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Der Tod eines Models

Ana Carolina Reston war gerade einmal 21 Jahre alt, als sie an mehrfachem Organversagen starb. Das brasilianische Model hatte sich für den Erfolg zu Tode gehungert. Reston wurde Opfer einer Branche, die sich selbst vom Tod unbeeindruckt zeigt.

Von Joachim Rienhardt und Jochen Siemens

Die Karriere des Fotomodells Ana Carolina Reston endete am 14. November 2006 im Krankenhaus für städtische Angestellte, São Paulo, Brasilien, besiegelt durch den Totenschein mit der Nummer 162730. Es war früh um 7.10 Uhr, als das Mädchen mit den kastanienbraunen Haaren seine Augen für immer schloss. Sie waren, laut eigener Bewerbungskarte, honigfarben. Alter: 21 Jahre. Größe: 1,74 Meter. Das Gewicht ist auf dem Ärzteblatt vermerkt: 40 Kilo. Ana Carolina erlag mehrfachem Organversagen, einer Blutvergiftung, einem Harnwegsinfekt. Als Anmerkung steht über dem amtlichen Stempel der Sterbeurkunde: "Hinterlässt keine Kinder. Hinterlässt keine Güter. Hinterlässt kein Testament."

Das Einzige, was Ana Carolina Reston hinterlassen hat, war der Traum von der Karriere. Ihr letzter Booker, Alexandre Torchia von der Agentur L'Equipe, beschreibt sie so: "Ihr Gesicht war perfekt, ihre Haare, ihr Mund, die Augen, die Proportionen. Dazu eine tolle Ausstrahlung." Für Torchia war Ana Carolinas Durchbruch "nur eine Frage der Zeit. Sie hatte das Zeug für Paris und Mailand." Für jene Modemetropolen, in denen man heute so tut, als habe dieses Mädchen nie existiert.

Der traurige Blick der Todgeweihten

Ana Carolina wuchs auf dem Lande heran. Nahe der Stadt Jundia', Bundesstaat São Paulo, 60 Kilometer vor den Toren der Mega-City. Das Landhäuschen der Eltern ist vollgestopft mit alten Kesseln, Sätteln, Bügeleisen, Nähmaschinen. Der Blick von ihrem Kinderzimmer geht über das tiefgrüne, hügelige Hochland, teils mit Reben, teils mit Palmen bewachsen. Im Garten plätschert Wasser in einem kleinen Swimmingpool. Ihre Mutter Miriam hat Bilder der Tochter quer über deren Bett verteilt. Bilder ihrer Karriere, Produktionen in Kleidern von Armani, Fendi, Dior, aufgenommen in Rio, Hongkong, Mexico City, Osaka. Die Bilder zeigen Ana Carolina mal kindlich, mal als Vamp, mal sexy, mal als Lady. Ihren Blick nimmt man heute, da man weiß, dass Ana schon damals dem Tode geweiht war, als traurig wahr.

2006 war das Jahr der Magermodels, das Jahr, in dem "dünn" zu "dürr" wurde und "schlank" zu "krank". 2006 starrte die Welt auf knochige Mädchenstars wie Nicole Richie und Keira Knightley, beide Opfer der Hollywood-Stylistin Rachel Zoe, einer Art Diätdomina. Im August dieses Jahres starb das 22-jährige Model Luisel Ramos aus Uruguay während einer Modenschau in Montevideo nach einem Herzinfarkt - sie hatte viele Tage vorher nichts gegessen. Wenige Wochen später verhängte die Modewoche in Madrid ein Laufstegverbot für zu schmale Models. Dann kam die Idee auf, alle Mädchen mit einem Body-Mass-Index von unter 18 von Modenschauen zu verbannen. Für Ana Carolina hätte dies bei ihrer Größe von 1,74 Meter ein Gewicht von knapp 55 Kilogramm bedeutet - 15 Kilo mehr, als sie zuletzt wog.

Karrierestart in der Dorfdisco

"Ana Carolina fand es toll, fotografiert zu werden. Da fühlte sie sich wichtig", sagt ihre Mutter, eine Goldschmiedin, die früher selbst gemachten Schmuck von Haus zu Haus verkaufte. Heute verflucht die Mutter jenen Tag, an dem die Tochter im Alter von 14 an einem Schönheitswettbewerb in der Dorfdisco teilnahm: "Schon vier Tage später klingelte das Telefon. Es waren die ersten Aufträge für Fotos." Models sind Idole in Brasilien, spätestens seit Gisele Bündchen aus dem Süden des Landes zu den ganz Großen der Branche zählt.

