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8. Januar 2004, 16:05 Uhr

Aus der Bahn gekippt

Es beginnt meist harmlos: Mal ein Kater, verspätet ins Büro. Das Ende ist dramatisch, und nicht selten geraten Partner selbst in den Strudel der Sucht. Wie Sie sich und dem Süchtigen helfen können, wie Sie mit einer unerwarteten Krankheit umgehen, beschreibt der letzte Teil der stern-Serie

Noch ein letztes Glas, ein schnelles, dann bin ich weg: Ein letztes von wie vielen? Wirklich nur vier? Und zu Hause, wie viele waren es da dann noch? Wenn das Herz am Alkohol hängt, ist es nicht mehr weit bis zur Sucht.© Sven Jacobsen

Es beginnt meist harmlos: mal ein Kater, mal verspätet ins Büro. Plötzlich aber ist die Sucht da, und mit ihr gerät oft auch der Partner in einen verhängnisvollen Strudel. Der letzte Teil der stern-Serie beschreibt, wie Sie sich und dem Abhängigen helfen können. Und wie Sie damit umgehen, wenn andere, schlimmste Krankheiten Ihre Beziehung zu erdrücken scheinen

Komm doch, bitte, bitte, komm doch", fleht Katharina. "Fünf Minuten", sagt Karl und gießt sich noch einmal nach. Bier ins Weinglas. Vorher hat er billigen Mosel getrunken, davor teuren Bordeaux. Zwischendurch ein Gläschen Weinbrand, danach noch eins. "Auf einem Bein kann man nicht stehen", hat er gesagt und gelacht. Katharinas Magen krampfte vor Wut. "Es ist spät, du musst morgen früh aufstehen und zur Arbeit", brüllt sie. Als sie im Bett liegt, hört sie Flaschen klirren. "Hoffentlich verletzt er sich nicht", denkt sie. Und gleichzeitig: "Was mache ich hier? Wieso haue ich nicht einfach ab?" Am nächsten Morgen stinkt das Wohnzimmer wie eine Kneipe. Karl liegt auf dem Teppich und schläft seinen Rausch aus. Wie so oft schon in den vergangenen Monaten.

Vier lange Jahre kämpfte die 43-jährige Katharina S. verzweifelt um ihren Traum von Zweisamkeit. Ihr Mann Karl ist chronisch krank, er ist Alkoholiker. 1,6 Millionen Frauen und Männer sind nach Schätzungen der "Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen" abhängig, weitere 2,7 Millionen stark gefährdet. Besonders häufig erkranken Menschen, deren Eltern bereits süchtig waren.

Karl, 44, kommt nicht aus einer Trinkerfamilie. Er ist Krankenpfleger, und die Schicksale seiner Patienten ließen ihn auch zu Hause nicht los. Um abschalten zu können, trank er nach der Schicht ein paar Bier. Dass die Kästen immer schneller leer wurden, verdrängte seine Frau. "Jeder trinkt mal einen über den Durst", dachte sie. Er habe ja eine Menge Stress im Beruf. Wenn Karl morgens wegen "der paar Pils" mal nicht aus dem Bett kam, log Katharina seinem Chef vor, er habe Fieber. Doch sie erwischte sich dabei, dass sie auf Partys heimlich beobachtete, wie viel ihr Mann trank. Es war ihr peinlich, dass er vor Freunden lallte. Wenn sie das Thema später ansprach, sagte er lediglich, das wäre doch alles kein Problem, er wollte doch nur ein bisschen Spaß haben.

Heimlich war er vom Bier längst auf Weinbrand umgestiegen. Zu Hause, bei seiner Frau, trank er zunächst nur ein Gläschen. Doch immer häufiger kam er mit merkwürdig starrem Blick nach Hause. Im Keller, versteckt hinter Gerümpel, fand Katharina Schnapsflaschen. Er stritt ab, die Flaschen versteckt zu haben. Der Geruch, der ihn umgab, enttarnte seine Lügen.

Norbert & Christel

Norbert & Christel Seit 28 Jahren ist der kaufmännische Angestellte Norbert, 50, mit Christel, 46, verheiratet. Anfang der 90er glitt die Angestellte in die Alkoholabhängigkeit, seit einer Therapie ist sie so genannte trockene Alkoholikerin Norbert: "Jahrelang wollte ich einfach nicht wahrhaben, dass der Suff meine kleine Familienidylle bedroht. Wenn es abends nach Weinbrand roch, habe ich mir eingeredet, Christel könne das alles noch steuern. Schließlich ging sie morgens doch immer zur Arbeit, dann könne es doch nicht so schlimm sein, sagte ich mir. Die Trinkerei begann nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters. Sie tat mir so leid, auch deshalb habe ich nichts gesagt. An Trennung habe ich niemals gedacht." - Christel: "Ich habe mich zur Therapie entschlossen, als ich mich selbst nicht mehr ertragen konnte. Alkoholismus ist ein Full-Time-Job, da bleibt keine Zeit mehr für andere. Ich war eine so genannte Bettkantentrinkerin. Tagsüber, während der Arbeit, brauchte ich keinen Alkohol, abends schüttete ich zum Schluss locker zwei Flaschen Weinbrand in mich hinein."

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