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Mein Chef, der Sexmaniac

Seine T-Shirts sind populär, sein Ruf dagegen ist ramponiert: Dov Charney, der Chef des Modelabels American Apparel, soll Mitarbeiterinnen auf unglaubliche Weise belästigt haben. Charneys Anwälte hingegen bezeichnen die Anschuldigungen als "haltlos".

Von Christine Kruttschnitt

Vielleicht ist es ja ganz anregend, wenn man seinen Chef in Unterhosen herumlaufen sieht. Natürlich kommt es auf den Chef an. Und auf die Unterhosen. Im vorliegenden Fall ist der Chef ein kurz gewachsener, schwarz behaarter Hänfling (Typ Ben Stiller), der erst vor Kurzem seinen Hang zu 70er-Jahre-Schnauzer und Pilotenbrillen abgelegt hat. Bei den Unterhosen handelt es sich zumeist um marktübliche Herrenwäsche, immerhin vom Chef selbst entworfen, und nur manchmal berichten Augenzeugen von einem Modell, dessen fachmännische Bezeichnung "Schwanzsocke" weder Fragen nach seinem Zuschnitt noch zum Geschmack des Chefs offenlässt.

O ja, es gibt viele Geschichten über Dov Charney. Befremdliche. Verwunderliche. Völlig unglaubliche. Der 39-jährige Gründer des Mode-Labels American Apparel ist eine jener Unternehmergestalten, wie sie eigentlich nur in Komödien vorkommen. Ein Arbeitgeber mit weltweit 10.000 Angestellten, der freimütig zugibt, gern ohne Beinbekleidung im Büro unterwegs zu sein. Ein Geschäftsführer, der, wenn er nicht gerade selbst in seinen Anzeigen posiert, die Darsteller seiner an Laien-Porno erinnernden Werbekampagnen eigenhändig aussucht und im Schlafzimmer seiner Villa fotografiert. Ein Geschäftsmann schließlich, der - und das ist legendär - vor einer Reporterin wiederholt onanierte und ihr anschließend erläuterte, dass "Masturbation in Anwesenheit von Frauen völlig unterschätzt wird. Es ist eine sinnliche Erfahrung, in deren Verlauf der Mann die Frau nicht verletzt, und wenn er sich erleichtert hat, kann man mit ihm reden". Häufig hat Dov Charney geschwärmt, dass die Büroatmosphäre bei American Apparel sexuell aufgeladen sei und dass es nicht schade, "wenn jeder was mit jedem hat, das hebt die Arbeitsmoral" - man werkle schließlich nicht in der Apotheke, sondern in der schrillen, übererotisierten, übersexten Welt der Mode.

Kolleginnen nennt er "Nutten"

Schon viermal wurde "Dov Juan" - Spross einer Intellektuellenfamilie und Absolvent eines Elite-Internats - von Mitarbeiterinnen wegen sexueller Belästigung verklagt. Eine Klage wurde abgewiesen, bei zweien einigte man sich außergerichtlich. Die jüngsten Vorwürfe stammen von der Verkaufsleiterin Mary Nelson, die es weder leiden konnte, wenn ihr Chef die Hosen runterließ, noch, dass er sie und ihre Kolleginnen "Flittchen" oder "Nutten" nannte. Und schon gar nicht, dass er sie eines Tages aufforderte, vor ihm zu masturbieren. Ein Vorwurf, den Charney nun zurückweist.

Im Januar dieses Jahres sollte es zum Prozess kommen, doch einen Tag vor Verhandlungsbeginn wurde ein Schlichtungsverfahren eingeleitet. Wie jetzt herauskam, hatten Charneys Anwälte Miss Nelson 1,3 Millionen Dollar zugesichert - dafür sollte sich Nelson zum Schein auf jene Schlichtungsgespräche einlassen, die offiziell zugunsten Charneys ausgehen sollten.

Nelsons Anwalt wurde die Sache offenbar zu zweifelhaft, und weder er noch seine Mandantin erschienen zum ersten Schlichtungstermin, worauf prompt auch die 1,3 Millionen nicht überwiesen wurden; ein zweites Gericht in Los Angeles untersucht nun die "potenziell illegale Abmachung", die das Ziel hatte, "die Öffentlichkeit und die Presse in die Irre zu leiten". Vergangene Woche wurde außerdem bekannt, dass ein ehemaliger IT-Mitarbeiter juristisch gegen Charney vorgehen will: Sein Ex-Boss habe ihn aufgefordert, die Bilanzen aufzuhübschen. Charneys Anwälte teilten mit, das seien "haltlose Vorwürfe".

