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18. Oktober 2009, 12:30 Uhr

Was hier geht, kommt

Kleider werden vom Laufsteg weg bestellt

Die Straßen des Viertels sind für die Designabteilungen der Konzerne inzwischen so wichtig wie einst das Orakel von Delphi für die Herrscher des antiken Athen. Was in Shibuya heute ein Thema ist, kann morgen die Hauptstädte der Welt begeistern. "Die Japaner haben eine ganz andere Konsumfreudigkeit. Japanischer Lifestyle taucht in der ganzen Welt auf. Für unsere Firma ist das sehr wichtig", sagt Jörn Clausen, Leiter der Abteilung Global Trend & Lifestyle Marketing beim deutschen Sportartikelhersteller Adidas. Clausens Abteilung beschäftigt drei Mitarbeiter in Tokio, um nichts von diesen Trends zu verpassen. Denn kaum etwas entwickelt sich in Tokio so schnell wie die Mode. 20 000 junge Frauen kamen im März zur Modenschau "Tokyo Girls Collection". Noch während der Veranstaltung bestellten viele die Kleider per Handy direkt vom Laufsteg.

Form mit Funktion: große Kopfhörer für guten Sound© Paolo Patrizi

Ayana Matsuaki ist 17 Jahre alt und besucht im Tokioter Vorort Saitama die elfte Schulklasse. Jeden Monat gibt sie 70 000 Yen für Kleidung und Kosmetik aus - umgerechnet etwa 500 Euro. Das ist in Japan noch nicht einmal viel. Damit sie sich den Luxus leisten kann, kellnert Ayana dreimal pro Woche abends in einem Restaurant. Sie trägt grüne Kontaktlinsen, ein enges Oberteil, einen knappen Minirock und schwarze Kniestrümpfe. Zu Hause, etwa eine U-Bahn-Stunde vom Stadtzentrum entfernt, teilt sie sich mit ihrem 13-jährigen Bruder ein kleines Zimmer unter dem Dach. Ayanas Vater arbeitet als Manager bei einem Kurierdienst. Meist geht er schon vor sechs Uhr morgens zur Arbeit und kommt erst nach zehn Uhr abends nach Hause. Die Mutter verkauft Fertighäuser. Beide Eltern haben ihr ganzes Leben gearbeitet, eingesperrt in einer Welt, die nur aus Büro, überfüllten U-Bahnen und der Fernsehcouch im Wohnzimmer besteht.

Mädchen kleiden sich als Lolitas oder Dienstmädchen

Ayana versteht sich gut mit ihren Eltern. Doch wie viele junge Japanerinnen würde sie später gern ein freieres Leben führen. Sie wäre gern als Afroamerikanerin auf die Welt gekommen. Die spielten viel Basketball und tanzten mit kreisenden Hüften, sagt Ayana. Manchmal versucht sie mit ihren Freundinnen, die Bewegungen nachzumachen. Aus Reggaemusik, Miniröcken und dicken goldenen Halsketten hat sich das Mädchen eine Traumwelt geschaffen, die Möglichkeit, in eine andere Realität zu flüchten. Sie ist keine Rebellin, man darf das nicht falsch verstehen. Aber in ihrem Herzen brennt eine Flamme der Sehnsucht.

Der Drang, jemand anderes und Teil einer fremden Gruppe zu sein, hat in Japan die absurdesten Moderichtungen hervorgebracht. Mädchen, die sich wie Lolitas oder französische Dienerinnen kleiden, "Ego Girls" und Fabelwesen im Stil der Comicfiguren aus den japanischen Mangas. Spätestens mit dem ersten Bewerbungsgespräch aber verwandeln sich die Fantasiegestalten zurück in normale Mädchen.

