
Normalerweise passt André Leon Talley (ganz rechts) auf seine Chefin auf - doch vor dem Angriff mit einer Tofu-Torte in Paris 2005 konnte er sie nicht bewahren© Picture-Alliance/DPA
Anna wuchs in London als Tochter des "Evening Standard"-Chefredakteurs Charles Wintour auf. Familie Wintour galt als hochgebildet, politisch liberal, sozial engagiert und "lächerlich schlecht gekleidet", wie sich die ehemalige Chefin der britischen "Vogue", Alexandra Shulman, erinnert. In einem Interview von 1986 erzählte Wintour von ihrer Jugend: "Angesichts der akademischen Erfolge meiner Geschwister fühlte ich mich wie eine Versagerin. Sie waren superschlau, also arbeitete ich daran, dekorativ auszusehen." Dementsprechend hatte sie schon als Teenager nur vier Dinge im Sinn: Mode, schlank bleiben, ältere Männer (gern mehrere gleichzeitig, sie ging mit Monty Python Eric Idle und Bob Marley aus) sowie den Traum, Chefredakteurin der "Vogue" zu werden.
"Es ist verblüffend, dass ihre Chefs Anna stets einen Schreiber zur Seite stellen mussten, weil sie keine zwei Worte fehlerfrei formulieren kann", erklärt der Biograf Oppenheimer. "Aber sie überwand alle Handicaps, weil sie einen hellseherischen Sinn für Mode hat."
1970 begann sie ihren Weg als Praktikantin bei "Harpers & Queen"; ihr erstes Engagement bei der US-"Vogue" trat sie 1983 an. Die damalige Chefin Grace Mirabella fragte: "Welchen Job hätten sie denn gern?", und Wintour antwortete: "Ihren." Nachdem sie sich mit Verleger Sid Newhouse angefreundet und die Belegschaft gegen ihre Chefin aufgehetzt hatte, ließ Mirabella Wintour nach London versetzen. 1986 leitete die Intrigantin die britische "Vogue" so erfolgreich, dass Condé Nast sie zurückholte nach New York, wo sie 1988 den Chefposten bei der "Vogue" erhielt. Man sagte ihr damals eine Affäre mit Sid Newhouse nach. Wintour hielt eine Rede an die Redaktion - und stritt unter Tränen ab.

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Nachdem sie knapp die Hälfte der Belegschaft entlassen hatte, setzte Wintour ihr Konzept für die "Vogue" durch, das die Mode enorm beeinflusste. Das Credo lautete: "Klasse für die Masse". Sie wollte ein Magazin, das von Glamour und Luxus in seiner reinsten Form handelt und das dennoch eine Auflage von 1,3 Millionen Exemplaren erreicht - und in anzeigenstarken Monaten mehr als 750 Seiten dick sein kann. Eines von Wintours ersten Titelbildern zeigte ein Model mit Lacroix-T-Shirt zu 10 000 Dollar und Jeans zu 50 Dollar. Kurz darauf ging sie dazu über, Stars statt Models aufs Cover zu heben; zu ihren Titelpromis zählen unter anderem Oprah Winfrey und Hillary Clinton. Die Kombination aus High und Low Fashion, die heute alltäglich erscheint, provozierte damals einen Aufschrei in der Branche. Schnell aber nahm das Ansehen des Heftes als Trendsetzer des internationalen Modegeschehens zu. Wintour konnte Fotografen, Designer, Models beliebig buchen und erpressen: Wenn jemand für die Konkurrenz arbeitete, erklärte Wintour ihn zur Persona non grata. Die "New York Times" fasst zusammen: "Anna hält ihren Finger nicht in den Wind, sie ist der Wind."
In den vergangenen Jahren bemerkten einige Redaktionsmitglieder Anzeichen von Altersmilde bei Anna Wintour. Sie lässt in ihrem Magazin inzwischen auch Frauen zu Wort kommen, die nicht über perfekte Maße verfügen, aber sich politisch oder gesellschaftlich engagieren, unter ihnen die Schriftstellerin Joyce Carol Oates und die Präsidentin von Chile, Michelle Bachelet. In einem ihrer seltenen Interviews sagte sie dem Wochenendmagazin des britischen "Guardian": "Wenn Sie sich ein gutes Modefoto außerhalb seines Kontextes anschauen, wird es Ihnen genauso viel über den Zustand der Welt verraten wie eine Überschrift der "New York Times".
Neuerdings tritt sie an der Seite ihres Lebensgefährten Shelby Bryan als Spendensammlerin für die Demokraten auf. Sie ist so beherzt bei der Sache, dass einige Beobachter mutmaßen, die Modewelt langweile Wintour, und sie wolle nun in der Politik Karriere machen. Vielleicht hat Anna Wintour ein gutes kaltes Herz - Humor besitzt sie auf jeden Fall: Zur Premiere des Films "Der Teufel trägt Prada" erschien sie komplett gekleidet in: Prada.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 40/2006