
© Strellson
In der Strellson-Werbung sind keine gelackten Modelbubis zu sehen, sondern Männer, denen die Jahre oder Umstände schon ein paar Furchen oder wenigstens einen schlauen Blick ins Gesicht modelliert haben. Ihnen werden knappe Statements in den Mund gelegt, von denen man bei Strellson hofft, dass sie "eine Weltanschauung transportieren". Eine Überschrift etwa lautet: "Wenn wir unsere Träume sehen könnten, wüssten wir, dass es keine Grenzen gibt." Na gut, mit Kleidern hat diese Art Imagewerbung nichts zu tun, und sie brachte Strellson auch schon den Ruf ein, eine "Esoterik"-Firma zu sein. Aber die PR kommt bei den Kunden offenbar an: Die Markenbekanntheit bei der selbst definierten Zielgruppe liegt bei über 50 Prozent. Wie wichtig diese Kampagnen dem Unternehmen sind, belegt eine andere Zahl: Strellson steckt 15 Prozent seiner Umsätze in Werbung - das leistet sich sonst nur die Kosmetikbranche. Üblich ist höchstens die Hälfte.
Einen Sprung nach oben machten die Umsätze, als Strellson vor drei Jahren mit einem Parka auf den Markt kam, der von der Schweizer Feldjacke inspiriert und mit Militärdeckenstoff gefüttert war. Im Lager und den Ateliers miefte es wochenlang nach alter Wolle, doch die 3000 Parkas waren im Nu verkauft, der Grundstein für die Sportswearlinie "Swiss Cross" war gelegt. Mittlerweile macht Strellson ein Drittel seines Umsatzes mit Sportswear - die braucht es heute unbedingt, wenn man bei der jungen Kundschaft andocken will. Dass sich die Schweizer aus dem Kanton Thurgau auf das "Abenteuer Damenmode" einlassen werden, gilt als ausgemacht. Vorher allerdings, bremst Pichler, müsse die Internationalisierung weitergetrieben werden, und daheim habe man vorerst genug zu tun. In Kreuzlingen entstehen ja nicht nur die eigenen Kollektionen, sondern auch die Herrenlinien für die Marken Windsor, Joop! sowie Tommy Hilfiger. Sie alle firmieren unter dem Dach der "Holy Fashion Group" - was kein hübsch erdachter Name ist, sondern mit den Inhabern zu tun hat: Strellson gehört den Gebrüdern Jochen und Uwe Holy.
Die einstigen Inhaber von Hugo Boss erwarben 1984 den Kreuzlinger Mantelschneider Friedrich Straehl und bauten ihn zu Strellson um. Ab 1989 verkauften sie ihre Boss-Anteile und lösten dabei rund 250 Millionen Franken ein - dieses Familiensilber in der Schweiz und fern dem deutschen Fiskus zu investieren lag nahe. 1993 verließen sie das Boss-Management endgültig und holten sich Reiner Pichler an den Bodensee. Er sollte auf dem Textilsektor wiederholen, was Swatch mit Uhren vorgemacht hatte: ein Schweizer Industrieunternehmen zu einem Lifestyle-Anbieter formen. "Wir hätten auch klassische Old-English-Mode machen können", behauptet Pichler, doch er zielte lieber mit erschwinglichen Qualitätsprodukten auf die breite europäische Mittelschicht. Bis heute bewegt sich Strellson konsequent in der Mitte, nicht zu modisch, aber modern, nicht zu teuer, nicht zu billig - Anzüge kosten zwischen 299 bis 449 Euro.

Ein moderner Performer? So stellt ihn sich Strellson vor© Strellson
Lässt sich mit ein paar Millionen Franken, einem Blick auf die Bevölkerungsstruktur und einer guten Marketingstrategie alles erfolgreich verkaufen? Unsinn, sagt Pichler, wenn das so einfach wäre. "Gut, die Holy-Brüder haben das Unternehmen hervorragend ausgestattet und eine sehr gute Dividendenpolitik gefahren." Was nicht ausgeschüttet wird, kann klugerweise wieder investiert werden. Doch Erfolg stelle sich nur ein, wenn man in allen Bereichen besser sei: in der Logistik, bei der Qualitätskontrolle (Retourquote unter einem Prozent), bei der termingerechten Auslieferung (über 97 Prozent), bei der Firmenkultur. Niemand ist nach acht Uhr im Betrieb, keiner geht vor 17 Uhr, Punkt. "Wie soll denn das gehen, wenn einer um elf kommt, ich den aber um neun sprechen will?"
Liegt letztlich also in der Schweizer Präzision und Disziplin der Unterschied? Nur zum Teil, sagt Pichler, was ein Unternehmen erfolgreich macht, das könne jeder Berater einem erzählen, "es dann aber umzusetzen, das ist die Kunst. Strellson ist so erfolgreich, weil wir hier so ein motiviertes Team haben". Wer das nicht glaubt, der kann ja mal die Frischlinge und Milchkühe des Bregenzer Waldes fragen. Die haben da einschlägige Erfahrungen gemacht.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 48/2006