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Pornoschick zwischen Kuhställen und Alpenpanoramen

Die Fotografin Ellen von Unwerth reiste ein Jahr mit Kamera und Models durch ihre bayerische Heimat. Das Ergebnis ist ein Bildband, der Folklore- und Erotik-Klischees aufgreift und ironisch bricht. Eine Auswahl der Fotos wird nun in München ausgestellt.

Von Christine Zerwes

Ellen von Unwerth

"Tête à Tête", Bavaria, 2015

Wo ist Heimat? Dort, wo wir aufgewachsen sind? Wo wir jetzt leben? Der Ort, an dem wir neue Freunde gefunden haben, an dem wir uns verstanden fühlen? Heimat kann einem das Herz wärmen. Den Sonntagsbraten bei Oma in Erinnerung rufen, den Geruch von Wald und gemähtem Gras, den ersten Kuss. Heimat kann aber auch beengen, ausschließen, feindselig sein dem Fremden gegenüber. Es kommt ganz darauf an, wer den Begriff interpretiert.

Rote Lippen, nackte Brüste, aufreizende Posen

Ellen von Unwerth

"Heimat"

Ellen von Unwerth, Mark Schulz

Hardcover in einer Schlagkassette

454 Seiten

limitierte Edition von 1500 Exemplaren

Taschen Verlag

750 Euro

Die Fotografin hat sich der Heimat auf sehr eigensinnige Weise genähert – und gewohnt provokativ. In ihrem aktuellen Fotoband "Heimat" zeigen die Models rote Lippen, nackte Brüste, aufreizende Posen; sie tragen dazu Dirndl und Lederhosen, sie reißen die Augen auf und lassen sich frisch gemolkene Milch über Kinn, Hals und Dekolleté laufen. Sie tragen Trachtenmode vor alten Bauernhäusern, vor Bergkulisse, in Wäldern. Die Welt der Alpen-Sexfilmchen aus den Siebzigern trifft auf die Power-Girlies aus den Neunzigern. Für dieses Buch kehrte Ellen von Unwerth zurück nach Bayern, wo sie als Teenager lebte. "Ich wollte die Klischees aufmischen, mich etwas lustig darüber machen, aber auf liebevolle Art", sagt sie.

Ob traditionelle Volkstracht oder Trachtenmode, mit beidem streift man sich ein Stück Heimatgefühl über, das Ellen von Unwerth schon lange fasziniert und das sie für ihr Buch nun noch einmal, frivoler und ironischer, in Szene setzte. Es zeigt ihre unverwechselbare Handschrift, ihre Art, weibliche Schönheit zu inszenieren, eine Mischung aus Fetisch, Humor und Erotik. Pornoschick, dieses Mal ironisch gebrochen durch Kuhställe und Alpenpanoramen.

Ausstellung in München zeigt "Heimat"-Bilder von Ellen von Unwerth

Ellen von Unwerth ist 1954 in Frankfurt geboren. Ihre Eltern starben früh, sie wuchs im Waisenhaus und bei Pflegefamilien auf. Im Alter von zehn Jahren zog Ellen von Unwerth nach Kaufbeuren ins Allgäu, mit 16 nach – und nach dem Abitur in die ganze Welt. Erst als Clown-Assistentin beim Zirkus Roncalli, dann als Model, schließlich als Fotografin. Sie war Zeit ihres Lebens eine Reisende, es fiel ihr leicht, Neues zu wagen, weiterzuziehen; es gab keine Wurzeln, die sie allzu fest an einem Ort hielten. Heute lebt sie in Paris und New York und ist eine der bekanntesten und gefragtesten Fotokünstlerinnen der Welt.

Pünktlich zum Auftakt des 184. Oktoberfestes werden von Unwerths Arbeiten zum Thema "Heimat" in München ausgestellt. Die Galerie "Immagis" zeigt vom 15. September bis 11. November 2017 über 30 Werke der deutschen Starfotografin.

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