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22. Mai 2008, 12:11 Uhr

Zur Schau getragenes Understatement

Und deshalb sieht man sie mittlerweile auch überall dort, wo keine E-Gitarre gespielt wird: auf dem Schulhof, am Prenzlauerberg oder auf der Maximiliamstraße. An Politkern, an Sienna Miller und seit über zwanzig Jahren konsequent an Bernd Eichinger. Der simple Stoffschuh scheint die Fähigkeit zu besitzen, all diese Menschen modisch, man möchte fast sagen ideologisch, zu einen. Das einzige kleine Zugeständnis an das Alter scheint die Höhe zu sein: Frauen ab 35 Jahren sieht man eher in den flachen, braveren Modellen. Gerne in reinweiß oder creme, als käme man gerade vom verlängerten Wochenende aus den Hamptons. Oder vom Segeln auf der Alster, seltener von Backstage.

Mit ein paar Chucks an den Füßen macht man nichts falsch, in fast jeder erdenklichen Lebenssituation sieht man darin beiläufig aus. Man kann ohne nachzudenken auf sie zurückgreifen, so, wie man beim Italiener auch ohne langes Überlegen Penne Arrabiata bestellt, und weiß, was man bekommt. Chucks sind eine günstige, stilvolle Alternative. Wo sonst kann man sich für nicht mal siebzig Euro ein Stück Jugend kaufen? Inklusive nostalgischer Erinnerungen an Teenagezeiten, als wir plattfüßig vor dem Spiegel standen und das Leben unbespielt vor uns lag wie ein großes Basketballfeld. Und plötzlich riecht man ihn für einen Moment wieder: den Teen Spirit. Es riecht jung, nach Anfang und so viel besser als der Geruch satten Wohlstands.

1908 der optimale Basketballschuh

Den Anfang machte Marquis M. Converse. Er gründete 1908 in Massachusetts die Converse Rubber Shoe Company. Der All Star, ein optimaler Basketballschuh, wurde 1917 erstmals in der Originalfarbe Schwarz produziert. Vier Jahre später kam der Basketballspieler Chuck Taylor zu Converse, um mit seinem Profiwissen dazu beizutragen, den Schuh zu verbessern. Er war es auch, der 1923 das runde Converse-Patch mit seiner Signatur auf den Schuh nähen ließ, damit die Knöchel der Sportler geschützt waren. Er ist der Grund, warum heute keiner mehr Converse All Stars sagt, sondern nur noch von Chucks die Rede ist, was ja immer ein bisschen so klingt, als spreche man von seinem guten alten Kumpel.

Der Umsatz von Converse verdreifachte sich in drei Jahren. Mitte der 1970er Jahre bedrohte jedoch eine neue Sportart die Stabilität: Jogging. Junge Firmen spezialisierten sich auf Laufschuhe - auch die Firma Nike. Eine Entwicklung, die in der Öffentlichkeit wenig breitgetreten wurde, war die Übernahme der Firma durch Nike im September 2003. Ein Grund dafür könnte sein, dass man seine Kundschaft weiter daran glauben lassen wollte, ein poppiges, politisches Statement gegen amerikanische Großkonzerne spazieren zu tragen.

Willy Umland, der als Lizenznehmer mit seiner Firma All Star D.A.Ch GmbH Converse in Deutschland, Österreich und der Schweiz vertreibt, winkt ab: "So würde ich das nicht sehen, man war eher darauf bedacht, die DNA von Converse nicht zu zerstören." Das größte Erfolgsmerkmal sei die Glaubwürdigkeit beim Endverbraucher: "Converse ist glaubwürdig, weil wir das Original sind, weil wir authentisch sind!"

