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12. Februar 2008, 11:00 Uhr

Meisterstücke für die Masse

Die Designszene entdeckt den Normalverbraucher: So hat nun die britische Gestalter-Koryphäe Sir Terence Conran eine Küchenserie für Tchibo entworfen. Sie sind nicht die Einzigen, die formvollendete Massenprodukte designen. Von Christine Mortag

Die Designer Sebastian Conran und sein Vater Sir Terence Conran haben die neue Küchenserie für Tchibo entworfen© tchibo

Vielleicht lag alles nur an Gertrud. Sie ist die Verlobte des Londoner Designers Sebastian Conran und kommt aus Augsburg. Immer wenn Gertrud in ihre Heimat fuhr, schleppte sie Sebastian in die dortige Tchibo-Filiale, und immer wenn Gertrud mit ihren Eltern in Deutschland telefonierte, fragte sie: "Was gibt's Neues bei Tchibo?"

Aktuell würde die Antwort lauten: eine Küchenserie. Entworfen von Sebastian Conran, 52, und seinem Vater Sir Terence Conran, 1983 von der Queen geadelt, der sich jetzt, mit 77 Jahren, so langsam aus dem Design-Tagesgeschäft zurückzieht. Die Conran-Produktpalette reicht vom Toaster bis zur Schürze. Alles formschön gestaltet: Der Deckel des Edelstahl-Kochtopfs kann auch als Untersetzer verwendet werden, beim Korkenzieher brechen sich Frauen mal nicht die Fingernägel ab.

Gut, kann man jetzt denken, halt noch ein paar Dinge für die Küche. Man kann aber auch denken: Wie toll, Design fürs Volk! Es ist nicht mehr länger elitär, sondern erobert die Discounter. Allerdings: So neu ist der Gedanke nun auch wieder nicht. Er war nur etwas in Vergessenheit geraten. Auch Terence Conran hatte das Demokratieprinzip im Kopf, als er 1964 die Ladenkette Habitat gründete. Seine Philosophie lautete: Nützliches soll schön sein und Schönes nicht teuer. In Deutschland war Dieter Rams bereits in den 50er Jahren stilbildend und trotzdem massentauglich. Für Braun entwarf er Saftpressen, Tischfeuerzeuge und Plattenspieler. Seine Rasierapparate wurden von Millionen deutscher Väter gekauft, ohne dass sie wussten, was Design überhaupt ist.

Formschön gestaltet: Toaster für Tchibo© tchibo

In den Achtzigern folgte die Zeit des ästhetischen GAU. Ausgelöst durch die Gruppe Memphis, die sich 1981 in Mailand um Ettore Sottsass bildete. "Ein eher unerfreuliches Jahr für das Design", umschreibt es Sebastian Conran britisch zurückhaltend. Die Gruppe entwarf Objekte, die weder Form noch Funktion erkennen ließen: windschiefe Kannen und Vasen, die aussahen wie bei Micky Maus geklaut. Regale, die ein Dreijähriger aus bunten Bauklötzen nicht schlechter konstruiert hätte. Die Spaßaktion gipfelte im Gestaltungs-Overkill: Auf Wasserkesseln thronten zwitschernde Vögelchen. Die Klobürsten von Philippe Starck waren als solche nicht mehr zu erkennen, und die Egos der Entwerfer wuchsen auf Mister-Universum-Format. "Designer" wurde fast zum Schimpfwort. So langsam erholt sich die Branche von dem Schrecken. Das liegt vor allem daran, dass die Kunden sich verändert haben. Angesichts von Klimakatastrophen und wachsenden Müllbergen achtet man heute verstärkt auf Nachhaltigkeit und Langlebigkeit. Und in einer Welt des Überangebots, in der einen die Reizüberflutung zunehmend verwirrt, sehnt man sich nach Übersichtlichkeit. Für das Design heißt das: Jetzt zählen wieder Produkte, die ohne Firlefanz und Vögelchen gestaltet sind.

Jetzt zählen Produkte ohne Firlefanz

Wie bei Apple. Die Gestaltung von iPod und iPhone macht einem das Leben leicht: ein Knopfdruck - und die Dinger laufen. Die Gestalter werden wieder zu dem, was sie ursprünglich mal waren: Dienstleister. Für den Kunden und die Industrie. Heute zeichnet es einen guten Designer aus, wenn er in der Lage ist, ein qualitativ hochwertiges und gut funktionierendes Produkt für die Masse zu produzieren.

Viele Entwerfer zeigen sich dementsprechend gelenkig im Spagat zwischen Museum und Masse: Die Lampe "Mayday" des Münchners Konstantin Grcic steht in New York im MoMA, seine Plastik-Treteimer gibt es ab 22,50 Euro bei Authentics. Die Holländerin Hella Jongerius gewinnt dauernd Kunstpreise, entwirft aber gleichzeitig Vasen für Ikea, und das Multitalent James Irvine ist nicht nur bei Nobelmarken wie Thonet und B&B Italia, sondern auch bei der Einrichtungskette Muji unter Vertrag, die aber grundsätzlich die Namen der Kreateure verschweigt, weil für sie nur das Produkt zählt.

Der Markt wird sich teilen - ein bisschen wie die Gesellschaft: in oben und unten. Die Mittelschicht bricht weg. Auf der einen Seite wird Design zunehmend wie Kunst gehandelt. Im vergangenen Jahr wurde die "Lockheed Lounge", eine Sofa-Skulptur von Marc Newson, in New York für 968.000 Dollar versteigert. Auf der anderen Seite gibt es bei Ikea oder Tchibo Design für unter zehn Euro. Wo sich Sebastian Conran verortet, ist klar: "Was Teures entwerfen kann jeder", sagt er.

Von Christine Mortag
 
 
KOMMENTARE (1 von 1)
 
Arteo (12.02.2008, 12:05 Uhr)
Etwas kurz gegriffen...
...die letzte Aussage von Herrn Conran. Der Preis eines Produktes setzt sich aus verschiedenen Faktoren zusammen, unter anderem der Stückzahl, häufig auch der Qualität und nicht zuletzt der Marge des Designers. Bei geringer Stückzahl wären die TCM Produkte so teuer, dass sie keiner kaufen würde. Die Aussage würde ich daher umformulieren in: "Massenherstellung, Abstriche in der Langlebigkeit und ein bewährter Vertrieb führen zu einem billigeren Produkt." Und ohne diese Faktoren kann der Designer noch so kreativ und clever sein: Sein Produkt kann im Vergleich gar nicht billig sein! Eigentlich schade, dass erfolgreiche Designer nicht stärker auf Nachhaltigkeit und Qualität setzen. Aber Herr Colani macht ja mittlerweile auch Badematten...
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