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25. November 2006, 11:06 Uhr

85 Jahre und immer noch knackig

Mode wird von Frauen getragen und von Männern gemacht. Seitdem Gucci gegen diese Regel verstoßen und Frida Giannini zur Design-Chefin gemacht hat, steht die Marke so gut da wie noch nie: Zum Jubiläum meldet das Label Rekordzahlen.

Alles Gucci: Mit Accessoires wie Uhren verdient das Modelabel heute sein Geld© Rolf Heyne Verlag

Frech! Da nennt man das schönste Atelier von Florenz sein Eigen, hat Aussicht auf die Piazza della Signoria, den Palazzo Vecchio, auch Michelangelos David ist nicht weit - und an jeder Ecke breiten illegale Händler billig kopierte Handtaschen auf den Bürgersteigen aus. Gucci-Taschen. Ihre Taschen. Aber Frida Giannini wäre nicht dort, wo sie ist, wenn sie das Fälscherelend vor der Haustür nicht auch als Chance begriffe. "Kopiert wird, was gefällt", sagt sie, "eine präzisere Marktforschung kann es nicht geben."

Frida Giannini ist die mächtigste Modedesignerin der Welt. Seit sie bei Gucci das Steuer übernommen hat, stieg der Umsatz spürbar, im ersten Halbjahr 2006 legten die Gewinne um 39 Prozent zu. Doch nicht die klingenden Gucci-Kassen allein machen sie so mächtig, sondern der Einfluss, den ihre Arbeit auf die vielen Töchter der Gucci Group hat: Denn wenn beim Mutterunternehmen der Bauch grummelt, dann plagen sich etwa Stella McCartney und Alexander McQueen mit Koliken.

Über solche Zusammenhänge möchte die 33-Jährige besser nicht nachdenken. Wer eine Maschinerie am Laufen halten wolle, die knapp 1,8 Milliarden Euro pro Jahr erwirtschaftet, sagt sie, der müsse über einen Schuss Wahnsinn und Verantwortungslosigkeit verfügen. "Man möge mich nicht mit Zahlen erschrecken", bittet sie, "denn wenn ich deren Druck erst spüre, werde ich verrückt." Da konzentriert sie sich lieber auf ihre Arbeit und bewegt sich in Begleitung kleiner schwarzer Notizbüchlein - "damit die guten Ideen nicht verloren gehen." Eines hat sie immer auf ihrem Nachttisch liegen, denn wer sich zurücklehnt, fürchtet sie, dem läuft die Mode davon. "Lieber werde ich von einer Idee und einem Schuss Adrenalin aus dem Schlaf gerissen." Dem gerühmten italienischen Hang zum dolce far- niente, dem süßen Nichtstun, kann sie nichts abgewinnen. Sie ist "in einer Kultur der Arbeit aufgewachsen, alle Frauen in meiner Verwandtschaft haben immer viel gearbeitet. Meine Oma hat ihre Modeboutique in Rom erst voriges Jahr geschlossen". Mit 84 Jahren.

1,8 Milliarden Jahresumsatz - spürt man da Druck? "Ja", sagt Frida Gianini

Mode? Damit konnte die Familie Fridas nichts anfangen

Die Familie konnte dem Berufswunsch der 23-jährigen Frida anfangs gar nichts abgewinnen. Sowohl der Mutter, einer Lehrerin der Kunstgeschichte, als auch dem Vater, einem Architekten, war die Welt der Mode suspekt. Beide fürchteten, ihre Tochter könne als willfähriges Opfer wilder Drogenpartys enden. "Heute sitzen sie stolz in jeder Schau."

Zu Gucci kam Giannini 2002, weil die Frauen im Umkreis des damals allmächtigen Chefdesigners Tom Ford zwar alle gehorsam Gucci-Kleider trugen, bei der Wahl der Handtasche jedoch lieber zu den Modellen von Fendi griffen. Dort, in Rom, hatte Frida auch am Entwurf der legendären Baguette-Tasche mitgewirkt. Der schnieke Texaner Ford holte sie zum Florentiner Lederwarenspezialisten und setzte sie auf die Accessoires an. Zwei Jahre darauf nahm Ford seinen Abschied - er hatte seinen Einflussbereich auf die Tochterunternehmen Guccis ausdehnen wollen, aber sein selbstverliebtes Draufgängertum erregte Unmut bei den Bossen. Er wurde durch ein Design-Trio ersetzt.

Die vielen Köche verdarben den Brei

Alessandra Facchinetti, Kreativchefin für das Damen-Prêt-à-porter, fiel nach nur zwei Saisons im März 2005 in Ungnade; der Schotte John Ray warf nach seiner zweiten Herrenkollektion hin. Im März 2006 war Frida Giannini plötzlich Alleinherrscherin. Aber durch ihre Accessoires, Lederwaren- und Schuhkollektionen hatte sie den Löwenanteil, nämlich 85 Prozent, der Gucci-Umsätze erwirtschaftet. Was ihre früheren Kollegen heute machen? - "Keine Ahnung", antwortet sie. "Ich habe lange nichts von beiden gehört."

Ist in der Mode kein Raum mehr für Sentimentalitäten? "Auch ich habe meine romantischen Momente", verrät Frida, "und zwar in meinem Privatleben. Aber bei der Arbeit bin ich der nüchternste Mensch der Welt." Fridas Chefs wissen, was sie an ihr haben: Sie sei "weitsichtig und ehrgeizig", lobt ihr CEO Mark Lee, und sie verfüge über Teamgeist sowie Führungsqualitäten. "Sie vergeudet keine Zeit." Ist Frida Giannini eine Wonder Woman? "Nein", sagt sie, "ich spüre den Druck im Rücken, auf den Schultern, im Nacken. Und mein Magen streikt in stressigen Zeiten auch. Pommes frites und Bistecca Fiorentina kann ich mir dann nicht gönnen."

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 45/2006

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