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23. November 2007, 10:00 Uhr

Vom "New Look" zur Millionenmarke

Alles begann mit der "Blütenkelch-Linie" am 12. Februar 1947. Seitdem ist das Pariser Modehaus Dior aus der Geschichte der Haute Couture nicht mehr wegzudenken. Ein Streifzug durch 60 Jahre einer Marke, die schwerer wiegt als ihre Designer. Von Dirk van Versendaal

Hahn im Korb: Dior-Designer John Galliano mit den Models Linda Evangelista, Naomi Campbell, Gisele Bundchen und Amber Valletta (v.l.n.r.) bei der Haute Couture Show© Bruno Pellerin/DPA

Endlich mal wieder ein Geburtstag, den zu feiern auch lohnt. In der Flut von Firmenjubiläen, Pensionierungen und sonstigen Jubeltagen hat der Jahrestag des Pariser Modehauses Dior einen triftigen Grund: Man ist Sechzig geworden sowie bei bester Gesundheit - was sonst nur die Maison Chanel von sich behaupten darf -, vor allem aber hat man die Mode vor sechs Jahrzehnten tatsächlich revolutioniert.

Nichts anderes nämlich geschah am 12. Februar 1947, als Christian Dior in der Pariser Avenue Montaigne zum ersten Mal zur Defilee bat, um seine "Ligne Corolle" zu präsentieren. Die "Blütenkelch-Linie" hüllte Mannequins in bauschige Röcke, die unter schmalen Taillen aufquollen wie Blüten, seine Abendroben, für die er pro Modell bis zu fünfzig Meter Stoff verarbeitet hatte, waren mindestens einer Prinzessin würdig. Dieser "New Look" mit seinen verschwenderisch geschnittenen Kleidern trafen den Nerv seiner aus Ruinen auferstandenen Epoche von Materialknappheit und Notstandsmode. Er machte Dior zum erfolgreichsten Designer: 1949 trugen 75 Prozent der Pariser Modeausfuhren seinen Namen; sie machten fünf Prozent der gesamten französischen Exporte aus.

An die kreative Kraft seiner Premiere reichte in den Folgejahren bestenfalls noch Diors "Bleistiftlinie" heran. Aber der geschäftstüchtige Sohn eines Düngerfabrikanten krempelte seine Branche um, indem er seinen Namen auf fast alles setzte, was sich verkaufen ließ; er erwog sogar, Roastbeef in ein Modeprodukt zu verwandeln: Sein "Dior Rosbif" brachte es glücklicherweise nicht zur Marktreife.

Ein Exzentriker auf dem Mode-Thron

Am 26. Oktober 1957 erlag der Erfinder der Lizenzen mit 52 Jahren einem Herzanfall im italienischen Badeort Montecatini. Dort weilte der mollige Mann mit dem schütteren Haar zum Zwecke der Diät und alljährlichen Entschlackung. An seiner Trauerfeier in Paris nahmen 2.500 Menschen Teil, unter ihnen auch sein liebster Assistent, Nachfolger und ein blutjunger Mann, dessen modischen Schaffen eines Tages weit über das Diors hinausreichen sollte: Yves Saint Laurent. Weil dessen Kollektionen für die konservative Klientel bald zu gewagt gerieten, wurde an seiner Stelle der Franzose Marc Bohan engagiert. Die verlässlichen, aber allzu konformistischen Kollektionen seiner langen Ära (1961 - 1989) sind heute vergessen; auch sein Nachfolger, der Italiener Gianfranco Ferré (1989 - 1996) hinterließ keine bleibenden Spuren in den Annalen der Pariser Haute Couture. Was auf das Modehaus jetzt noch zu warten schien, war Siechtum und Atelierschließung. Aber dann.

