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2. Dezember 2008, 12:28 Uhr

Mein Chef, der Sexmaniac

Sex, da fühlt Charney sich berufen. Er verweist auf seine "umfangreiche" Sammlung "historischer" Herrenmagazine und gibt unumwunden zu, sein Augenmaß für Passformen in Striplokalen geschult zu haben. "Da findest du dicke Weiber, dünne Weiber, breitärschige dünnärschige, Weiber mit großen Titten, Weiber mit kleinen Titten", erläuterte er dem Magazin "New Yorker". "Es gibt keinen besseren Ort, um T-Shirt-Schnitte auszuprobieren." Auch rief er Mitarbeiterinnen in sein Büro und überreichte ihnen Vibratoren mit dem Hinweis, die seien "gut beim Sex".

Charney, der in einer Vier-Millionen- Dollar-Villa mit Panoramablick über Los Angeles lebt, umgibt sich gern mit Jungvolk: Bei ihm wohnt ein halbes Dutzend seiner Angestellten, nur junge Männer, betont er, "das ist unkomplizierter". Auch die Flure seines mehrstöckigen Firmenhauptquartiers in Downtown L. A. sind voller attraktiver Twentysomethings - sorgfältig nachlässig gekleidete Künstlertypen, die Hollywood-Nachwuchs sein könnten oder Rockmusiker oder einfach nur Dov-Charney-Fans, so wie jeder Modemacher seine Jünger und Musen um sich schart.

Progressive Firmenpolitik

Bemerkenswert ist jedoch, dass der Großteil der Arbeiter dort aus Lateinamerika stammt - und dass die rund 230.000 T-Shirts und Nylonhemden pro Tag tatsächlich hier und nicht auf den Philippinen gefertigt werden. Charney hasst Sweatshops in der Dritten Welt, und er hasst auch die restriktive amerikanische Einwanderungspolitik. Seinen Nähern und Zuschneidern zahlt er mit 15 Dollar pro Stunde fast das Doppelte des kalifornischen Mindestlohns, außerdem erhalten sie Zuschüsse zur Krankenversicherung, Busfahrkarten und Englischunterricht - selbst von Charney, dem Sexprotz, angewiderte Kritiker räumen ein, dass Charney, der Boss, eine lobenswerte und progressive Firmenpolitik durchsetze. Die Immigrationsbehörde kündigte vor einigen Monaten Stichproben an, um zu checken, ob seine Mitarbeiter auch alle legal im Land sind. Sofort sandte Charney Anwälte aus, für alle "seine" Leute gültige Papiere zu besorgen.

Geboren in Montreal, ist Charney ("Ich bin Jude! Ich glaube nicht an Grenzen!") selbst Einwanderer. Bereits als Schüler betrieb er einen Klamottenhandel: Er holte Wagenladungen voller T-Shirts aus den Staaten und verkaufte sie mit Gewinn in Kanada. 1998, mit Unterstützung eines koreanischen Schneiders in Los Angeles, stellte er American Apparel auf die Beine: eine ironiefreie Hommage an den "Hustler"- und Flowerpower-Look der Siebziger. In diesem Sommer sorgte die ohnehin anrüchige Werbung für extra Aufsehen: In Anzeigen schien ein Model von der hauseigenen Herrenwäsche so angetan, dass es - in Großaufnahme neben einem schwarz behaarten Männerbein - am Saum der Miederware leckt. Abgetörnte Bloggerinnen vermuteten im Slip den Meister selbst.

American Apparel ging im vergangenen Dezember an die Börse, Charney brauchte Cash für seine Expansionspläne. Seitdem hat er, der acht Millionen Dollar pro Jahr als Geschäftsführer verdient, seine Allmacht verloren. Er besitzt eine Aktienmehrheit, doch seine Ausfälle werden nun von Investoren scharf beobachtet. Einige plädieren sogar dafür, dass ein Profi-Manager Finanzaktionen und Personalwesen übernimmt und der flamboyante Gründer sich nur noch ums Kreative kümmert.

Hört der Chef die Signale? Auf dem Titelblatt der US-Wirtschaftsillustrierten "Portfolio" präsentiert er sich diesen Monat ganz manierlich. Zwar in einem Bett. Doch in Hemd und Hose. Sex verkauft, davon ist er immer noch überzeugt. Es kommt halt auf den Sex an. Und auf den Verkäufer.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 48/2008

Von Christine Kruttschnitt
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