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26. November 2003, 15:44 Uhr

Leere nach dem Sturm

Wickelzeit, Schulstress, Pubertät: Kinder halten auf Trab. Wenn sie dann ausziehen, stellen Eltern oft die eigene Beziehung in Frage: Brauchen wir uns überhaupt noch? Was hält uns noch zusammen?

Der Herbstblues kommt, wenn die Kinder gehen. Der Moment des Abschieds: Wie geht's weiter?© Sven Jacobsen

Der Sohn sagt: "Ich ziehe aus." Und die Mutter sagt: "Ich auch." Der Junge erschrickt. "Aber du ziehst doch nicht mit mir zusammen?" Da kann die Mutter ihn beruhigen. Das bestimmt nicht! Sie hat genug von Wäschebergen, herumliegenden Schuhen und Jacken, verschütteter Milch und stehengelassener Butter, vom Heranschaffen und Abräumen. Sie ist 45, im Beruf erfolgreich. Aber auch ausgelaugt. Jetzt wird es Zeit, im Leben etwas Neues zu beginnen. Nein, kein neuer Rosenkavalier, kein später Karrieresprung - aber eine kleine Wohnung und viel Muße für sich.

Nicht nur Väter in der Midlife-Crisis, auch Mütter verlassen immer häufiger das Haus. Denn wenn die Kinder flügge sind, sitzen auf den Sofas nur noch Mann und Frau. Die Pflicht ist erfüllt, wie soll nun die Kür aussehen? Weiter im Paarlauf? Gemeinsam um die Welt oder in dem Haus bleiben, das jetzt viel zu groß ist?

Jede Ablösung wirft die Abgelösten auf sich selbst zurück. Wer ist sie, wenn sie nicht mehr sorgende Mutter ist, wer er? Sind sie noch Partner, oder sind sie, über die Jahre von heulenden Sirenen, quengelden Kleinkindern, stinkfaulen Schulversagern und pubertierenden Ungeheuern aufeinander gehetzt, zu verbitterten Gegnern geworden?

Das erste Höllenfeuer durchwandern Paare nach jener Glücksphase, die Therapeuten "Babyflitterwochen" nennen: Die Kinder sind noch klein. Das zweite große Krisengebiet betreten sie, wenn die Kinder das Haus verlassen. Vor der Silberhochzeit schnellt die Scheidungsrate, so die Statistik, noch ein letztes Mal hoch. Denn an der Wohnzimmerdecke steht in unsichtbarer Hexenschrift geschrieben: "War das jetzt alles?" Empty nest syndrome nennen Soziologen eine vornehmlich Müttern auf die Seele geschriebene Depression. Ein Phänomen des zu Ende gegangenen 20. Jahrhunderts. Denn in früheren Zeiten wurden Eltern selten alt genug, um den Auszug des Jüngsten noch zu erleben. Heute stehen ihnen bei guter Gesundheit mindestens noch einmal so viele Erdentage in Aussicht, wie sie mit der Aufzucht verbrachten.

Väter überrascht die Leere ebenso. Der Job, die Überstunden - für die Familie war jahrelang abends nur ein Anruf aus dem Stau vor dem Autobahnkreuz geblieben. Gerade jetzt, wo er nicht mehr nur vorankommen, sondern endlich ankommen will, sind die Jungen ausgeflogen. Time-shift heißt dieser Lebensabschnitt im Fachjargon. Bis hierher ging es bergauf. Und wenn der letzte Spross Stereoanlage, Hanfpflanze und Matratze in den Avis-Kleintransporter lädt, hat Papa seinen Gipfel erreicht. Von dort oben ist die Aussicht auf die weitere Berufslaufbahn oft trübe. Die Kurve sinkt. Jetzt, da er mehr Zeit hat und, altersweise geworden, das Zuhören lernt, wollen seine Kinder nichts mehr erzählen.

Das Bild einer depressiven Mutter, die ohne Raum für sich nur für die Kinder gelebt hat und pathetisch einer verlorenen Familie nachhängt, basiert auf Studien von Frauen, die jahrzehntelang Ärzte und Psychologen aufsuchten. Die jüngsten Befragungen der Wissenschaftlerin Christiane Papastefanous aber ergaben jetzt: "Die meisten fühlen sich entlastet, empfinden Freude, dass diese Phase abgeschlossen ist." Problematisch sei heute etwas ganz anderes: "Viele Frauen haben genau wegen des Freiheitsglücks Schuldgefühle."

Barbara Schank nicht. Kurze dunkle Haare, Wranglerjeans, gelb-orangener Ringelpulli, 44 Jahre alt und ungeschminkt: eine moderne Mutter. Vier Kinder. An den Wänden ihrer neuen Wohnung hängen Aquarelle, selbst gemalt. Auf dem Bauerntisch stehen elf Rosen, rote Rosen.

Es war im letzten Urlaub, ohne ihren ein Jahr älteren Ehemann, nur mit den zwei Jüngsten, auf dieser langen Autofahrt mit einer alten Freundin. Barbara Schank erzählte und erzählte. Der mitleidvolle Blick, als die Freundin sich zu ihr drehte: "So wie du möchte ich nicht leben!" Da dachte sie: "So möchte ich eigentlich auch nicht leben." Das gab den Anstoß zur Trennung. Mit 19 hatte sie geheiratet. "Er war mein erster ernsthafter Freund, und es war glasklar: Wir wollen bis ans Ende der Tage zusammenbleiben."

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