
"Doch mit H&M können wir erstmals ein großes Publikum erreichen", sagt das Designer-Duo Viktor & Rolf© Jesse Grant
Normalerweise haben Designer fünf bis sieben Monate Zeit, um eine neue Kollektion auszubrüten. Bei H&M dagegen arbeitet und verkauft man im Presto-Tempo: "Wir hatten zwei Wochen Zeit für unsere Entwürfe", sagen Viktor und Rolf. "Es kam uns vor wie eine militärische Operation: Alles musste ineinandergreifen, nichts durfte schiefgehen." Mit ihrem Team in Amsterdam ("15 Leute inklusive Sekretärin") erarbeiteten sie 70 Teile: die Frauenstücke mit Herz-Logo, die Männersachen mit Pfeil. Als Krönung der Kollektion kam ihnen ein Hochzeitskleid in den Sinn: "Der Handel mit H&M kam uns wie eine Blitzheirat vor. Ein Brautkleid erschien uns da als passendes Symbol." Erfahrung mit Brautbedürfnissen hatten Viktor und Rolf bereits: 2004 schneiderten sie ein Kleid für die Hochzeit der angehenden niederländischen Prinzessin Mabel Wisse Smit.
Zurück im Gaudi-Haus. Die Szene mit der hereinschwebenden Braut ist im Kasten. Zeit, sich für den Höhepunkt zurechtzumachen: das Jawort. Im Keller des Gebäudes sind Schminktische und Kleiderstangen aufgebaut. Vor den Spiegeln richten sich alte Komparsen-Damen die Haare; die Herren polieren sich die Schuhspitzen. Irgendjemand hat auf große Zettel den Hinweis geschrieben: "Don't eat!" Vielleicht, damit die schlanken Models nicht auf dumme Gedanken kommen? Auch Viktor und Rolf, die mittlerweile das brummende Wohnmobil verlassen haben, werden gestylt, als erlebten sie heute ihren großen Tag. Sie tauschen ihre Jeans gegen einen Abendanzug (aus ihrer H&M-Kollektion), lassen sich die Haare mit Gel glattziehen.
Ein Mann, der wie der Regisseur Renck ein gestreiftes und weit aufgeknöpftes Hemd trägt, inspiziert das Terrain: Jan Nord ist Kreativdirektor bei H&M, also der Mann, der Lagerfeld verpflichtet hat. Der Madonna überzeugen konnte, ihren Namen für einen weißen H&M-Trainingsanzug herzugeben. Der im März derjenige war, der bei Viktor & Rolf anrief. Man könnte ihn auch den Prominenteneinsammler nennen. Früher hat er Werbung für Ikea gemacht, jetzt stößt er den Koloss H&M an. Weil er aber ein typischer Schwede ist, trägt er seinen Einfluss nicht wie eine Monstranz vor sich her. "Mode ist Luxus", sagt er. "Und H&M ist Demokratie." Das ist sein Trick: so zu tun, als diene Massenherstellung dem Allgemeinwohl. Mit ihm ködert Jan Nord auch die Prominenz, etwa Madonna, die nach einem Karrieredurchhänger einen Beschleuniger benötigte, der sie zurück nach oben bringt. "Wir wissen, das Madonna nicht ständig H&M-Mode trägt. Aber Madonna weiß auch, dass viele ihrer Hörer bei H&M einkaufen. Also war ihr klar: Die Kooperation ist für beide Seiten ein Erfolg", sagt Nord. Der Plan ist aufgegangen. Madonna ist wieder oben. Und das ist mehr wert für sie als der Lohn, den ihr H&M gezahlt hat. Jan Nord sammelt weiter: "Viele Modemacher träumen doch vermutlich insgeheim vom Massenmarkt. Wir können diesen Markt bieten." Bislang hat sich Nord keine Abfuhr eingeholt.
Dann geht er zurück zum Set. Die Trauung steht bevor: Am Ende des Spots tritt die Braut Raquel Zimmermann gleich zwei Bräutigamen gegenüber, den Zwillingen Viktor und Rolf. Die wenig subtile Botschaft: Nur das Brautkleid ist einmalig.
Um sechs Uhr wird das Gaudi-Haus wieder geräumt. Das Tageslicht kehrt zurück. Nicht mehr lang, und die Bewohner der banalen Welt werden beim Bummel durch die H&M-plakatierte Stadt gleich wissen, wer die Kunstfiguren Viktor & Rolf sind. Sie werden amüsiert sein.
Übernommen aus ...
Ausgabe 43/2006