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Dank DHL-Shirts zum Chefdesigner

Der Deutsch-Georgier Demna Gvasalia rebelliert mit provokanten DHL-Shirts gegen die glamoursüchtige Modeindustrie. Nun ist ausgerechnet er Chefdesigner des altehrwürdigen Luxushauses Balenciaga geworden.

Von Cathrin Wißmann und Estelle Marandon

  Mit seinem Label Vetements entdeckte Demna Gvasalia das DHL-Logo für sich, jetzt entwirft er Luxusmode für Balenciaga.

Mit seinem Label Vetements entdeckte Demna Gvasalia das DHL-Logo für sich, jetzt entwirft er Luxusmode für Balenciaga.

Demna Gvasalia ist verkatert. Er sitzt in einem Pariser Restaurant und nippt an einer Tasse kalter Zitrone. Gestern stieg in seinem Atelier eine wilde Party. "Die Nachbarn haben die Polizei gerufen", erzählt der Designer und zupft an seinem schwarzen Kapuzenpullover, auf dem in weißen Lettern "Polizei" geschrieben steht. "Mit einem ähnlichen Modell habe ich den Beamten die Tür geöffnet. Die fanden das amüsant - es gab zum Glück nur eine Ermahnung."

Der 34-Jährige ist in Feierlaune. Vor wenigen Tagen zeigte der deutsch-georgische Designer seine erste Kollektion für Balenciaga, einem der ältesten und traditionsreichsten Modehäuser Frankreichs. Die Modewelt erwartete die Show mit Spannung. Nicht nur, weil endlich wieder ein Deutscher bei den internationalen Schauen mitmischt. Gvasalia ist ein Rebell, weit entfernt vom Klischee eines Luxusdesigners. Das sieht man auch an seinen Kleidern: Mit dem Label Vetements zeigt er regelmäßig Streetwear-Mode, die nichts mit den extravaganten Kollektionen seiner Kollegen gemein hat. Dekonstruierte Kleider, provokante Slogan-Shirts, recycelte Jeans - Gvasalia ist das Gegenteil von Glamour.

Nun also Balenciaga. Seine erste Show fand in einem sterilen, schallgedämpften TV-Studio im Pariser Süden statt. Aus den Boxen dröhnten pochende Töne, fast wie die eines Herzschlags. Jeder der Gäste sollte merken: Hier schreibt jemand ein neues Kapitel Modegeschichte. Und Gvasalia überzeugte. Seine ungeschminkt wirkenden Models trugen Kleider, die zwar an die voluminösen Silhouetten des verstorbenen Couturiers Cristobal Balenciaga erinnerten, doch gab er ihnen einen neuen Twist.

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Ein von Balenciaga (@balenciaga) gepostetes Foto am

Dafür mixte Gvasalia Couture-Elemente mit Funktionalem. Zu eleganten Zigarettenhosen und Pumps mit Strassblumen kombinierte er mitunter grelle Funktionsjacken, deren Kragen weit über die Schultern fielen und V-förmige Dekolletés bildeten. Ebenso sah man Wollkostüme mit wattierten Hüften, Jeanselemente und für Balenciaga typische Blumenkleider, die aus mehreren Stoffen zusammengesetzt waren.

Gvasalia mag für viele ein Unbekannter sein - doch spätestens seit seinem Debüt für das Luxushaus feiert ihn die Modewelt wie einen Star. Seine Kollektion wurde mit Lob überhäuft. Sie passt exemplarisch in die Zeit: Gelangweilt von exaltierten Kleidern und immer bombastischer werdenden Shows, giert die Branche aktuell nach allem, was anders ist. Da kommen Gvasalias tragbare Kleider gerade recht.

Eine Marke, die alles verkörpert, was Gvasalia ablehnt 

Dabei fiel es dem Designer anfangs nicht leicht, das Angebot von Kering, dem Mutterkonzern von Balenciaga, anzunehmen. "Im ersten Moment dachte ich: Die müssen verrückt sein", erzählt Gvasalia, vier Wochen vor seiner Show im Restaurant. Es wäre naheliegend gewesen, das Angebot abzulehnen. Denn die Luxusmarke steht für Vieles, was Gvasalia ablehnt: den Glamour, die alten Strukturen, die Berge an Klamotten, die jedes Jahr entstehen. Doch wenn ein ehrwürdiges Haus wie Balenciaga anklopft, fühlt sich auch der aufmüpfigste Designer geschmeichelt.

Gvasalia wuchs in den Achtzigern im kommunistischen Georgien auf. Er lebte in einem kulturellen Vakuum, aus dem Westen drangen kaum Informationen durch. Sein Interesse für Mode prägte die Großmutter. Sie zeigte ihm, wie man Vorhänge, Decken und die Hemden des Vaters zu Kleidern umgestaltete. Die Eltern aber sahen im Berufswunsch des Sohnes keine Perspektive. Er sollte Banker werden, studierte deshalb Wirtschaft. Doch seine Lehrbücher waren voller Modeskizzen. Wegen des Bürgerkriegs und der unsicheren Situation im Heimatland zog die Familie im Jahr 2000 nach Düsseldorf. "Ich habe damals alles Westliche wie ein Bulimiekranker in mich aufgesogen: Musik, Mode, Magazine, McDonald's - einfach alles, was neu war", erzählt er.