Wenn Agenturen zu Nachwuchswettbewerben aufrufen, melden sich bis zu einer Million Aspirantinnen, viele von ihnen mit der Hoffnung auf den schnellen sozialen Aufstieg. "Bei Ana ging es anfangs nur um Spaß", behauptet die Mutter. "Geld hatten wir genug." Das stimmte bestenfalls, bis eine bewaffnete Bande vor fünf Jahren das Elternhaus überfiel. Die Eindringlinge zerrten Ana aus dem Pool, sperrten die Familie ins Bad, auch den Vater, der damals schon an Alzheimer litt. Im Keller fanden sie vier Kilo Gold, die Grundlage für den Lebensunterhalt der Familie. Danach teilte die Mutter Ana und ihrem Bruder mit: "Jetzt kann ich nichts mehr für euch tun. Jetzt müsst ihr mir helfen."

Mit Hormonen wuchsen auch ihre Chancen

Das gelang Ana mit 16, als sie von der Agentur Ford engagiert wurde. Gleich mit dem ersten Job, einem Werbespot für Coca-Cola, konnte sie umgerechnet 3000 Euro zur Familienkasse beisteuern. Oft fuhr sie direkt nach dem Unterricht noch in Schuluniform in die Stadt, eineinhalb Stunden hin, eineinhalb Stunden zurück. Dass Ärzte ihr eine maximale Körpergröße von nur 1,68 Metern errechnet hatten, schreckte sie nicht. Ein Spezialist verschrieb ihr Hormone, und Ana schluckte sie neun Monate lang. Als sie nach zwei Jahren von der Agentur Ford zu Elite wechselte, wurde sie bereits mit 1,74 Meter vermessen.

"Es ist unglaublich, welche Risiken die Mädchen auf sich nehmen, um Standards zu entsprechen, die für den Erfolg in dieser Branche maßgeblich sind", sagt Marco Tommaso, ein Psychologe, der im Auftrag aller führenden Agenturen in São Paulo schon seit zwölf Jahren regelmäßig das Gespräch mit Models sucht, um Essstörungen zu bekämpfen. "Es ist wichtig zu verstehen, dass Ana Carolina kein Einzelfall ist. Es gibt jede Menge Frauen, denen es ähnlich geht." Und dies sei kein brasilianisches Phänomen: "Das ästhetische Idealgewicht hat sich weltweit immer mehr von einem gesunden Gewicht entfernt." Die Kleiderstoffe müssen fließen, dürfen nicht spannen. "Die Branche setzt sich mit ungeheurer Arroganz über biologische Grenzen hinweg. Nur ein Prozent der Models kann die verlangten Standards erreichen, ohne krank zu werden." Die Mädchen seien vollkommener Willkür ausgesetzt: "Sie haben zwei Castings am Tag und hören stets unterschiedliche Meinungen, oft in rüdem Ton: Du bist zu dick, zu dünn, zu groß, zu klein, zu blond, zu dunkel."

"Diese Branche hat ihre eigenen Regeln"

So läuft es auch in einem Zentrum der Modewelt, der Stadt Mailand. Die Diskussion um die Magermodels ist dort so lästig wie ein Pickel, der schnellstens überschminkt gehört. Sergio Salerni, ein TV- und Videoproduzent der Mailänder Schauen, bestätigt: "Diese Branche ist ein geschlossener Zirkus mit eigenen Regeln. Die Designer sehen ihre Kleider nicht mehr als Kleider, die von Frauen getragen werden, sondern als Kunstwerke, die sie an Wesen inszenieren." Models, so das Credo der Modewelt, müssen schlank sein. Dass der Wahn bisweilen an Körperverletzung grenzt, hält David Brown von der Agentur "D'Management Group" für üble Nachrede. Er macht die Evolution verantwortlich: "In jüngster Zeit hat sich der Körperbau von Mädchen sehr verändert. Sie wachsen heute erst einmal in die Höhe und sind größer als sonst. Das ist wie bei einem Baum, da wächst erst der Stamm und dann die Äste. Deshalb sehen die Models dünner aus." Gewiss, es gebe auch Agenturen, die von ihren Models verlangen, innerhalb von vier Tagen ein paar Kilos zu verlieren. "Nicht alle in unserer Branche nehmen Rücksicht darauf, in welch schwierigem Alter die Mädchen sind." Aber für die weit verbreitete Magersucht - dafür sei die Model-Industrie nicht verantwortlich, "da muss es noch andere Auslöser geben", sagt Brown. Die gibt es. Etwa Mütter, die ihre Töchter schon mit 13 auf Diät setzen, damit sie Chancen haben, ein Model zu werden.

