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Ausschnitt mit Absicht

Der Ausschnitt von Frau Merkel spaltet die Nation. Statt langweiliger Hosenanzüge trägt Merkel sexy Dekolletees. Die Kanzlerin will uns Glauben machen, sie habe mit dem Kleid nicht für Furore sorgen wollen. In Wahrheit war genau das ihre Absicht.

Von Jens Maier

Einmal im Jahr aufzutreten, wie sie es nur als Frau tun könne und Verwunderung dabei auszulösen, das mache ihr Spaß, verriet Bundeskanzlerin Angela Merkel 2005 in einem Interview der Zeitschrift "Emma". Einen dieser Auftritte hatte sie am Samstagabend. Mit einem tiefen Dekolletee erschien sie zur Eröffnung der neuen Osloer Oper, ließ ihren Busen aufblitzen und stahl allen anwesenden Prinzessinnen die Schau. Frau Merkel sexy wie nie! Selbst in der Bundespressekonferenz am Montag früh war das Kanzlerinnen-Outfit Thema. Pressesprecher Thomas Steg musste statt zur Haushaltspolitik Fragen zu Merkels Abendkleid beantworten.

Die Reaktionen auf die neue Freizügigkeit der Angela Merkel sind allerdings geteilt. Star-Stylist Armin Morbach, der Prominente wie Naomi Campbell oder Diane Krüger in Sachen Styling berät, ist vom Mut der Kanzlerin begeistert: "Ihr Outfit ist prall und sexy und zeugt von ihrem neuen Selbstbewusstsein. Je höher sie in den Umfragewerten klettert, umso mutiger wird ihr Stil", sagt Morbach. "Wenn Iris Berben ein solches Dekolletee trägt, finden's alle super, warum also nicht die Kanzlerin?" Nur an der Frisur Merkels stört er sich: "Die sieht immer noch nach Mutter Beimer aus."

Mehrheit der User findet Merkels Look gut

In einer stern.de-Umfrage, an der mehr als 5000 User teilgenommen haben, hat eine große Mehrheit zwar positiv auf den neuen Look der Kanzlerin reagiert - auf die Frage "Wie gefällt Ihnen das Kleid von Angela Merkel?" kreuzten 58 Prozent "Gut, endlich traut sie sich mal was" an - aber immerhin 17 Prozent empfanden den tiefen Ausschnitt als zu sexy, 25 Prozent war das Outfit egal. Die User-Kommentare zum Thema ergaben ein ähnliches Bild.

"Das war aber der Hammer", schreibt User "Zimt" und findet, die Bundeskanzlerin sei mutig, weil sie sich nicht schäme, ihren Körper zu zeigen, während alle Werbungen schreien würden: "Sei jung, schlank und schön!" Ein anderer User meint: "Das passende Kleid für eine Operngala. Frau Merkel sieht sehr gut aus." "Dieses Outfit ist weder elegant noch sexy, sondern nur peinlich", schreibt hingegen User "AchazIII" und fühlt sich an "manche peinliche Oben-ohne-Badende von Mittfünfzigern erinnert." "Nein, für eine Bundeskanzlerin ist das nicht in Ordnung, so aufzutreten", meint auch "DerDa".

Die meisten User-Kommentare beziehen sich allerdings darauf, dass angeblich bei Politikerinnen eher auf das Outfit geachtet und darüber geschrieben würde als bei Politikern. "Ich habe noch nie etwas über die oft männlichen Politiker-Kollegen von Frau Merkel gelesen, deren bloßer Anblick einen schon vermuten lässt, wie's in der Umgebung müffelt", schreibt User "Euridike". "Nur bei weiblichen Politikern muss immer das Aussehen, Figur, Kleidung herhalten für ein Thema", sagt "Livia008".