Gvasalia verbrachte nur eineinhalb Jahre in Deutschland. Doch diese Zeit hat ihn geprägt. "Fast wäre ich als Anzugfuzzi in einer Düsseldorfer Sparkasse geendet", sagt Gvasalia, der zwar Deutsch spricht, aber für längere Gespräche lieber ins Englische wechselt. In der neuen Heimat fand er den Mut, eigene Entscheidungen zu treffen. Er legte den Eltern seinen Wirtschafts-Abschluss vor und sagte: "Der ist für euch. Jetzt werde ich Modedesigner."

  Eines der seltenen Bilder des kamerascheuen Demna Gvasalia. Als Chefdesigner von Balenciaga wird er sich an Blitzlicht gewöhnen müssen.

Eines der seltenen Bilder des kamerascheuen Demna Gvasalia. Als Chefdesigner von Balenciaga wird er sich an Blitzlicht gewöhnen müssen.

Er studierte an der Royal Academy of Fine Arts in Antwerpen. Sein Handwerk lernte er bei Walter van Beirendonck und Martin Margiela, dem stets anonym gebliebenen Avantgardisten. Später ging er zu Louis Vuitton - und litt, weil er dort die Vision anderer umsetzen musste. "In der Luxuswelt diktieren Manager, was entworfen wird. Kleider spielen dabei eine Nebenrolle. Sie sind zum Anhängsel von Umsatzbringern wie Handtaschen und Schuhen geworden."

T-Shirts wie aus einem Laden für Berufsbekleidung - für 245 Euro 

Erst als er 2014 seinen gut bezahlten Job hinschmiss und mit zwei Freundinnen das Designkollektiv Vetements erfand, konnte er das Aufgesogene der vorherigen Jahre mit seiner Mode ausdrücken. In der aktuellen Sommer-Kollektion gibt es Techno-inspirierte Shirts in grellem Grün, schwarze Goth-Kleider, ebenso übergroße HipHop-Pullover. Auch den Logowahn der Neunziger greift er auf. Aber eben nicht mit Luxusmarken wie Gucci und Dolce & Gabbana, sondern mit Schriftzügen wie Polizei und DHL. Würde man nicht aufs Preisschild schauen, könnte man meinen, die Vetements-Macher hätten sie aus einem Laden für Berufsbekleidung entliehen. Doch die Preise unterscheiden sich kaum von denen der Luxusmarken. Oberteile beginnen bei 245 Euro, eine handgefertigte Jeans kostet rund 1200 Euro - und sind bei Onlinestores wie Stylebop.com innerhalb kürzester Zeit ausverkauft.

Gvasalia steht für eine neue Generation von Designern, die keine Traumwelten entwerfen. Ihre Mode ist von der Straße inspiriert und dort soll sie auch getragen werden. "Bei jedem Entwurf stellen wir uns die Frage: Würdest du das Teil kaufen?", erzählt Gvasalia, der als einziger des achtköpfigen Designteams an die Öffentlichkeit tritt. Das ändert jedoch nichts an Vetements demokratischen Strukturen. "Unsere Meinungen wiegen alle gleich. Nur so können wir Produkte machen, die unterschiedliche Menschen ansprechen."

Ein Konzept, das aufgeht. Das Geheimnis um die Macher beflügelt den Hype der Marke. Ihre Mode hängt in exklusiven Geschäften von New York bis Tokio; Promis wie Kanye West, Lady Gaga und Rihanna tragen ihre übergroßen Kapuzenpullover. Häufig wird Gvasalia nachgesagt, hinter der Vetements-Mode stünde ein politisches Statement. Wie etwa bei dem Security-Shirt oder dem Hoodie mit dem Polizei-Logo. Doch Gvasalia wiegelt ab. Viele Entwürfe sind autobiografisch, das Team zieht seine Ideen aus dem Alltag. "Der Kapuzensweater war meine Idee", sagt der Designer. Er ist eine Hommage an Deutschland. Denn dort fühlte er sich nach den unruhigen Jahren in Georgien zum ersten Mal in seinem Leben geschützt. "Er ist für mich wie eine Uniform. Er gibt mir Sicherheit, wenn ich mich unsicher fühle", sagt Gvasalia.

Den Polizei-Hoodie wird er in den nächsten Wochen gut gebrauchen können. Als neuer Kreativchef bei Balenciaga, einem Haus mit fast 100-jähriger Geschichte und ebenso so alten Strukturen, wird es der Designer nicht leicht haben. "Man hat mir zugesichert, dass ich einiges verändern darf", sagt Gvasalia. "Ansonsten hätten sie mich nicht geholt - und ich wäre nicht gekommen."

Bleibt zu hoffen, dass sie dem Rebellen seine Freiheit lassen. Einen Idealisten wie Gvasalia braucht die Branche im Moment dringender als neue Handtaschen und Schuhe. 

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