Mary Roach gilt als lustigste Wissenschaftsjournalistin der Welt. In einem neuen Buch beschreibt sie Leistungen und Abgründe der Sexualforschung - und schildert lehrreiche Selbstversuche.

Mary Roach, 49, lebt mit ihrem Mann und einer Tochter in Oakland, USA© Chris McPherson
Ich stieß zufällig auf Masters' und Johnsons Klassiker "Die sexuelle Reaktion" von 1966 und war verblüfft über die Detailgenauigkeit ihrer Untersuchungen. Da ließen sich Leute beim Sex beobachten, allein oder zu zweit, und gewissenhaft notierten die Forscher jede Schleimhautverfärbung, jedes Muskelzucken. Zuweilen haben sie sogar eine Penis-Kamera eingeführt, um wirklich schamhaargenau zu beschreiben, was vor sich geht. Wie machen die das, hab ich mich gefragt. Stehen die daneben? Und warum machen die das? Wissen wir nicht schon alles, was wir wissen müssen, über Sex? Ich finde diese Wissenschaft hoch kurios.
Kinsey ist mein Held! Ich halte ihn für ebenso bedeutend wie Einstein. Er hat sich als Erster ernsthaft mit Sexualität beschäftigt und seinen Zeitgenossen die Angst vor ihren Trieben genommen. Man kann ihn gar nicht genug dafür loben - kaum etwas macht uns Menschen schließlich so glücklich wie befriedigender Sex, und kaum etwas hat so viele Ehen zerstört wie schlechter. Dennoch ist es mit der Sex-Forschung wie mit dem Sex, die meisten Leute wollen nicht drüber reden. Eine der Wissenschaftlerinnen in meinem Buch pflegt auf die Frage nach ihrem Beruf zu antworten: "Ich stimuliere mittels unterschiedlicher Reize das vegetative Nervensystem, um seine Reaktion in verschiedenen Zusammenhängen zu testen." Sprich, sie schaut Leuten beim Vögeln zu. Aber sie will nicht als sexbesessen gelten und keine blöden Kommentare hören.
Nein, eher als Therapeutin. Was ich ja gar nicht bin, aber weil ich so selbstverständlich von Orgasmen, Peniswurzeln und Smegma schreibe, fragen mich Leute auf Lesungen ernsthaft um Rat, wenn ihr Liebhaber Erektionsstörungen hat, oder ob es normal ist, wenn Frauen ejakulieren. Übrigens, als ich das erste Mal "Smegma" in einem Artikel unterbrachte, schrieb mir der zuständige Redakteur, alles schön und gut, Frau Roach, aber eines haben wir Ihnen rausgestrichen: Smegma gibt's nicht bei der "New York Times".
Glauben Sie mir, ich bin genauso verklemmt wie meine Landsleute. Ich weiß noch, wie erschrocken ich war, als meine Mutter im hohen Alter von fast 80 Jahren auf meine Frage, wieso zwischen meinem Bruder und mir sechs Jahre liegen, antwortete: Weil dein Vater Erektionsstörungen hatte. So genau wollte ich das nie wissen! Nur die Japaner sind noch verschämter als wir. Als ich kürzlich dort auf Lesereise war, konnte mir kein männlicher Journalist in die Augen sehen.
Es ist eine Generationsfrage. Unsere gesamte Kultur ist getränkt in Sex, man braucht nur das Fernsehen einzuschalten oder sich Teen- Magazine anzuschauen - "10 Tipps, wie du ihn richtig scharf machst!" Zwölfjährige Mädchen meinen heutzutage, sie müssten "gut" darin sein, einem Jungen, den sie kaum kennen, mal eben auf der Toilette einen zu blasen. Das ist unbezahlte Prostitution - unter dem Vorwand, cool zu sein; ein fürchterlicher Rückschritt für die Emanzipation. Und doch bin ich der Meinung, dass die heutige Generation generell besseren Sex hat als wir in dem Alter. Weil sie offen über alles reden, weil sie keine Hemmungen haben. Als meine Stieftochter 13 Jahre alt war, wollte sie Dinge wissen, die ich meine Mutter nie zu fragen gewagt hätte. Oralsex, sagte sie einmal beim Abendessen, ist das, wenn sie am Telefon reden? Als ich sie korrigierte, spuckte sie fast auf den Tisch, bäh, igitt, machst du das etwa auch?!
Nein, guter Sex kann gar nicht überschätzt werden. Ich fühle mich meinem Ehemann immer am innigsten verbunden, wenn wir Sex hatten. Am nächsten Tag fühlt sich alles neu und frisch und liebevoll an.
Guter Sex ist, wenn dir gar nicht mehr bewusst ist, was du tust, wenn alles ganz von selbst geht. Du denkst nicht darüber nach, soll ich meine Hand jetzt mal hierhin tun, soll ich mal das probieren, sondern du bewegst dich, als hätte jemand deine Gedanken und Gefühle übernommen. Wenn du ganz bei der Sache bist. Schlechter Sex ist, wenn man abgelenkt ist. Ich kenne viele Frauen, die nie einen Orgasmus haben, weil ihnen ständig Gedanken im Kopf herumfahren wie: Sehe ich jetzt gerade fett aus?
Ich bin der festen Meinung, dass man besseren Sex mit jemandem erlebt, den man gut kennt. Natürlich ist es aufregend, wenn man mit jemandem das erste Mal zusammen ist. Aber wenn man jemanden wirklich intim kennt, wenn man ihm vertraut, dann kann man sich fallen lassen. In meinem Buch kommen Paare zu Wort, die vollkommen aufeinander eingespielt sind. Sie wissen genau, was der andere fühlt, und sie denken nicht nur, och, wenn ich hier fünf Minuten rummache, wird er schon kommen - nein, es törnt sie an, wenn sie ihre Partner erregen.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 19/2009