Startseite

Gute Maße für die Masse

Nach Karl Lagerfeld und Madonna hat die Bekleidungskette H&M nun die Avantgarde-Designer Viktor & Rolf gastschneidern lassen. Seit Donnerstag sind die exklusiven Teile in den Filialen. Für die beiden Stardesigner war es einer ihrer stressigsten Aufträge.

Von Oliver Creutz

  • Oliver Creutz

Eine besondere Unsitte in der an Unsitten nicht gerade armen Modebranche besteht darin, mit der Kreativarbeit häufig erst nach Einbruch der Dunkelheit zu beginnen. Als wolle man die Banalitäten des Tageslichts aussperren. Als umhülle erst die Nacht das Handwerk mit der Aura der Kunst.

Es ist also schon fortgeschrittener Abend in Barcelona, als sich in einem kleinen Saal des Casa Batlló, einem Gaudi-Gebäude an der Einkaufsstraße Passeig de Gràcia, eine Hochzeitsgesellschaft zusammenfindet. Sie wird dirigiert von einem hageren Schweden mit Streifenhemd und lustigem Hütchen. Der Regisseur Johan Renck soll in dieser Nacht einen Werbespot für die Bekleidungskette H&M drehen. Er hat bis sechs Uhr morgens Zeit.

Im Moment feilt er am Auftritt des Models Raquel Zimmermann, einer blonden Brasilianerin mit sehr runden Augen und deutschstämmigen Eltern. Zimmermann spielt die Braut an diesem Abend - und sie trägt den eigentlichen Hauptdarsteller des Spots: ein weiß strahlendes Hochzeitskleid aus Seide und Tüll, kleine Schleppe inklusive. Das erste Hochzeitskleid von Hennes & Mauritz, die ja schon alles gemacht haben, vom Babystrampler bis zum Silvester-Smoking. Zimmermanns Aufgabe besteht vorwiegend darin, langsam über den Holzboden zu schreiten und dabei ihre schwarz umrandeten Augen aufzureißen. Der Rest ist Kleid.

Das Wohnmobil wird zum Arbeitszimmer

Die Männer, die sich dieses Gewand ausgedacht haben, biegen währenddessen in eine Nebenstraße des Passeig de Gràcia. H&M hat für sie dort eine Art Wohnmobil geparkt, in das sie sich zurückziehen können. Viktor Horsting und Rolf Snoeren werfen leicht irritiert wirkende Blicke auf die Inneneinrichtung des Mobils: Wackelsofa, Wackeltisch, eine Anrichte mit Wein und Schoko-Konfekt. Dazu brummt eine Klimaanlage. "Das ist eine Premiere für uns: In einer solchen Umgebung haben wir noch nie ein Interview gegeben", sagen sie. So ist es halt, wenn man für H&M arbeitet: Die Funktion kommt vor dem Glamour, und auch Modeburschen aus der Rampenwelt der Haute Couture müssen lernen, für eine kurze Zeit kaum mehr zu sein als zwei Rädchen, die sich mitdrehen im Motorraum des Konzerns, der im vergangenen Jahr 7,8 Milliarden Euro umgesetzt hat.

Viktor und Rolf sitzen mit einem Gesichtsausdruck auf dem Wackelsofa, als hätten sie auf bittere Mandeln gebissen, und erzählen, wie sie an einen Ort wie diesen gekommen sind: "Im März erhielten wir einen Anruf von H&M. Man fragte uns, ob wir Interesse und Zeit hätten, etwas zu entwerfen." Viktor und Rolf reden natürlich nicht gleichzeitig, doch es gehört zu ihrem Erscheinungsbild, dass sie wie Synchronschwimmer wirken.

Viktor und Rolf treten als Paar auf

Sie treten als Paar auf, Rolf stets zur Rechten von Viktor, wie Zwillinge, auch bei ihren eigenen Schauen: Ihre Männermode präsentieren sie meist selbst. So, als schritten Original und Spiegelbild den Laufsteg ab. "Wir sind schon länger nicht mehr in einem H&M-Laden gewesen. Doch dafür kannten wir die Kampagnen sehr gut." Auch den Lagerfeld-Werbefeldzug von 2004, als sich der Eliteschneider und der Massenmarkt für eine kurze Zeit sehr nah kamen. Später folgte eine nicht ganz so durchschlagende Zusammenarbeit mit Stella McCartney.