Optische Beinverkürzer

Es gab jedoch auch durchaus Zeiten, in denen man lieber tot gesehen werden wollte, als in den ungepolsterten Flachtretern, in denen man sofort kalte Füße bekommt, die das Bein optisch verkürzen und einem vorgaukeln, man liefe auf Moos. Aber ein Klassiker kommt nie aus der Mode, er ist immun gegen jede Form modischer Grippe. Chucks sind Klassiker, die immer noch genauso unaffektiert und zeitlos aussehen wie vor hundert Jahren.

Egal ob ein Burberry Trenchcoat, Chanel Nr. 5, Lego oder ein VW Käfer - der Mensch sehnt sich nach Beständigkeit, der Klassiker stillt genau diese Sehnsucht. Ein sicheres Zeichen, in den Olymp der Unsterblichen aufgestiegen zu sein, ist immer die Kopie.

Und davon gibt es haufenweise. Böse Plagiate, schlechte Kopien, aber auch ehrfürchtige Zitate von Aldi bis Dior in jeder Preisklasse. Große Designer aus den Häusern Louis Vuitton, Chanel, aber auch Ed Hardy, haben sich schon an Chucks probiert. Aber darüber können echte Converse-Fans natürlich nur müde lächeln, geht es doch beim Tragen von Chucks nicht um glitzernde Statussymbole, sondern um zur Schau getragenes Understatement.

Der Century Chuck

Im Jubiläumsjahr wird die Eine-Milliarde-Schallgrenze an verkauften Chucks aller Wahrscheinlichkeit nach durchbrochen werden. Umland bestätigt: "Was wir sicher sagen können ist, dass das verkaufstärkste Jahr 2008 sein wird. Die Vororder für das erste Quartal zeigt schon jetzt eine Umsatzsteigerung von 60 Prozent, für das zweite Quartal sogar 80 Prozent." Eine Erfolgsgeschichte mit bis dato nie erreichten Verkaufszahlen eines Turnschuhs. Die Designs im nächsten Jahr werden sich an den unterschiedlichen Jahrzehnten orientieren. Es wird Retro-Chucks geben, die so aussehen wie das Urmodell des All Star, und natürlich einen "Century Chuck".

Bleibt zu wünschen, dass Converse das Wichtigste immer im Auge behält: Wir lieben diesen unaufgeregten, designfreien Turnschuh dafür, dass er uns Bewegungsfreiheit lässt, mit uns groß geworden ist, und uns einfach ein bisschen in Ruhe lässt, während die Welt auf gefederten Sohlen immer schneller läuft.

Von Susanne Kaloff
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KOMMENTARE (10 von 15)
 
Freyja79 (23.05.2008, 20:24 Uhr)
Ich bin blöde!
Ich gebe hiermit zu, ein böder Markenfetischist zu sein:
Ich habe Chucks mit 14 getragen, ich trage sie heute noch. Es ist mir egal, dass sie mit durchschnittlich 60 Euro überteuert sind, dass es sich um "Schönwetter-Schuhe" handelt (nichts für Regen und kalte Temperaturen)und dass ihre durchschnittliche Lebensdauer eher gering ist. (Nicht zu vergessen, dass in der 3. Welt Kinder verhungern, während ich 60 Euro für ein Paar Stoffschuhe bezahle). Ich finde sie schön und bequem, darum trage ich sie.