Größter Bekleidungshersteller der USA

Dabei läuft es sonst gut für Charney - rein karrieremäßig gesehen: Trotz weltweiter Finanzkrise steigerte American Apparel seinen Umsatz auf 500 Millionen Dollar - und ist weiterhin stramm auf Markteroberungskurs. 230 Filialen in 19 Ländern wurden in den vergangenen fünf Jahren eröffnet; die Globalisierung, frohlockt Charney, beschleunigt seinen Erfolg: "Der Kunde in Stockholm ist heutzutage genauso drauf wie der in Los Angeles." Seine Firma - einer der größten Arbeitgeber von Los Angeles und der größte Bekleidungshersteller in den USA - wird immer noch als "Anti-Marke" vermarktet, was recht kokett ist und doch einer der Gründe für ihren Erfolg: American Apparel richtet sich an eine urbane, eher konsumkritische Klientel, die nicht viel Geld für ihre Outfits ausgeben will und kann - und dennoch den Sex-Appeal nicht missen möchte.

Sex, da fühlt Charney sich berufen. Er verweist auf seine "umfangreiche" Sammlung "historischer" Herrenmagazine und gibt unumwunden zu, sein Augenmaß für Passformen in Striplokalen geschult zu haben. "Da findest du dicke Weiber, dünne Weiber, breitärschige dünnärschige, Weiber mit großen Titten, Weiber mit kleinen Titten", erläuterte er dem Magazin "New Yorker". "Es gibt keinen besseren Ort, um T-Shirt-Schnitte auszuprobieren." Auch rief er Mitarbeiterinnen in sein Büro und überreichte ihnen Vibratoren mit dem Hinweis, die seien "gut beim Sex".

Charney, der in einer Vier-Millionen- Dollar-Villa mit Panoramablick über Los Angeles lebt, umgibt sich gern mit Jungvolk: Bei ihm wohnt ein halbes Dutzend seiner Angestellten, nur junge Männer, betont er, "das ist unkomplizierter". Auch die Flure seines mehrstöckigen Firmenhauptquartiers in Downtown L. A. sind voller attraktiver Twentysomethings - sorgfältig nachlässig gekleidete Künstlertypen, die Hollywood-Nachwuchs sein könnten oder Rockmusiker oder einfach nur Dov-Charney-Fans, so wie jeder Modemacher seine Jünger und Musen um sich schart.

Progressive Firmenpolitik

Bemerkenswert ist jedoch, dass der Großteil der Arbeiter dort aus Lateinamerika stammt - und dass die rund 230.000 T-Shirts und Nylonhemden pro Tag tatsächlich hier und nicht auf den Philippinen gefertigt werden. Charney hasst Sweatshops in der Dritten Welt, und er hasst auch die restriktive amerikanische Einwanderungspolitik. Seinen Nähern und Zuschneidern zahlt er mit 15 Dollar pro Stunde fast das Doppelte des kalifornischen Mindestlohns, außerdem erhalten sie Zuschüsse zur Krankenversicherung, Busfahrkarten und Englischunterricht - selbst von Charney, dem Sexprotz, angewiderte Kritiker räumen ein, dass Charney, der Boss, eine lobenswerte und progressive Firmenpolitik durchsetze. Die Immigrationsbehörde kündigte vor einigen Monaten Stichproben an, um zu checken, ob seine Mitarbeiter auch alle legal im Land sind. Sofort sandte Charney Anwälte aus, für alle "seine" Leute gültige Papiere zu besorgen.

Geboren in Montreal, ist Charney ("Ich bin Jude! Ich glaube nicht an Grenzen!") selbst Einwanderer. Bereits als Schüler betrieb er einen Klamottenhandel: Er holte Wagenladungen voller T-Shirts aus den Staaten und verkaufte sie mit Gewinn in Kanada. 1998, mit Unterstützung eines koreanischen Schneiders in Los Angeles, stellte er American Apparel auf die Beine: eine ironiefreie Hommage an den "Hustler"- und Flowerpower-Look der Siebziger. In diesem Sommer sorgte die ohnehin anrüchige Werbung für extra Aufsehen: In Anzeigen schien ein Model von der hauseigenen Herrenwäsche so angetan, dass es - in Großaufnahme neben einem schwarz behaarten Männerbein - am Saum der Miederware leckt. Abgetörnte Bloggerinnen vermuteten im Slip den Meister selbst.

American Apparel ging im vergangenen Dezember an die Börse, Charney brauchte Cash für seine Expansionspläne. Seitdem hat er, der acht Millionen Dollar pro Jahr als Geschäftsführer verdient, seine Allmacht verloren. Er besitzt eine Aktienmehrheit, doch seine Ausfälle werden nun von Investoren scharf beobachtet. Einige plädieren sogar dafür, dass ein Profi-Manager Finanzaktionen und Personalwesen übernimmt und der flamboyante Gründer sich nur noch ums Kreative kümmert.

Hört der Chef die Signale? Auf dem Titelblatt der US-Wirtschaftsillustrierten "Portfolio" präsentiert er sich diesen Monat ganz manierlich. Zwar in einem Bett. Doch in Hemd und Hose. Sex verkauft, davon ist er immer noch überzeugt. Es kommt halt auf den Sex an. Und auf den Verkäufer.

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