Jetzt also Viktor & Rolf, zwei Enddreißiger, die sich einst als Kinder aus der niederländischen Provinz herausträumten, indem sie - Viktor in Geldrop, Rolf in Dongen - Märchenwelten zusammenfantasierten, deren Schlosspersonal sie mit Kleidern ausstaffierten. Und deren Kollektionen später genau nach diesen Träumen aussahen: 1998 entwarfen sie die "Atomic Bomb"-Kollektion und steckten ihre Models in Harlekin-Kostüme, die mit Helium vollgepumpt waren und so der Form eines Atompilzes ähnelten. Später verpackten sie ein Mannequin nach Art einer russischen Matroschka-Puppe: Die sieben Outfits wurden während der Show entblättert, eines nach dem anderen. 2004 trugen die Models Schleifen in allen Größen an den Kleidern, so, als hätten sie sich selbst zum Geschenk verpackt.

Als der Anruf aus Schweden kam, lautete - nach der Freude - der erste Gedanke der beiden Designer: "Wir passen doch gar nicht zu H&M. Denn unsere Mode hat sich bislang nur an Eingeweihte gerichtet" - die Kritiker, die Branche, die reichen Damen mit Mut zum Experiment. "Doch mit H&M können wir erstmals ein großes Publikum erreichen." Also Kunden, die den Stoff für ihre Modeträume weniger in der "Vogue", sondern auf überlebensgroßen Werbeplakaten finden. Es geht weniger um die Gage, sondern eher um den Marketingeffekt in eigener Sache.

Normalerweise haben Designer fünf bis sieben Monate Zeit, um eine neue Kollektion auszubrüten. Bei H&M dagegen arbeitet und verkauft man im Presto-Tempo: "Wir hatten zwei Wochen Zeit für unsere Entwürfe", sagen Viktor und Rolf. "Es kam uns vor wie eine militärische Operation: Alles musste ineinandergreifen, nichts durfte schiefgehen." Mit ihrem Team in Amsterdam ("15 Leute inklusive Sekretärin") erarbeiteten sie 70 Teile: die Frauenstücke mit Herz-Logo, die Männersachen mit Pfeil. Als Krönung der Kollektion kam ihnen ein Hochzeitskleid in den Sinn: "Der Handel mit H&M kam uns wie eine Blitzheirat vor. Ein Brautkleid erschien uns da als passendes Symbol." Erfahrung mit Brautbedürfnissen hatten Viktor und Rolf bereits: 2004 schneiderten sie ein Kleid für die Hochzeit der angehenden niederländischen Prinzessin Mabel Wisse Smit.

Zurück im Gaudi-Haus. Die Szene mit der hereinschwebenden Braut ist im Kasten. Zeit, sich für den Höhepunkt zurechtzumachen: das Jawort. Im Keller des Gebäudes sind Schminktische und Kleiderstangen aufgebaut. Vor den Spiegeln richten sich alte Komparsen-Damen die Haare; die Herren polieren sich die Schuhspitzen. Irgendjemand hat auf große Zettel den Hinweis geschrieben: "Don't eat!" Vielleicht, damit die schlanken Models nicht auf dumme Gedanken kommen? Auch Viktor und Rolf, die mittlerweile das brummende Wohnmobil verlassen haben, werden gestylt, als erlebten sie heute ihren großen Tag. Sie tauschen ihre Jeans gegen einen Abendanzug (aus ihrer H&M-Kollektion), lassen sich die Haare mit Gel glattziehen.

Ein Prominentensammler im Dienst von H&M

Ein Mann, der wie der Regisseur Renck ein gestreiftes und weit aufgeknöpftes Hemd trägt, inspiziert das Terrain: Jan Nord ist Kreativdirektor bei H&M, also der Mann, der Lagerfeld verpflichtet hat. Der Madonna überzeugen konnte, ihren Namen für einen weißen H&M-Trainingsanzug herzugeben. Der im März derjenige war, der bei Viktor & Rolf anrief. Man könnte ihn auch den Prominenteneinsammler nennen. Früher hat er Werbung für Ikea gemacht, jetzt stößt er den Koloss H&M an. Weil er aber ein typischer Schwede ist, trägt er seinen Einfluss nicht wie eine Monstranz vor sich her. "Mode ist Luxus", sagt er. "Und H&M ist Demokratie." Das ist sein Trick: so zu tun, als diene Massenherstellung dem Allgemeinwohl. Mit ihm ködert Jan Nord auch die Prominenz, etwa Madonna, die nach einem Karrieredurchhänger einen Beschleuniger benötigte, der sie zurück nach oben bringt. "Wir wissen, das Madonna nicht ständig H&M-Mode trägt. Aber Madonna weiß auch, dass viele ihrer Hörer bei H&M einkaufen. Also war ihr klar: Die Kooperation ist für beide Seiten ein Erfolg", sagt Nord. Der Plan ist aufgegangen. Madonna ist wieder oben. Und das ist mehr wert für sie als der Lohn, den ihr H&M gezahlt hat. Jan Nord sammelt weiter: "Viele Modemacher träumen doch vermutlich insgeheim vom Massenmarkt. Wir können diesen Markt bieten." Bislang hat sich Nord keine Abfuhr eingeholt.

