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17. Juli 2008, 19:44 Uhr

Nur zufällig was auf den Rippen

Dass auf der Berliner Fashionweek keine Magermodels zu sehen sind, könnte Gesundheitsministerin Ulla Schmidt als Erfolg für ihre Kampagne gegen Schlankheitswahn verbuchen. Nach stern.de-Informationen sind die Veranstalter jedoch nie um eine Teilnahme gebeten worden. Das führt die gesamte Selbstverpflichtung ad absurdum. Von Jens Maier

Ein Model auf der Berlin Fashionweek: Schlank, aber nicht der Typ Magermodel© Jens Kalaene/DPA

Unter den durchsichtigen Blusen haben sie kaum Brust. Die langen Beine sehen aus, als würden sie gleich wie Streichhölzer brechen. Das Gesicht ist eingefallen. Die dünnen Arme kaum in der Lage, auch nur eine Wasserflasche anzuheben: Magermodels. Noch immer sieht man sie auf internationalen Laufstegen. Viele Länder haben dem gefährlichen Schönheitsideal den Kampf angesagt. Während in Spanien und Großbritannien zu dünne Models bereits verboten sind, soll es in Deutschland eine freiwillige Selbstverpflichtung der Modeindustrie richten. Diese ist jedoch nicht das Papier wert, auf dem sie steht. Das macht die am Donnerstag in Berlin begonnene Fashionweek deutlich. Dass dort bisher kein Magermodel zu sehen war, scheint purer Zufall zu sein.

"An uns ist niemand vom Ministerium mit dem Wunsch herangetreten, eine Charta gegen Magermodels zu unterzeichnen", sagt Zach Eichman, Chef der Unternehmenskommunikation von IMG, zu stern.de. IMG ist eine der größten und bekanntesten Modelagentunen der Welt mit Sitz in Paris. Unter anderem stehen Heidi Klum und Gisele Bündchen dort unter Vertrag. Und IMG ist Ausrichter der Berliner Fashionweek. "Wären wir gefragt worden, wir hätten eine solche Selbstverpflichtung selbstverständlich geprüft", sagt Eichman.

Kein BMI unter 18,5

Dabei hatte Gesundheitsministerin Ulla Schmidt noch in der vergangenen Woche die Kampagne "Leben hat Gewicht - gemeinsam gegen den Schlankheitswahn" gestartet. Ziel ist es, jungen Menschen ein positives Körperbild zu vermitteln und ihr Selbstwertgefühl zu steigern. Dazu hat die Ministerin die deutsche Modeindustrie eine freiwillige Selbstverpflichtung unterzeichnen lassen. Darin ist unter anderem geregelt, dass beim Einsatz von Models ein Body-Mass-Index (BMI) von 18,5 nicht unterschritten werden darf. Der BMI errechnet sich aus Gewicht geteilt durch Größe zum Quadrat. Bei einem BMI ab 18,49 gilt man als untergewichtig.

Die Kampagne, eine Woche vor Beginn der Berliner Fashionweek - der wichtigsten und international renommiertesten deutschen Modewoche - zu unterzeichnen, hätte auch für die Hauptstadt Signalwirkung haben können. Hätte, denn leider gibt es da einen Schönheitsfehler: Zu den Unterzeichnern gehören Messeveranstalter "Igedo", zwei deutsche Modeverbände - das "Deutsche Mode-Institut" und der "GermanFashion Modeverband Deutschland e.V." - sowie der "Verband lizenzierter Modellagenturen e.V." Den Veranstalter der Berliner Fashionweek aber, hat das Gesundheitsministerium gar nicht erst nach seiner Unterschrift gefragt.

Keine Anfrage des Ministeriums an IMG

Andreas Deffner, Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums, hat stern.de bestätigt, dass es von Seiten des Ministeriums keine solche Anfrage an IMG gegeben habe. Deffner begründet dies damit, dass die Unterzeichnung der Charta erst der Startschuss gewesen sei. Alle Verbände und Organisationen seien herzlich eingeladen, an der freiwilligen Selbstverpflichtung zu partizipieren. "Wir mussten mit einem Verband den Grundstein legen", sagt Deffner. Da die 'Igedo' mit dem Wunsch einer solchen Verpflichtung an das Ministerium herangetreten sei, habe man ihr die Federführung überlassen.

Die Igedo ist eine Firma in Düsseldorf und Veranstalter der dortigen Modemessen, zum Beispiel der Fachmesse CPD. Und auch dort gibt man zu, die IMG bisher nicht gefragt zu haben. "Es ist kein böser Wille, dass noch niemand mit IMG gesprochen hat", sagt Thomas Kötter, Unternehmenssprecher der Igedo, zu stern.de. "Wir wollten den Kreis der Teilnehmer klein halten, um schnell zu einem Ergebnis zu kommen", führt Kötter aus. Selbstverständlich wolle man aber niemanden ausschließen.

Dass die Teilnehmer zu einem schnellen Ergebnis kommen wollten, ist löblich. Herausgekommen ist allerdings eine Vereinbarung, die keinem weh tut. "Das Problem Magermodels ist bei den Düsseldorfer Messen bisher nicht aufgetaucht", bestätigt Kötter stern.de. Kein Wunder, werden auf den Laufstegen dort doch ohnehin nur Kleidergrößen ab 36 aufwärts präsentiert. Und auch die Textilindustrie hat nichts zu befürchten: Der Umsatz mit Größen unter 36 bewegt sich in Deutschland im Promillebereich.

