drehbeginn feststellen musste, dass sie unter Hämorriden litt. Auf dem Programm stand eine Analszene. Sie musste absagen. Sie sagt, sie müsse jetzt los, man könne sich gerne am nächsten Tag weiter unterhalten.

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KOMMENTARE (3 von 3)
 
hei_zen (27.01.2008, 21:41 Uhr)
Kein Widerspruch
@Daneel
Genau so sehe ich das auch, bis auf den Punkt, dass die Minderheit gar nicht so klein ist.
Daneel (27.01.2008, 17:01 Uhr)
Widerspruch?
Es gibt keinen Widerspruch zwischen
Porno und dem sonst so prüden
USA. Es sind nämlich nicht die
selben Leute. Es geht also nicht
um Doppelmoral, sondern darum, dass
eine kleine Minderheit sich für
Pornos begeistert, während die
Mehrheit prüde ist. Man kann an
den USA viel kritisieren, aber
sicher nicht, dass eine Minderheit
ihre Freiheit behalten darf, wenn
die Mehrheit anders denkt.
detass (27.01.2008, 09:56 Uhr)
Wer das ganze Ausmaß....
krankhafter und zutiefst neurotischer Sexualität betrachten möchte sollte den Blick auf die Männer in der Fotoserie werfen. Die Nachfrage regelt den Markt und ich verstehe diese Nachfrage ehrlich gesagt überhaupt nicht. Aber wenn ich mir diese dicken Männer so anschaue, liegt mir die Vermutung nahe, dass da wenig Potenz zur Wahnvorstellung führte und somit Liebe mit Gier verwechselt wurde, wer sonst wünscht sich eine mit Plastik abgerundete Zicke als Lustobjekt? So missbrauchen sich die Geschlechter stets gegenseitig aus Minderwertigkeitsgefühlen, dass ist wahre Armut.
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