Ende 1996 wurde Juan Carlos Antonio Galliano zum neuen Kreativdirektor berufen: Ein Brite mit spanischen Wurzeln, berüchtigt für exzentrische Entwürfe, aber auch für drei Geschäftspleiten unter drei verschiedenen Geldgebern, Saufgelage und für handfeste Kräche mit seinen Liebhabern. Niemand zweifelte an seinen kreativen Fähigkeiten, aber vielen galt er als besserer Pausenclown. Er selbst, sagt der Sohn eines Klempners, habe an seinem ersten Tag bei Dior vor allem eines gefühlt: Panik. "Ich stand am Lift, hunderte von Leuten strömten an mir vorbei. Das ist Dior, dachte ich, das ist Big Business." Auf die Angstattacke folgte ein Freudenrausch: "Es war, als würde man mir den Schlüssel zum Himmel geben. Oder zu einem magischen Königreich, mit Zugang zu Archiven und Ateliers."

Wie viel Dior steckt heute noch in Galliano?

Gallianos Einstand im Ballsaal des Pariser Grand Hôtels geriet zum Spektakel: 50 Ankleiderinnen für 50 Models, 16 Friseure, 15 Make-up-Kräfte, 800 Meter gleichfarbige Seide, 4.200 frische Edelrosen, 2.000 Quadratmeter perlgraue Auslegeware sowie eine üppige, ungestüme Kollektion voller Dior-Zitate begründeten in 26 Minuten die Renaissance des legendären Modehauses.

In kurzer Zeit erledigte Galliano seinen Auftrag, den der neue Inhaber Diors, der Luxuskonzern Louis Vuitton Moet Hennessy (LVMH), ihm gegeben hatte. Unter seiner künstlerischen Leitung gelang die Verwandlung des Pariser Modehauses in eine globale Marke voller Parfums, Kosmetika, vieler bunter Kollektions-Ableger und Accessoirelinien. Entsprechend wurde das 60-jährige Jubiläum während der Haute-Couture-Tage im Juli wild und standesgemäß in Versailles gefeiert.

Nach zehn Jahren vermögen die wenigsten noch Ähnlichkeiten zwischen den Entwürfen Gallianos und Christian Diors zu erkennen. Wie viel Dior steckt heute noch in Galliano? Ein kleines bisschen, meinen Kritiker. Sehr viel, meint Galliano: "Von allen, die als seine Nachfolger gearbeitet haben", sagt er, "bin ich am loyalsten. Ich musste erst mehrere Schichten von Bohan und Ferré abtragen, ehe ich sehen konnte, wer Dior wirklich war. Ich bin der Wächter seiner Träume."

Marke wirkt schwerer als ihr Designer

Welche Daseinsberechtigung hat das Haus Dior heute noch? Eigentlich keine, von den Umsatzmillionen einmal abgesehen. Dior ist, neben Louis Vuitton, der Geldesel des Konzerns LVMH. Aus den sechs Läden, die es 1994 weltweit gab, sind mittlerweile 215 geworden, in diesem Jahr wird das französische Luxushaus rund 800 Millionen Euro umsetzen.

John Galliano pflegt Monsieur Diors Erbe seit einem Jahrzehnt also mehr oder weniger liebevoll - aber finanziell höchst erfolgreich. Vier Saisons fehlen ihm noch, dann hat der 46-jährige (geboren am 28. November 1960) den Gründungsvater an Werksjahren eingeholt. Und eigentlich hätte er längst seine eigene Maison verdient. Doch das erlauben die Mächte des Marktes heute nicht: Die glorreichen Namen der Vergangenheit sind viel mehr Geld wert als jeder lebende Designer. Da mag er noch so einfallsreich sein.

"Dior"

"Dior" Der jetzt erschienene Bildband "Dior" (Rolf Heyne Verlag) des Modehistorikers Farid Chenoune beleuchtet sechzig Jahre Firmengeschichte in Wort und Bild, das Wirken des Gründers des Modehauses und seiner vier Nachfolger.

Von Dirk van Versendaal
 
 
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