Luxusdesign ist ihr Metier, die Geschichte der Modefotografie ihr Hobby. Stefano Gabbana und Domenico Dolce zeigen im stern Exponate einer Mailänder Ausstellung, die sie initiiert haben - und sprechen über Kunst, Krise und die Diven der Branche.

Seit über 20 Jahren sind die Italiener Stefano Gabbana (l.) und Domenico Dolce ein Designer-Duo - und fast ebenso lange schon weltbekannt© Daniel Dal Zennaro/EPA
Stefano Gabbana: Wenn sie einen
speziellen Moment hat, der
mich zum Nachdenken bringt.
Das Schöne an der Kunst ist ja,
dass man nicht sofort ihre Wirkung
begreift. Ich sehe mir heute
Bilder von Steven Klein an, und
in ein paar Jahren werde ich
plötzlich zurückblicken und denken:
Verdammt! Wieso habe ich
damals nicht begriffen, was in
diesem Bild alles steckt?
Domenico Dolce: Wenn Modefotos
mit Mode nichts mehr zu
tun haben, werden sie zu Kunst.
Wenn sie uns die Welt auf eine
ungewohnte, neue Weise zeigen.
Oft sind es diese winzigen Zeitzeichen,
die für zeitgenössische
Betrachter gar nicht erkennbar
sind, die den Wert guter Fotos
ausmachen.
Gabbana: Immerhin ist in der
Fotografie das Kunstwerk leichter
zu erkennen als in der Mode. In
der Fotografie sind wenigstens
noch ein paar Künstler zugange.
Die Mode ist nur mehr noch ein
Geschäft.
Gabbana: Nicht zu Unrecht. Mit
Computerprogrammen wie Photoshop
kann heute alles retuschiert
werden. Die wenigsten
Bilder dieser Ausstellung sind digital
gemacht worden, und das
macht auch ihre Qualität aus.
Dolce: Wenn Gesichter von 20-jährigen Mädchen retuschiert werden, ist das irrsinnig. Aber
was sollen wir den Fotografen
sagen? Es kostet halt weniger, es
geht schneller.
Gabbana: Mit allem Drum und Dran rund 300.000 Euro.
Dolce: Wenn sie die Bilder für
eine weltweite Shampoo-Reklame
liefern, die monatelang geschaltet
wird, dann bekommen
sie dieses Geld wohl auch. In der
Mode funktioniert das nicht.
Gabbana: Zurzeit sowieso nicht.
Die Krise trifft uns alle: Designer,
Models, Fotografen, Hersteller.
Wir haben gerade unsere Werbeausgaben
um 50 Prozent gekürzt.
Das ist drastisch.
Dolce: Auch wenn der eine oder andere behauptet, Bescheid zu wissen - niemand hat den blassesten Schimmer.
Gabbana: Das ist eine Frage der Kalkulation, und über die muss jeder für sich entscheiden. Jeder hat seinen Markt, für den er arbeitet. Und unsere Kleider sind teuer. Sie sind nicht für jeden. In den vergangenen Jahren haben die Leute gedacht, alles sei für alle möglich. Jeder konnte sich ein Auto kaufen, auch wenn er kein Geld hatte. Ein Haus, Reisen, Kleider. Überall und für jeden gab es Kredit. Ich aber habe mir bis zum 30. Geburtstag keinen Urlaub leisten können. Wenn ich kein Geld hatte, habe ich mir auch nichts geleistet. Ich bin kein Verfechter des Klassensystems, verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Aber alles ist für alle möglich? - Nein! Das ist ein Irrtum. Und leider eine Realität, keine politische Frage.
Gabbana: In der Tat seltsam, dieser Zufall. Als wir vor über einem Jahr mit der Arbeit an der Kosmetiklinie begannen, da war von der Krise nichts zu bemerken. Umso besser jetzt: Nicht einmal wäh rend des Zweiten Weltkriegs hörten die Frauen auf, sich zu schminken.
Gabbana: So wichtig wie in
einem Film die Schauspieler. Einmal
hatten wir Helmut Newton
gebeten, Fotos für eine Kampagne
zu machen. Als wir uns in Monaco
trafen, wollte er erst einmal,
dass wir uns ausziehen. Wir taten
wie befohlen. Als er uns in Unterhosen
sah, sagte er nur: Es ist
wohl besser, Jungs, wenn ihr euch
wieder anzieht.
Dolce: Auf den Fotos standen
wir dann barfuß und mit nacktem
Oberkörper im Smoking herum.
Gabbana: Wir sind Newton damals
öfter in Monte Carlo begegnet,
meist am Meer, und immer
wieder hat er uns zum Essen bei
sich eingeladen. Wir sind nie hingegangen.
Dolce: Weil wir uns einfach
nicht getraut haben. Er war der
einzige Fotograf, vor dem wir diesen
Heidenrespekt hatten.
Dolce: Er sollte eine zeitgenössische Interpretation unserer Mode zeigen. Wir betrachten uns nicht als Avantgardisten, wir machen Kleider, die uns gefallen, und wir lassen Fotos machen, die auch unsere Wurzeln zeigen.
Dolce: Deshalb überlegen wir immer sehr genau, wer zu uns passt. Erklären unsere Inspirationen, besprechen die Wahl der Kleider, der Models, das Makeup, die Haare. Ab hier kann der Fotograf tun und lassen, was er will.
Gabbana: Manchmal ist es vielleicht
auch umgekehrt. Nicht alle
Fotografen legen uns eine Auswahl
vor. Steven Meisel lässt
einem keine Wahl. Dies ist mein
Foto, sagt er, nimm es oder vergiss
es.
Dolce: Der Konflikt steckt im
System. Die Fotografen wollen
eine Atmosphäre schaffen, und
das funktioniert oft vielleicht
besser
ohne die Abbildung einer
Tasche oder eines Rocks. Modefotografie
aber ist ja vor allem
Produktwerbung. Sie soll etwas
verkaufen.
Dolce: Stimmt. Viele Anzeigen sind einfach schlecht gemacht. Das Niveau ist gesunken in den vergangenen Jahren.
Gabbana: Artikel lese ich nur, wenn sie mir sensationelle Enthüllungen versprechen. Über uns lese ich sowieso nichts. Ich weiß ja schon, was wir machen. Aber ich will natürlich wissen, was die Konkurrenz treibt.
Gabbana: Wenn man ihnen mit
ihrer Entourage begegnet, dann
sind sie wenig erträglich und wirken
arrogant. Aber das gilt für
mich auch, fürchte ich. Im wirklichen
Leben sind sie völlig normal.
Manchmal haben sie miteinander
Probleme. Einmal wollte
Richard Avedon eine Kampagne
für uns fotografieren - bis er
erfuhr,
dass wir zeitgleich mit
Steven
Meisel arbeiten würden.
Daraufhin sagte Avedon ab.
Dolce: In unserer Welt haben
die Fotografen enorme Wichtigkeit
erlangt. Aber außerhalb der
Branche? In der Kunstwelt kennt
man ihre Namen, aber berühmt
sind sie auch nicht gerade.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 17/2009
Extreme Beauty Gemeinsam mit der US-"Vogue" und aus Anlass der Markteinführung ihrer Kosmetiklinie veranstalten Dolce & Gabbana die Ausstellung "Extreme Beauty in Vogue" - eine Sammlung von 89 berühmten Modefotografien aus dem "Vogue"-Archiv, kuratiert von Anna Wintour und Phyllis Posnick. Die Ausstellung im Mailänder Palazzo della Ragione läuft bis zum 10. Mai.