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Verpackter Sex

"Badeanzüge sind verpackter Sex", behauptet der Star-Fotograf Rankin - und lässt uns die neuen Modelle mit seinen Augen sehen.

Schon mal zugeschaut, wenn Frauen Badeanzüge kaufen? Seltsames Erlebnis. Fängt schon mit der Sprache an, Frauen sagen "Juchhu, ich kauf mir Schuhe!", aber dann leiser: "Ach, und ich muss noch einen Badeanzug kaufen." Muss. Dann in den Läden, vor diesen meterlangen Stangen bunter Stofffähnchen verstummen Frauen beinahe, und leichte graue Wolken ziehen über ihre Augen. "Hmm, der vielleicht", murmeln sie und immer wieder "ach, ich weiß nicht". Mit den Fingern ziehen und spannen sie den Stoff der Oberteile und versuchen sich vorzustellen, wie das, was hinein soll, darin wohl aussieht.

Badeanzüge zu kaufen ist wie eine komplizierte Dreisatzrechnung: Wie sehe ich darin aus? Wie sehe ich neben anderen darin aus? Und wie sehen mich andere, wenn sie mich darin sehen? Deshalb haben Frauen Badeanzüge immer absurd lange in der Hand, wiegen sie, halten sie von sich weg und an sich ran. Manche haben auch Schweißperlen auf der Stirn, wenn sie mit drei oder vier dieser kleinen Stoffhaufen dann in die Umkleidekabinen schleichen, für sie eine Folterkammer. Das grelle Neonlicht auf der blassen Haut, das Unterteil, das wie ein Ballon sitzt, weil man es über den Slip anziehen muss, die geklebte Plastikeinlage im Schritt, die ausbeult. So an den Strand? Niemals. Badeanzug kaufen, das ist wie einen Kontoauszug des Körpers lesen - Soll und Haben. Jedes Gramm zu viel und jede Falte des Älterwerdens wird im kalkweißen Licht sichtbar und hat ein Ausrufezeichen. Man schaue einmal Frauen in die Augen, wenn sie die Badeanzug-Läden verlassen. Kaum eine lacht.

So kommt es, dass Frauen zu Badeanzügen und Bikinis ein ambivalentes Verhältnis pflegen - sie lieben und sie hassen sie. Badeanzüge entwerten den weiblichen Sinn von Kleidung, sie formen und kaschieren nicht, sondern sie betonen. Gnadenlos. Ein kleiner Bauch wird auch in einem schwarzen Badeanzug nicht dünner, lustige Himbeeren oder feine Applikationen lenken nicht von den ersten Dellen an den Oberschenkeln ab, nichts, man kann mit einem Badeanzug keinen Pakt schließen. Schlimmer noch, er ist hinterhältig. Denn natürlich wissen Frauen, dass "Baden" seine wohl unwichtigste Funktion ist. Dafür würden Einheitsteile, schlicht blau oder weiß oder sonstwie reichen. Nein, Badeanzüge sind das Bisschen, das man trägt, um auf das Nichtstragen hinzuweisen, eine Art erotische Dividendenaussicht oder eben sexuelle Gewinnwarnung, je nachdem. Und natürlich glauben nur Kinder, dass die Strände und Badeanstalten im Sommer zum Burgenbauen oder Planschen da sind, der Rest sieht sich an Volkes Laufsteg der Körperwelten, Tagträume und erotischen Kopfausflüge.

Frauen wissen das.

Sie wissen, dass kein Mann ihnen im Badeanzug hinterher- schaut, weil er das Design, die Farbe oder die Form der Träger mag. Männer schauen durch Badeanzüge hindurch, und sie schauen natürlich lieber durch einen schönen als durch einen hässlichen. Aber wirklich interessant für Männeraugen ist nur, ob sich der Verschluss des Oberteils leicht öffnen ließe oder ob der Busen wohl tief fiele, wenn man ihn befreien würde. Männer können nichts dafür, der Badeanzug ist ihre erotische Sozialisation. Der erste Gedanke, dass Mädchen nicht doof, sondern scharf sein könnten, kommt pubertierenden Jungs im Schwimmbad, wenn sie die zarten Hügel unter den Badeanzügen entdecken. Das prägt, das programmiert die Hormone fürs Leben. Deshalb wollen Männer Badeanzüge ausziehen, und dafür müssen Frauen erst mal einen anziehen, das ist die ganze, simple Funktion von Badeanzügen.

Und es war natürlich ein Mann, genauer ein Franzose, der mit einer Erfindung aus der Badeanzugträgerin ein erotisches Schaufenster machte. Der Ingenieur Louis Reard meldete im Juli 1946 mit einer Zeichnung einen zweiteiligen Badeanzug zum Patent an und nannte ihn "Bikini". Männern hatte er damit einen großen Gefallen getan, manchen Frauen auch, aber viele zwang er mit seinem Bikini in ein Dilemma: Natürlich würden sie fast jedem Mann eine knallen, wenn er sie mit Blicken entkleidete, aber sie würden es auch tun, wenn er nicht herschaute. "Das ist aber ein hübsches Nichts, das Sie da beinahe anhaben", sagte einmal James Bond zu einem Mädchen in einem Negligée. Frauen in Bikinis würden für einen solchen Satz morden.

Und so gebe es

, sagt der Londoner Fotograf Rankin, "keinen realistischen Blick auf Badeanzüge". Das Bild, das man sieht, paart sich im Kopf mit dem Bild, das man sich wünscht. An einem Strand bei Los Angeles hat er mit dem Model Nikki B., "kalifornischer Körper, europäisches Gesicht", für den stern die neuesten Badeanzüge zu Kopfbildern umgesetzt. "Es ist alles übertrieben, die Bilder schwanken zwischen superreal und inszeniert, zwischen Wahrheit und Wunsch." Badeanzüge haben es schwer, sie brauchen einen Fantasy-Inhalt und eine Fantasy-Bühne, damit man sie einmal in Ruhe anschaut, "daran haben wir bei diesen Bildern gearbeitet, sie sind beinahe ein Fake", sagt Rankin.

Hinzu kommt eine beinahe dreiste Körpersprache, eine ständige Seht-her-Pose. Frauen, die sich nackt wohlfühlten, könnten sich am besten in Badeanzügen und Bikinis bewegen, sagt Rankin. Der Brite, der ohne seinen Nachnamen Waddell auskommt, gehört zu den modernsten Fotografen der Welt. Seine klaren und meistens unaufwendigen Bilder haben eine simple Botschaft: Du denkst, was du siehst. Und Badeanzüge, sagt Rankin, seien verpackter Sex. Der Gründer des britischen Kult-Magazins "Dazed & Confused" unterscheidet dabei nicht zwischen seinem Blick durch die Kamera und den Blicken der übrigen Männerwelt an Stränden und in Badeanstalten, "ich mache solche Bilder als Mann. Frauen können sich ja die Badeanzüge angucken".

Jochen Siemens

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