Verkäufer entscheiden wer kaufen darf

"So verrückt die Modewelt auch ist, alles findet im Rahmen der streng organisierten japanischen Gesellschaft statt", sagt Gene Krell, internationaler Modedirektor der Zeitschrift "Vogue". Der 60-jährige Amerikaner mit Boxernase und langen Haaren kam vor 40 Jahren zum ersten Mal nach Tokio, irgendwann zog er ganz hierher. Er besaß damals in London den Szeneladen "Granny Takes a Trip", wo auch die Beatles und Jimi Hendrix einkauften. Heute ist Krell einer der wichtigsten Stil- und Modeexperten Japans. Das alte Kaiserreich war schon in den Sechzigern modehungrig - auch wenn niemand die Trends aus dem Westen verstand. "Ich habe sogar Männer in Miniröcken gesehen! Alle experimentierten. Westliche Kleidung war für die Japaner ein Kostüm, bei dem sie zwischen den Geschlechtern keinen Unterschied machten", sagt Krell. Noch heute werden die Ideen bis in die Extreme getrieben. Es ist genau der kreative Wahnsinn, den die Modeindustrie so liebt.

1993 gründete der Designer und Musiker Nigo die ultracoole Marke "A Bathing Ape" ("Ein badender Affe"). Bekannt wurde "Ape" nicht nur wegen des schrillen Designs mit dem grinsenden Affenkopf. Es war vor allem die verrückte Werbestrategie, die Nigo zum Erfolg verhalf: Jeder Kunde durfte anfangs nur ein Kleidungsstück und nur in seiner eigenen Größe kaufen. Wer den Verkäufern zu uncool erschien, wurde weggeschickt. Alle wollten Ape. Inzwischen hat die junge Firma Geschäfte in London und New York. Auch andere Trendmarken aus Japan erobern die Modewelt. Und immer mehr westliche Firmen vergeben Aufträge an die schrägen Designer aus Tokio. Puma beauftragte Yasuhiro Mihara mit der Gestaltung einer Freizeitschuhserie. Der sagt, die Idee zur neuen Kollektion "MY-23" sei ihm gekommen, als er einen Zombiefilm gesehen habe.

Tokio ist die modischste Stadt der Welt

Auch in anderen Bereichen gibt Japan die Richtung vor. Spitzenkoch Joël Robuchon hat sein Restaurant vom Eiffelturm in den Tokioter Mori Tower verlegt. Kürzlich folgte ihm der englische Starkoch Gordon Ramsay. In den Bereichen Produktdesign und Architektur spielt Tokio schon lange in der Weltliga.

Mode-Ikone Gene Krell ist sicher, dass er für immer in Japan bleiben wird. Auch wenn er nach 40 Jahren noch oft das Gefühl hat, dieses Land in seinen Extremen nicht ganz zu verstehen. "Manchmal schalte ich den Fernseher an, und da hängt jemand kopfüber im Bild und putzt sich die Zähne mit Chilipulver", sagt er. Dann lehnt er sich zurück und denkt einen Moment nach. "So ist Tokio. Die modischste Stadt der Welt", sagt er. Wahrscheinlich wird aus dem Chilipulver einmal ein Welttrend.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 17/2006

Was ist ein Trend? Über ein Phänomen zwischen Wissenschaft und Spekulation

Drei Trend-Arten gibt es:

Megatrend

Er besteht mindestens 25 Jahre und hat Auswirkungen in allen Lebensbereichen, von Politik und Ökonomie bis zu Konsum und Werten. Beispiel: die Alterung unserer Gesellschaft.

Konsumtrend

Er gilt fünf bis acht Jahre und beschreibt Entwicklungen, die von den Lebensgefühlen der Menschen geprägt werden. Beispiel: die Wellness-Welle.

Produkttrend

Er hält manchmal nur einen Sommer. Beispiel: Pokémon-Karten.

Die Globalisierung trägt dazu bei, dass die Zahl der Trends steigt, zugleich sind diese oft widersprüchlich und nur von kurzer Dauer. Präzise Trendforschung ist daher wichtiger denn je: für Produktentwickler in Unternehmen ebenso wie für Politiker und Sozialwissenschaftler. Trendforscher arbeiten mit den Methoden der Soziologie, Statistik, der Chaos- und Marktforschung. Sie suchen weltweit nach innovativen Produkten, flöhen Zeitschriften, fotografieren Straßenszenen und befragen Passanten. Wie sagte schon der Skispringer Jens Weißflog? "Man fliegt nur so weit, wie man im Kopf schon ist."

Von Janis Vougioukas
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