Ana Carolina war gerade 18, als sie im Herbst 2003 bei der Agentur Elite unterkam, die sie nach Hongkong vermittelte; "verkaufte", wie es im Branchenjargon heißt. Asien, der Markt der Zukunft, auf den alle Modehäuser gierig starren, stellt einen guten Einstieg für junge Models dar - zumal die örtlichen Kunden kindliche Formen wünschen, Maße, die erwachsene Frauen niemals bieten können.

Ana Carolina teilte sich in Hongkong eine Wohnung mit anderen Models. Kochen, putzen, Job und Freizeit organisieren - alles passierte nun in Eigenregie. 100 Dollar Taschengeld pro Woche streckten die Partner der brasilianischen Agentur vor. Sie wurde gut gebucht, verdiente bis zu 800 Dollar am Tag. Und sie genoss ihre Freizeit, in der sie bei McDonald's nicht nur Zuckertütchen und Klopapier klaute, sondern auch noch Pommes Frites aß.

"Ich habe gelernt, dass ich dünner sein muss"

Bis sie merkte, dass sie mit ihren 52 Kilo immer häufiger aussortiert wurde: "Mal hieß es, sie sei zu dick, dann waren ihre Arme zu wabbelig. Einen anderen störten ihre Sommersprossen", erinnert sich ihre Mutter. Ana widersetzte sich der Forderung, die Flecken operativ entfernen zu lassen. "Aber sie hat aufgehört, richtig zu essen", sagt ihre Kollegin Ana Paula Smolinski, die mit ihr in China war. "In zwei Monaten hat sie sich auf 47 Kilo runtergehungert." Als Ana Carolina Anfang 2004 aus China zurückkam, wertete die Agentur den Trip als Erfolg. Anders als viele Jungmodels konnte sie sämtliche Kosten für Flug, Wohnung und Taschengeld von ihren Gagen begleichen. Aber mehr war nicht drin. Sie schämte sich, weil sie zur Mutter mit fast leeren Händen zurückgekehrt war. "Ich habe gelernt, dass ich dünner sein muss, um Jobs zu kriegen", sagte sie. "Das passiert mir nie wieder. Jetzt nehme ich ab. Aber richtig."

Die erste, die merkte, wie ernst Ana das meinte, war ihre Cousine Geise Strauss, bei der sie wohnte, wenn sie zu Aufnahmen nach São Paulo kam. Geise entging nicht, dass Ana kaum mehr etwas aß, und wenn, dann nur Tomaten und Äpfel. Ihr fiel auch auf, dass sie häufig im Bad verschwand, die Dusche aufdrehte, damit man nicht hörte, wie sie sich erbrach. "Aber sie hat das nie zugegeben." Leugnen, sagen Ärzte, ist eines der bezeichnendsten Symptome für Magersucht, der tödlichsten aller psychischen Erkrankungen. 20 Prozent der Magersüchtigen begehen Selbstmord, sterben an plötzlichem Herztod oder Unterernährung. Drei Viertel leiden an schweren Depressionen.

"Ich bin nicht krank - nur zu dick"

Die Hoffnung auf Heilung ist gering, selbst bei jenen, die einer Therapie zustimmen. "Die Kranken suchen keine Hilfe. Im Gegenteil. Die tun alles, um einem Arzt aus dem Weg zu gehen", erklärt der Psychologe Tommaso in São Paulo. Magersüchtige sagen: "Ich bin nicht krank. Ich bin nur zu dick." Sie flüchten sich in den Kreis Gleichgesinnter, um "Gebote der Schlankheit" auszutauschen. "Du darfst nichts essen, ohne dich schuldig zu fühlen. Du darfst nichts essen, ohne dich zu bestrafen. Du bist nie zu dünn", heißt es auf einer brasilianischen Website, in der Betroffene Magersucht zur Religion erheben. Es gibt Wettbewerbe, wer übers Wochenende am meisten abnimmt. Tipps, in kaltem Wasser zu baden und sich anschließend nicht abzutrocknen, damit der Körper mehr Kalorien verbraucht. Ratschläge, welches Essen sich am besten wieder erbrechen lässt.

