
Ein Bio-Supermarkt: Die Industrie reagiert auf ökologisch sensible Verbraucher© Danny Gohlke/DDP
"Öko ist cool", meint auch Christoph Harrach. Harrach betreibt das Blog karmakonsum.de, auf dem sich Verbraucher über emissionsarme Autos oder Bezugsquellen für grüne Lifestyleprodukte informieren können. Kritischen Stimmen, die behaupten, das neue ökologische Denken fände nur in den Szenebezirken deutscher Großstädte wie Berlin, Hamburg oder München statt, wo man Bionade trinkt und tierfreie Kleidung von Stella McCartney trägt, widerspricht er: "War vor einigen Jahren Geiz noch geil, ist es jetzt eben Öko. Und das ist keine Trendwelle, die wieder abebbt. Es ist das Bewusstsein, das sich langfristig ändert."
Harrach glaubt daran, dass die Änderung der Lebensgewohnheiten zwar langsam vonstatten geht, dafür aber nach und nach alle Altersgruppen und sozialen Schichten erreichen kann. "Und genauso, wie sich die Konsumenten in einem Prozess befinden, entwickeln sich auch die Firmen hin zu mehr Nachhaltigkeit." Die Bioprodukte im Discounter seien seine Einstiegsdroge gewesen, so der Blogger. Er ist überzeugt, dass damit auch andere Menschen zu einem bewussteren Umgang mit sich und der Umwelt bewegt werden können. "Erst kaufen sie Bio bei Aldi. Dann beginnen sie, generell darüber nachzudenken, was sie essen. Oder wie sie leben. Sie setzen sich mit der sozialen Dimension ihres Handelns auseinander."
Tatsächlich reagiert die Industrie auf die neuen Konsumenten. Aldi, Lidl und Plus machen Umsatz mit hauseigenen Biomarken. Porsche will bis 2009 eine Hybrid-Version seines Cayenne auf den Markt bringen. Und in Paris fand gerade die "Planete Durable" statt, eine Messe für ökologisch sensible Verbraucher. Neben Kleidung, Essen und Einrichtung wurden dort auch die sich mit Pflanzen selbst reinigenden Swimmingpools der Firma "Bioteich" vorgestellt. Oder eine Tanzfläche, die aus den Bewegungen der Tänzer Strom erzeugt. Doch die Nachfrage seitens der Verbraucher bleibt trotzdem kleiner, als diese Entwicklungen vermuten lassen. Letztlich liegt der Anteil von Biolebensmitteln in Deutschland immer noch bei fünf Prozent. Und nur 16 Prozent der Deutschen sind bereit, für Ökotextilien deutlich mehr Geld auszugeben.
Dass H&M trotzdem eine Linie aus Biobaumwolle anbietet, dass McDonald's Biomilch verkauft und selbst Coca-Cola versucht, sich mit Zusätzen aus grünem Tee ein gesünderes Image zu verpassen, ist deswegen wohl eher die Bemühung, dem Trend entgegenzukommen, als eine wirkliche Veränderung des Marktes. "Von Trendopportunismus halte ich wenig", sagt Eike Wenzel vom Zukunftsinstitut. Und auch Blogger Christoph Harrach meint: "Greenwashing, also der Versuch, ein wenig ökologisches Produkt durch Platzierung in einem Loha-Umfeld als umweltfreundlich darzustellen, das funktioniert nicht." Das Internet trägt dazu entscheidend bei. Es habe die Konsumenten klüger gemacht, so Eike Wenzel. Und mächtiger: "Wenn eine Marke erst mal im Internet verrufen ist, kann man zuschauen, wie schnell sie vom Markt verschwindet."
Ähnliches könnte den neuen grünen Magazinen und Websiten wie "Ivy", "My Life" oder "Utopia.de" blühen. Denn auch wenn diese sich ernsthaft bemühen, der Biohème die Informationen zu liefern, nach denen sie verlangt, ist diese nach Einschätzung von Eike Wenzel gar nicht so sehr daran interessiert: "Ich finde diese Medien alle sehr sympathisch. Aber Lohas sind keine Zielgruppe im klassischen Sinne. Man kann sie schwer auf ein Konzept einschwören." Zu unterschiedlich seien die Neo-Ökos in ihren Einstellungen und in ihrem Denken. Das Einzige, was sie alle verbindet, ist die Bereitschaft, ihr Leben marginal zu verändern. Sie wollen Naturmenschen sein, wie sie schon Rousseau beschrieb: Die für ihr Wohl sorgen, "mit dem geringstmöglichen Schaden für die anderen".
Doch was geringstmöglich ist, darüber herrscht keine Einigkeit. Philosoph Ernst Oldemeyer dazu: "Dass Naturfreundlichkeit zunehmend als Bestandteil eines guten Lebensstils aufgefasst wird, finde ich sehr begrüßenswert. Es sollte nur nicht bei einer Schönwetter- und Urlaubs-Naturfreundlichkeit bleiben." Darf ich einen Mahagoni-Tisch haben, wenn dieser nicht aus frisch geschlagenem Holz ist, sondern aus dem Gebälk von Abrisshäusern? Charles Failla, Autor des Scuppie-Buches, meint: Ja. Pelzjacken sind aus seiner Sicht jedoch immer abzulehnen – auch wenn diese recycelt wurden. Und auch darüber, ob man getrost in die Südsee fliegen darf, wenn man nur für den CO2-Ausgleich zahlt, besteht unter den Lohas Diskussionsbedarf. Denn selbst wenn sich alle im Großen und Ganzen einig sind, dass ein grünes Gewissen ein reines ist, fehlt vielen Vertretern der Biohème die Bereitschaft zum Verzicht. Etwas, das die alten Ökos nicht nur mitbrachten, sondern auch zelebrierten. Und damit überhaupt erst den Weg ebneten für die Menschen, die glauben, sie könnten allein durch veränderten Konsum, durch Ablasszahlungen, die Welt retten.