Früher war Opposition so schön einfach. Palästinensertuch, zerrissene Jeans und Turnschuhe reichten aus, um optisch zu signalisieren: "Ich bin links." Heute ist das "Pali" Mode-Accessoire und in allen Farben erhältlich. Ist die politische Signalwirkung der Kleidung komplett dahin? Oder gibt es so etwas wie "linke Mode"? Ein Streifzug. Von Markus Münch

Ist das "linke" Mode – oder einfach nur unpraktisch?© Orban-Taamallah/DPA/Picture-Alliance
Zwei umgestürzte Autos auf der Straße, beide brennen lichterloh. Die Flammen sind grellorange und züngeln um die ausgebrannte Karosserie der Autos, die als solche kaum noch zu erkennen sind. Eine gespenstische Szene. Und doch nichts anderes als ein Mode-Accessoire. Das Bild, entstanden während der sogenannten "Revolutionären 1.-Mai-Demo" in Berlin-Kreuzberg 2002, ziert den Deckel einer Umhängetasche, die Luisella Ströbele für ihr eigenes Label entworfen hat. Das heißt passenderweise "Volksmarke Berlin", ihr Signet ist ein roter Stern. An linken Attributen mangelt es also nicht, und es würde wohl niemanden wundern, wenn sich im Inneren der Tasche ein Aufruf zur Unterstützung der Kreuzberger Anarcho-Initiative "Freiräume erkämpfen" befände.
Doch schon die erste Berührung macht stutzig: Der bedruckte Stoff ist unerwartet weich, hat nichts von der robusten, kantigen Ästhetik der beliebten Umhängetaschen aus Lkw-Plane. Alles ist sauber verarbeitet. Hier hat keine Soli-Werkstatt Hand angelegt, hier geht es gar nicht um Politik. "Wir sind überhaupt nicht politisch", betont Designerin Ströbele. Den roten Stern sieht sie einfach als international bekanntes Symbol. Und das Foto von den 1.-Mai-Krawallen? Zufall: "Das hat ein Freund während seines Umzugs nach Berlin gemacht - vor seiner Haustür." Und um auch die letzten Zweifel auszuräumen: 98 Euro kostet die Umhängetasche in DIN-A4-Größe. "Volksmarke" ist Luxus, wer hier an linke Mode denkt, liegt falsch.
Da klingt die Idee hinter dem "berlinomat" schon vielversprechender. Das Mode- und Designgeschäft mit dem ungewöhnlichen Namen liegt mitten im alten Berliner Arbeiterbezirk Friedrichshain und versteht sich als "Plattform für Berliner Design". Junge Designer sollen über den Laden ihre Kreationen direkt auf den Markt bringen können, anstatt an den hohen Akzeptanzhürden und Kosten des Zwischenhandels zu scheitern. Es gilt also das Solidaritätsprinzip, gemeinsam werden gewachsene kapitalistische Strukturen umgangen. Geschäftsmodell "Kommune Eins"? Helen Kühn winkt ab: "Die meisten Designer wollen gar nicht politisch sein", sagt die "berlinomat"-Sprecherin. Linke Einflüsse bestreitet sie aber nicht. Fast alle Designer wohnen in Friedrichshain-Kreuzberg und profitieren, so Kühn, "von der Offenheit der Gesellschaft". Und die basiert im Bezirk unbestreitbar auf linker Alternativkultur.
Bei der jüngsten Wahl 2006 haben hier fast drei Viertel der Wähler SPD, Linke oder Grüne gewählt. Der Geist der 68er ist bei vielen Kreuzberger Nachbarschaftsprojekten noch spürbar und hat sich über die trennende Spree nach Friedrichshain ausgebreitet - zuletzt manifestiert durch einen Bürgerentscheid gegen das Großinvestoren-Projekt "Mediaspree". Der Bezirk hat auch eine passende Galionsfigur: Hans-Christian Ströbele, der hier das einzige grüne Direktmandat für den Bundestag holen konnte. Der 59-Jährige ist auch noch einer der wenigen, der seine politische Orientierung mit einem Mode-Accessoire zum Ausdruck bringt: einem roten Schal. Solch eindeutige und plakative Elemente sucht man in den Kleiderregalen des "berlinomat" vergebens. Eine gemeinsame, nur mittelbar politische Überzeugung der meisten Modemacher wird erst im Detail sichtbar. Fast alle Produkte bestehen aus Grundstoffen, die ökologisch oder biologisch gewonnen und fair gehandelt und produziert wurden. "Doch das steht bei keinem der Label im Vordergrund", betont Helen Kühn, "das macht die Mode nicht aus."

Über den "berlinomat"-Laden können Modedesigner ihre Kreationen direkt auf den Markt bringen - und sind nicht auf den Zwischenhandel angewiesen© berlinomat
Berlin-Mitte, rund um den Hackeschen Markt. In der Münzstraße und der Neuen Schönhauser Straße sind hohe Preise keine Überraschung. "Alternativ" wurde hier nach den Wende-Wirren nach und nach durch "schick" verdrängt. Jetzt wechseln sich Designerläden mit Repräsentanzen internationaler Marken ab. Linkes Lebensgefühl ist nicht mehr spürbar. Und doch finden sich genau hier haufenweise Attribute, die man einem linken Background zuordnen würde. Im "Adidas Originals Store" trägt ein Verkäufer Palästinensertuch und Nasenring, während er einen Kunden beim Kauf von orangefarbenen Sportschuhen berät. Ein paar Häuser weiter stehen im Schaufenster von "Diesel" zwei Modepuppen im passenden Look für die "Revolutionäre 1. Mai-Demo": Schwarze Stiefel, zerrissene Jeans, dunkle Kapuzenpullis und schwere, militärisch anmutende Jacken.