Auch Männer werden kritisiert

Der Eindruck der Leser täuscht. Angeblich gefärbte Haare von Gerhard Schröder, sein teurer "Brioni"-Anzug, die neue Brille von Frank-Walter Steinmeier oder die Jojo-Pfunde von Joschka hatten ebenso ein Medienecho hervorgerufen wie jetzt das Kleid von Frau Merkel. Tony Blair fiel am Strand mit einer - laut Augenzeugen - zu engen Badehose auf. Bei einem im Kanu paddelnden Nicolas Sarkozy sah sich ein französisches Magazin sogar veranlasst, die Speckrollen wegzuretuschieren, was fast eine Staatsaffäre war. Silvio Berlusconi hat sowohl ein Lifting als auch eine Haarverpflanzung ("Ich fühle mich wie ein 42-Jähriger") hinter sich, wie ganz Italien weiß.

"Bunte"-Chefredakteurin Patricia Riekel hat für die Aufmerksamkeit, die Frau Merkel jetzt mit ihrem Kleid erfuhr, folgende Erklärung: "Der Auftritt war deswegen so überraschend, weil Merkel sonst nur als durchsetzungsfähige Regierungschefin wahrgenommen werde - und diesmal als Frau", sagte sie der Nachrichtenagentur DPA. Eine Erklärung dafür ist, dass die Berufskleidung von Politikerinnen erstaunlicherweise ähnlich uniform ist wie die der Männer. Meist sind es Hosenanzüge mit Jacketts, oft in gedeckten Tönen, zum Frühling auch gerne mal etwas bunter. Selten ist der Politikerinnen-Look sexy, nur selten fällt er auf, denn das soll er ja gerade nicht.

Irgendwo zwischen diesen uniformen Hosenanzügen soll im Kleiderschrank der Angela Merkel das Skandal-Kleid auf seine Entdeckung gewartet haben. Das behauptet zumindest das Kanzleramt. Das Kleid ist nicht, wie zunächst vermutet, eine Neukomposition von Merkels Hausdesignerin Bettina Schoenbach, sondern soll "ein Neuarrangement aus dem Bestand der Bundeskanzlerin" sein, wird dort behauptet. Hat die Kanzlerin also am Samstagabend in ihren Schrank gegriffen und zufällig das Kleid mit dem tiefsten Ausschnitt erwischt? "Dafür ist das Dekolletee zu groß", sagt Medienexperte Michael Rossié. "Das ist Frau Merkel nicht einfach so passiert, sondern sie hat sich bewusst für dieses Kleid entschieden", glaubt Rossié, der viele Prominente für Fernsehauftritte coacht.

Die neue Merkel fühlt sich auch auf dem roten Teppich zu Hause

Doch was will uns die Kanzlerin damit sagen? Frisch verliebt ist sie nicht, wie etwa Première-Dame Carla Sarkozy. Und die wahre Frau Merkel, die Physikerin, ist eher schüchtern und trägt eigentlich viel lieber praktische Kleidung. Rossié glaubt, dass Angela Merkel ihre ersten Gehversuche auf gesellschaftlichem Parkett wagt, etwas Neues ausprobiert. "Nachdem sie politisch erfolgreich ist, möchte sie auch auf gesellschaftlicher Ebene ankommen", sagt Rossié. "Und was läge da näher, als Prinzessinnen aus halb Europa mit einem tollen Kleid die Schau zu stehlen?"

Obwohl sie es noch verneint, Angela Merkel will gesellschaftlich punkten, will auch auf dem roten Teppich zu Hause sein. Weg vom Heimchen-am-Herd-Image, hin zur Weiblichkeit wie sie einst eine Jacqueline Kennedy oder eine Gracia Patricia verkörperten. Über ihren Vizeregierungssprecher ließ Merkel ausrichten, dass es nicht ihre Absicht gewesen sein, mit dem Kleid für solche Furore zu sorgen. Ergänzte aber: "Die Bundeskanzlerin wird auch bei künftigen festlichen Veranstaltungen nach persönlichem Geschmack, nach Lust und Laune ihre Abendgarderobe auswählen." 2008 dürfen wir deshalb noch Großes erwarten. Denn wie hatte die Kanzlerin im "Emma"-Interview gesagt: "Einmal im Jahr auftreten, wie ich es nur als Frau kann." Dieses Bonbon steht uns also noch bevor.

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