Und dann gibt es jene Mittel: Sie sind so groß wie ein halber kleiner Finger, weiß und schwer zu schlucken. Also trinken die Mädchen viel, viel Wasser dazu, was nicht auffällt, weil Models immer viel Wasser trinken. Die Pillen heißen "99 Thermocore" oder "Lipo 6", und kein Arzt würde sie einer jungen Frau verschreiben. Die Mädchen beziehen sie oft aus Fitnessstudios: Fettverbrenner wie Clenbuterol, eigentlich ein Asthmamittel, oder die harte Variante mit Ephedra, einem Pflanzenextrakt, aus dem einst ein Stärkungsdrink für Sklaven gemacht wurde.

Diese Selbstquälerei ist in der Modebranche längst bekannt, und selbst die jüngsten Todesfälle werden daran wenig ändern - auch wenn die italienische Regierung Mitte Dezember anmahnte, nur noch gesunde und wohlgenährte Models arbeiten zu lassen. Im Oktober hatte Didier Grumbach, der Vorsitzende der Pariser Modekammer, verkündet: "Man kann Geschmäcker nicht reglementieren." Und Stuart Rose, der Chef der Londoner Modewoche, verwies auf die künstlerische Freiheit der Modemacher. So, als dürfe diese Kunst alles - selbst wenn sie Mädchen in den körperlichen Ruin treibt. Und zwar nicht nur Models: Der Schlankheitswahn hat dazu beigetragen, dass in Deutschland fast 18 Prozent der Mädchen zwischen 11 und 15 als untergewichtig gelten. Zeit zu handeln? Für die Branche offensichtlich nicht, wie die Casting-Direktorin Barbara Nicoli aus Mailand berichtet: "Ich habe nach den Vorfällen dieses Jahres meinen Kunden, zwei sehr bekannten Modehäusern, nicht ganz so dünne Models vorgeschlagen, aber die wollten sie nicht."

Spezialsalze und Spülwasser

Vermutlich hat Ana Carolina nach ihrer Rückkehr aus China begonnen, Pillen zu schlucken: Appetitzügler, Amphetamin, Abführmittel, Spezialsalz zum Abnehmen, Schmerztabletten. Wenn sie überhaupt noch etwas aß, dann auf Märkten, wo sie Früchte probierte. So ernährte sie sich bei einem kurzen Engagement in Mexiko; auch hier scheiterte sie. Für ein Land, in dem eher Mädchen mit Kurven gefragt sind, war sie zu dünn. Dafür sprang die Agentur L'Equipe in São Paulo ein: "Wir sahen ihre Fotos, und alle waren begeistert", sagt Alexandre Torchia, der Booker von L'Equipe. Er schnippt mit den Fingern: "Jeder hat das Potenzial dieser Frau erkannt."

Torchia vermittelte Ana Carolina innerhalb von zwei Wochen nach Japan: "Bereits nach ihrem ersten Casting dort erhielt sie den Auftrag für einen Designermarken-Katalog", erzählt er. Doch Ana Carolina brach während eines Fototermins zusammen. Sie saß auf einem Sofa, als sie sich plötzlich erbrach. Sie spuckte Blut. Im Krankenhaus von Osaka diagnostizierten die Ärzte eine ausgeprägte Magersucht und Bulimie und vermuteten, dass Ana damals bereits Spülmittel und Wasser mit Salz getrunken habe, weil es in diesem Zustand nicht mehr reicht, den Finger in den Hals zu stecken, um sich zu übergeben. Die Agentur beorderte sie sofort zurück.

Als ihre Mutter sie am Flughafen abholte, entschuldigte sich die Tochter: "Es tut mir leid, Mama, ich habe es wieder nicht geschafft. Ich habe nur Traurigkeit im Gepäck." Ana offenbarte ihr die Diagnose der japanischen Ärzte, und die Mutter nahm sie mit zu dem Gerontologen, der den Vater behandelt. Der Arzt empfahl einen Psychiater. Es kam zum Streit zwischen Mutter und Tochter. Sie sagte: "Mama, wenn du mich zum Psychiater schickst, sterbe ich."

