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American Apparel
Mein Chef, der Sexmaniac
© Stephen Shugerman/Getty Images
Dov Charney, Chef von American Apparel, liebt Sex. Zum Leidwesen seiner Angestellten auch im Büro
Von Christine Kruttschnitt
Seine T-Shirts sind populär, sein Ruf dagegen ist ramponiert: Dov Charney, der Chef des Modelabels American Apparel, soll Mitarbeiterinnen auf unglaubliche Weise belästigt haben. Charneys Anwälte hingegen bezeichnen die Anschuldigungen als "haltlos".
Vielleicht ist es ja ganz anregend,
wenn man seinen Chef in Unterhosen
herumlaufen sieht. Natürlich
kommt es auf den Chef an. Und auf die
Unterhosen. Im vorliegenden Fall ist der
Chef ein kurz gewachsener, schwarz behaarter
Hänfling (Typ Ben Stiller), der erst
vor Kurzem seinen Hang zu 70er-Jahre-Schnauzer und Pilotenbrillen abgelegt hat.
Bei den Unterhosen handelt es sich zumeist
um marktübliche Herrenwäsche,
immerhin vom Chef selbst entworfen, und
nur manchmal berichten Augenzeugen
von einem Modell, dessen fachmännische
Bezeichnung "Schwanzsocke" weder Fragen
nach seinem Zuschnitt noch zum Geschmack
des Chefs offenlässt.
O ja, es gibt viele Geschichten über Dov
Charney. Befremdliche. Verwunderliche.
Völlig unglaubliche. Der 39-jährige Gründer
des Mode-Labels American Apparel ist
eine jener Unternehmergestalten, wie sie eigentlich
nur in Komödien vorkommen. Ein
Arbeitgeber mit weltweit 10.000 Angestellten,
der freimütig zugibt, gern ohne Beinbekleidung
im Büro unterwegs zu sein. Ein
Geschäftsführer, der, wenn er nicht gerade
selbst in seinen Anzeigen posiert, die Darsteller
seiner an Laien-Porno erinnernden
Werbekampagnen eigenhändig aussucht
und im Schlafzimmer seiner Villa fotografiert.
Ein Geschäftsmann schließlich, der -
und das ist legendär - vor einer Reporterin
wiederholt onanierte und ihr anschließend
erläuterte, dass "Masturbation in Anwesenheit
von Frauen völlig unterschätzt wird. Es
ist eine sinnliche Erfahrung, in deren Verlauf
der Mann die Frau nicht verletzt, und
wenn er sich erleichtert hat, kann man mit
ihm reden". Häufig hat Dov Charney geschwärmt,
dass die Büroatmosphäre bei
American Apparel sexuell aufgeladen sei
und dass es nicht schade, "wenn jeder was
mit jedem hat, das hebt die Arbeitsmoral" -
man werkle schließlich nicht in der Apotheke,
sondern in der schrillen, übererotisierten,
übersexten Welt der Mode.
Kolleginnen nennt er "Nutten"
Schon viermal wurde "Dov Juan" -
Spross einer Intellektuellenfamilie und Absolvent
eines Elite-Internats - von Mitarbeiterinnen
wegen sexueller Belästigung
verklagt. Eine Klage wurde abgewiesen, bei
zweien einigte man sich außergerichtlich.
Die jüngsten Vorwürfe stammen von der
Verkaufsleiterin Mary Nelson, die es weder
leiden konnte, wenn ihr Chef die Hosen
runterließ, noch, dass er sie und ihre Kolleginnen
"Flittchen" oder "Nutten" nannte.
Und schon gar nicht, dass er sie eines Tages
aufforderte, vor ihm zu masturbieren. Ein
Vorwurf, den Charney nun zurückweist.
Im Januar dieses Jahres sollte es zum
Prozess kommen, doch einen Tag vor
Verhandlungsbeginn wurde ein Schlichtungsverfahren
eingeleitet. Wie jetzt herauskam,
hatten Charneys Anwälte Miss
Nelson 1,3 Millionen Dollar zugesichert -
dafür sollte sich Nelson zum Schein auf
jene Schlichtungsgespräche einlassen,
die offiziell zugunsten Charneys ausgehen
sollten.
Nelsons Anwalt wurde die Sache
offenbar zu zweifelhaft, und weder er
noch seine Mandantin erschienen
zum ersten Schlichtungstermin, worauf
prompt auch die 1,3 Millionen
nicht überwiesen wurden; ein zweites
Gericht in Los Angeles untersucht
nun die "potenziell illegale Abmachung",
die das Ziel hatte, "die Öffentlichkeit und
die Presse in die Irre zu leiten". Vergangene
Woche wurde außerdem bekannt, dass ein
ehemaliger IT-Mitarbeiter juristisch gegen
Charney vorgehen will: Sein Ex-Boss habe
ihn aufgefordert, die Bilanzen aufzuhübschen.
Charneys Anwälte teilten mit, das
seien "haltlose Vorwürfe".
Größter Bekleidungshersteller der USA
Dabei läuft es sonst gut für Charney - rein
karrieremäßig gesehen: Trotz weltweiter Finanzkrise
steigerte American Apparel seinen
Umsatz auf 500 Millionen Dollar - und ist
weiterhin stramm auf Markteroberungskurs.
230 Filialen in 19 Ländern wurden in den
vergangenen fünf Jahren eröffnet; die Globalisierung,
frohlockt Charney, beschleunigt
seinen Erfolg: "Der Kunde in Stockholm ist
heutzutage genauso drauf wie der in Los Angeles."
Seine Firma - einer der größten Arbeitgeber
von Los Angeles und der größte Bekleidungshersteller
in den USA - wird immer
noch als "Anti-Marke" vermarktet, was recht
kokett ist und doch einer der Gründe für ihren
Erfolg: American Apparel richtet sich an
eine urbane, eher konsumkritische Klientel,
die nicht viel Geld für ihre Outfits ausgeben
will und kann - und dennoch den Sex-Appeal
nicht missen möchte.
stern-Artikel aus Heft 48/2008
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