Dann geht er zurück zum Set. Die Trauung steht bevor: Am Ende des Spots tritt die Braut Raquel Zimmermann gleich zwei Bräutigamen gegenüber, den Zwillingen Viktor und Rolf. Die wenig subtile Botschaft: Nur das Brautkleid ist einmalig.

Um sechs Uhr wird das Gaudi-Haus wieder geräumt. Das Tageslicht kehrt zurück. Nicht mehr lang, und die Bewohner der banalen Welt werden beim Bummel durch die H&M-plakatierte Stadt gleich wissen, wer die Kunstfiguren Viktor & Rolf sind. Sie werden amüsiert sein.

print

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Zu hohe Inkassogebühren, rechtens?
Hallo, ich habe am 20 März 15 einen Vertrag über 12 Monate mit einem Fitness-Studio abgeschlossen. Die Kosten (9,98 € 14-Tägig, 39,99€ Verwaltung einmalig, 19,99 Trainer und Servicepauschale Jährlich) sollten per Einzugsermächtigung abgebucht werden. Kürzlich bekam ich überraschend einen Brief von einem Inkassobüro mit der Zahlungsaufforderung für die gesamten 12 Monate inkl. der Verwaltung und Servicepauschale + Auslagen des Gläubigers (63,38€), Zinsen (1,42€), Geschäftsgebühr (45€), Auskunftskosten (5€) , Auslagenpauschale (9€) Hauptforderung 320,28€ Offene Forderung 444,08€ Nach dem ich mich bei der Firma erkundet habe, sagten sie mir, dass Zahlung zurückgegangen ist da mein Konto nicht gedeckt sei. Fakt war das sie einen Zahhlendreher in der Kontonummer hatten obwohl im meinem Durchschlag die Richtige Kontonummer angegeben wurde. Aber im Original hat jemand aus einer 3 eine 8 geändert. Nach Überprüfung konnte ich Feststellen das es diese Kontonummer gar nicht gibt und das diese vom System gar nicht angenommen wird. Spätestens da hätte man mich doch hinweisen oder fragen können was mit dem Konto sei. Es kam nie ein zu einem Zahhlungsrückgang, noch zu einer Zahlungserinnerung Mahnung seitens des Fitnessstudios. Die AGB´s habe ich nie zu Gesicht nie bekommen und auch nicht gelesen - diese stehen (nach meiner Recherche) im Internet aber auch nicht definiert wie man in Zahlungsverzug kommt. Leider habe ich unterschrieben das sie mir bekannt sind. Dies steht ganz kleingedruckt im Durchschlag. Ich habe der Firma vorgeschlagen die offenen Beiträge bis jetzt zu bezahlen und für die Zukunft eine neue Einzugsermächtigung zu erteilen, was sie aber abgelehnt haben und mir gesagt haben ich soll dies mit dem Inkassobüro klären. Der Fitnessvertrag ist somit gesperrt seit einem Monat. Da ich aber mit den Gebühren, Mahnspesen von dem Inkassobüro nicht einverstanden bin weiß ich nicht ob ich diese bezahlen muss. Ich habe dem Inkassobüro auch vorgeschlagen die offenen Beiträge zu begleichen und diese dann wie vertraglich vereinbart abgebucht werden. Sie haben mir angeboten diese in einem Jahr zu einem monatlichen Beitrag von 35€ abzuzahlen. Dies währen Mehrkosten von 100€, ist das rechtens? Bitte Antworten sie mir in einer Sprache die ich auch versteh - mit langen Gesetzestexten kann ich leider nicht umgehen Und was Sie denken was ich tun soll was rechtens ist. Vielen Dank im Voraus

Partner-Tools