Und was sind schon 60 Euro? Ich bin sicher, dass einige Leute, die sich hier über den Preis beschweren, im pro Monat z.B. mindestens 60 Euro für Zigaretten ausgeben. Geld in die Luft blasen...das halte ich persönlich für noch für viel dümmer.
Mile (23.05.2008, 10:26 Uhr)
Ah so,
da es die Markenfetischisten sicherlich schmerzt. ;-)
Geht mal da einkaufen, wo auch die "Armen" einkaufen müssen. Ihr werdet es nicht glauben aber da kann man sie zum halben Preis kaufen und zwar immer.
Na ja, kann auch sein, dass sie zur Neueröffnung (damit sollte schon klar sein, welche Kette es ist) als Werbung eingekauft haben und sie einfach nicht losbekommen.
elliottsmith (22.05.2008, 22:17 Uhr)
Chucks...
...waren wirklich mal cool und alternativ, da kann man echt nichts sagen, aber spätestens seit fübf Jahren trägt sie wieder jeder Arsch und allerallerspätestens JETZT wo ein stern.de Artikel herauskommt, der sie als alternativ lobpreist, sind sie sowas von uncool geworden, dass es peinlich ist damit gesehen zu werden. Wirklich alternativ ist nicht auf die Werbung bei stern.de zu hören, sondern einfach drauf zu scheißen was andere tragen, sondern einfach sein Ding zu machen. Wenn dass darin besteht Chucks zu tragen, dann kann man das natürlich auch weiterhin machen, dann aber die die mit denen man schon vor fünf Jahren rumgerannt ist. MFG
jezz (22.05.2008, 22:04 Uhr)
Understatement???
Vollkommen überbewertet...
JoeausderHeide (22.05.2008, 21:44 Uhr)
Dragono
Stimmt, mit 12 war es ploetzlich uncool mit dem Amigaranzen in die 6. Klasse zu laufen. Habe mir dann auch ganz schnell einen Eastpak besorgt. Und mit 15 bin ich mit den Skatersneakern mit fetten Schnuersenkeln durch die Ecke gelaufen. Ein Jahr spaeter kamen dann Baggypants, Carharrt und Dickieshosen dazu. All dies ist 10 bis 12 Jahre her. Eins bleibt jedoch Fakt: Converse Chucks waren IMMER uncool auf meiner Schule.
amapola (22.05.2008, 21:02 Uhr)
Was bedeutet das,...
...wenn Frau Kaloff von stern.de meint, nicht mal siebzig Euro für diesen geklebten Leinen/Gummischuh sei günstig? Nun, das kann nur bedeuten, dass die Mitarbeiter bei stern.de überdurchschnittlich gut verdienen und dumm genug sind, sich abzocken zu lassen.
helgman (22.05.2008, 19:30 Uhr)
Es ist eigentlich noch schlimmer
Neige nicht zum Kollektiv-Bashing, aber es ist m.E. eigentlich noch schlimmer als meine Vorredner schon zu recht schreiben:
die Chuck-tragenden Kids haben dazu leider noch Röhrenjeans in fiesen Farben, Ringelpullis und *Arafat-Tücher* am Leib. Fehlt nur noch die neonfarbene Elho-Jacke und auch die musste ich in Einzelfällen schon sichten. Höchststrafe!
Soweit ist es also gekommen mit den guten alten Chucks. Die Welt ist schlecht, schnüff ;)
Ramunu (22.05.2008, 19:00 Uhr)
Marketing...
...getarnt als Journalismus.
Dragono (22.05.2008, 17:43 Uhr)
Unangepasst wie...
...mit Uniform in der Kaserne rumlaufen...
Früher trug ich auch Chucks, ich trug sie gerne, heute ist es mir peinlich das ich mal welche besessen habe.
Naja, soll man der Jugend eben ihre Fetische lassen, man hat ja auch mal nen Eastpak-Rucksack gekauft weil die "cool" waren.
Pamela_1971 (22.05.2008, 17:05 Uhr)
Völlig unkritischer Artikel
Völlig unkritisch wird hier ein superteures Mainstream-Massenprodukt als angeblich "alternatives", "unangepasstes" etc. Rebellionssymbol abgefeiert.
.
Den Vogel schießt aber diese Textzeile ab: "Chucks sind eine günstige, stilvolle Alternative. Wo sonst kann man sich für nicht mal siebzig Euro ein Stück Jugend kaufen?" -- Ein paar einfache Leinenschuhe für 70 Euro (!!) - "günstig"?! Unangepasst ist man damit bestimmt nicht, wenn man soviel für ein paar Stoffpantoffeln bezahlt - allenfalls reichlich blöde :-)
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