Sie wollte studieren, modelte aber weiter

Ana Carolina fuhr für ein paar Wochen zu ihrer Tante ans Meer. Sie erholte sich, brachte bald 46 Kilo auf die Waage, vier Kilo mehr als in Japan, und versuchte den Eindruck zu erwecken, als läge alles nun hinter ihr. Als sie den Studenten Bruno kennenlernte, der ihr erster fester Freund wurde, dachte die Mutter, alles werde gut. Ana schmiedete Pläne, Ozeanografie zu studieren. Sie rief in der Agentur an und sagte: "Ich höre mit dem Modeln auf." Aber als die sich wieder mit Aufträgen meldete, lehnte Ana nicht ab. Sie wollte erst ihre Schulden abarbeiten, bevor sie ein neues Leben begann. Unterschlupf fand sie bei ihrer Cousine.

Der Booker, der Ana nun betreute, will nicht gewusst haben, dass bei ihr in Japan Magersucht diagnostiziert worden war. Er buchte ein Shooting nach dem anderen. Fast jeden Centavo, der übrig war, lieferte sie zu Hause ab - und verschwieg, dass sie wegen Nierenschmerzen bereits einen Arzt hatte aufsuchen müssen, der ihr Buscopan verschrieb, ein Mittel gegen Bauchkrämpfe. "Sie ließ sich die Tabletten aus der Apotheke nach Hause liefern und fraß zehn Pillen auf einmal", erzählt die Cousine. Als die sie drängte, Hilfe zu suchen, zog Ana Carolina aus. Sie kam bei einer Freundin unter. Immer häufiger krümmte sie sich nun vor Schmerzen. Die Organe bei Magersüchtigen sterben langsam. Nachts lag Ana Carolina wach, hatte Herzrasen, Schweißausbrüche von den Amphetaminen. Ihre Körpertemperatur war herabgesetzt, das Immunsystem bereits so geschwächt, dass der kleinste Infekt die Katastrophe auslösen konnte.

Jobabsage wegen "Grippe"

Am 17. Oktober, vier Tage vor ihrem Zusammenbruch, machte Ana Carolina ihren letzten Job. Eine Promotion für Taschen, veröffentlicht im Internet-Modemagazin Gloria Kalil. Ihr Körper ist unter den wallenden Kleidern kaum zu erahnen. Zu Hause musste sie wieder ins Bett. Nun rief sie sogar die Mutter an, zu stark waren die Schmerzen. Die Mutter konnte aber wegen des kranken Vaters nicht zu ihr kommen und empfahl einen Tee. Zwei Tage später war Ana Carolina noch für eine Modeproduktion von Hochzeitskleidern gebucht. Sie sagte ab, wegen angeblicher Grippe. Es war der erste Job ihrer Karriere, zu dem sie nicht antrat. Tags darauf brach sie zusammen. Die Schmerzen waren so überwältigend, dass eine Nachbarin sie ins Krankenhaus fuhr.

Da waren ihr Blutdruck und der Puls schon dramatisch gesunken. Sie wurde künstlich beatmet und intubiert, weil die Lungen versagten. Die Ärzte schlossen sie zur Blutwäsche an. Kolleginnen und Bekannte aus dem Heimatdorf spendeten Blut für die Behandlung. Zahlen konnte die Patientin nicht. Sie war nicht krankenversichert.

Sie lächelte im Koma

Nach einer operativen Nierensteinentfernung wurde Ana Carolina Reston ins künstliche Koma versetzt. Ihr Körper war aufgedunsen von der Transfusion. Drei Wochen lag sie auf der Intensivstation. Die Mutter durfte jeden Tag 15 Minuten zu ihr: "Sie lag reglos da. Ich sagte zu ihr: Wach auf, du musst nach Hause kommen. Bald ist Weihnachten. Du hast doch immer so gern das Haus geschmückt." Miriam Reston ist sicher, dass ihre Tochter sie gehört hat, auch beim letzten Besuch: "Ich habe gesehen, wie sie die Augen öffnete. Sie hat sogar gelächelt." Am nächsten Morgen war sie tot.

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Von:

Jochen Siemens und Joachim Rienhardt