Es ist ein bisschen so, als würden Nichtraucherverbände in Deutschland mit viel Brimborium eine Selbstverpflichtung zum Nichtrauchen unterzeichnen. Die Charta gegen den Schlankheitswahn ist ein von einem Ministerium unterstützter PR-Gag. Denn wo, wenn nicht bei der größten deutschen Modeveranstaltung, sollte man den Finger in die Wunde legen? Bis Herbst hat die Ministerin Zeit, nachzubessern. Dann startet in Berlin eine neue Fashionweek. Und es bleibt hoffentlich nicht mehr nur dem Zufall überlassen, dass keine Magermodels zu sehen sind.

Von Jens Maier
 
 
KOMMENTARE (8 von 8)
 
botoxia (18.07.2008, 11:58 Uhr)
Dickliche Models
wären mal nicht schlecht. Dann würden die ganzen Teenies, die sich in zu enge Hüftjeans zwängen und dazu ein zu kurzes Top tragen mal vorher sehen können, wie "verboten" sowas eigentlich aussieht.
whismerh2 (18.07.2008, 10:22 Uhr)
@raindeer
Geb Dir vollkommen Recht, Magersucht ist gewiss nicht angenehm, aber im Vergleich zu denen paar abgemarkten Suppenhühner steht doch im Verhältniis ein weit größere Zahl von Übergewichtigen Fleischklopsen entgegegn.Erschreckend finde ich das vor alledem bei Jugendlichen,die wissen überhaupt noch nicht was im mittleren Alter für gesundheitliche Probleme aus Sie zu kommen werden.
Die Eltern die das Zulassen verstehe ich sowie so nicht.Klar es gibt eine krankhafte Übergewichtigkeit aber minimum 80 % ist auf fehlerhafte Ernährung und Mangel aus Bewegung zurückzuführen.Es war neulich ein interessanter Bericht über die Kostenexplosions im Gesundheitswesen zu lesen.
Ich werde vollgelabert das ich bei meinem Zigarettenkonsum von 2 Packungen wöchentlich eine Bedrohung
für das hiesige Gesundheitssystem bin.Kann ich mir nur einen Ast lachen
Das wird noch richtig bitter, Unsere Nation ist ganz klar anteilsmäßig zu fett.
Ryan2k (18.07.2008, 10:19 Uhr)
galub ich nicht !
Was hier für Kommentare abgegeben werden UNGLAUBLICH ! Klar ist Übergewicht ein Problem. Aber das kommt nicht durch irgendwelche idealien die von Medien ect. hochgeputscht werden und ist dazu auch noch wesentlich leichter zu bekämpfen. Magersucht ist eine richtige Krankheit die vorallem psyschich bedingt ist. Also redet hier mal keinen unsinn. Ich mag auch die ganz dicken leute nicht aber das sollte man nicht verlgleichen, weil Magersüchtig zu sein ist um einiges schlimmer !!!
Necros (18.07.2008, 09:38 Uhr)
Unsinn Deluxe
Wer schreibt, dass Essstörungen (und damit verbundenes Untergewicht) kein großes Problem ist, hat schlichtweg keine Ahnung. Wer schonmal eine Therapieinrichtung besucht hat und dort Horden von Mädchen mit 35 Kilo am Leib gesehen hat, wird das nicht mehr in seinem Leben vergessen. Sicher ist auch Übergewicht nicht zu vernachlässigen, aber aus Magersucht eine Nebensächlichkeit zu machen (es ist ein Volkskrankheit), ist unverantwortlich.
Albimonte (18.07.2008, 09:04 Uhr)
Raindeer,
Sie haben absolut Recht. Aber es ist ja so schön, "gegen den Strom" die armen, gebeutelten Teenies vor den bösen Männer-Zwangs-Normierungen zu retten. Es ist zu begrüßen, wenn die verfetteten Backfische sich mal ein wenig am Riemen reissen, Sport treiben und weniger Müll in sich hineinstopfen. Schöne Fotomodelle können hierbei sehr gut als Ansporn und Vorbild dienen. Schlank ist nun mal gesund und nicht krank und wir verlieren jedes Jahr zehntausende Leben aufgrund von Über- und nicht Untergewicht.
Leseratte79 (18.07.2008, 08:31 Uhr)
@raindeer
Ganz großes Tennis Ihr Kommentar. Erst geschrieben dann gedacht? Was meinen Sie denn was für einen Großteil der Essstörungen verantworlich ist? Denken Sie die Menschen ab dem Teeniealter stehen morgens auf und denken sich "oh ich werd jetzt mal magersüchtig"? Der größte Teil der Erkrankungen hat etwas mit Schlankheitsidealen zu tun!
raindeer (18.07.2008, 04:49 Uhr)
das groesste Problem ist und bleibt.....
Uebergewicht, nicht Untergewicht. Ausserdem wage ich zu bezweifeln, dass Magersucht durch falsche Schoenheitsideale ausgeloesst wird. Hat man denn die Magersuechtigen dazu mal befragt ? Wahrscheinlich nicht. Ulla Schmidt als Dicke hat wohl ihre eigene Vorstellung von Untergewicht. Wenn es nach ihr ginge, laege Normalgewicht bei Groesse 42.
Franzoesin (17.07.2008, 22:26 Uhr)
fashionweek
Man sagt, wenn es in einer Sprache ein Wort für eine Sache nicht existiert, dann existiert diese Sache in dieser Kultur auch nicht: Als das deutsche Volk noch existierte gab es "Modewochen " - die Identität der Dschörmäns ist dagegen ohne die USA nicht vorstellbar( = keine Kultur ist auch ne Kultur )
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