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Baumwolle gepflückt von Kinderhand

Ein schwedischer TV-Bericht bezichtigt den Bekleidungskonzern H&M, von Kinderarbeit zu profitieren: Demnach kaufen Lieferanten des Unternehmens Baumwolle, die in Usbekistan von Kindern gepflückt wird.

Von Claudia Pientka

Die Jüngsten sind gerade einmal sieben Jahre alt, aber ihre Hände sind bereits genauso zerstochen wie die der Erwachsenen. 450.000 Kinder ziehen jeden Herbst in Usbekistans Felder, um Baumwolle zu pflücken. Nicht freiwillig, sondern weil das autoritäre Regime des zentralasiatischen Staates kostengünstige Hilfe bei der Ernte seines "weißen Goldes" braucht. Ein schwedischer TV-Sender berichtet nun, dass auch der Modekonzern Hennes und Mauritz von diesen Produktionsbedingungen profitiert: Der Modekonzern lässt einen großen Teil seiner Kleidung in Bangladesch herstellen, und zwei der dortigen Nähereien kauften ihre Baumwolle in Usbekistan.

"Ich kann bestätigen, dass eine der beiden genannten Nähereien für H&M arbeitet", sagt Katarina Kempe, Pressesprecherin aus der schwedischen Konzernzentrale von H&M zu stern.de. H&M dulde keine Kinderarbeit. Allerdings besitzt das Unternehmen auch keine eigenen Fabriken, sondern kauft seine Kleidung bei etwa 700 Herstellern, die mit etwa 2000 Produktionsstätten zusammenarbeiten - hauptsächlich in Asien und Europa. "Unsere direkten Zulieferer, also alle Nähereien, die für H&M produzieren, müssen unserem Verhaltenskodex einwilligen, der auf den UN-Konventionen für die Rechte von Kindern und den ILO-Konventionen für Arbeitsbedingungen und -rechte basiert." Die Internatonale Arbeitsorganisation (ILO) ist eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen. Etwa 60 H&M-Mitarbeiter seien weltweit unterwegs, um die Einhaltung der Regeln bei den Herstellern zu kontrollieren. Doch auch schon die H&M-Lieferanten haben Zulieferer: Nachdem die Baumwollfasern eingekauft werden, gehen sie von der Spinnerei in der Weberei, bis sie bei den Fabrikanten landen, die sie zu T-Shirts verarbeiten. "Unser Einfluss reicht aber nur bis zu unseren eigenen Lieferanten", sagt Kempe. "Mit den Baumwollfarmern selbst haben wir keine Geschäftsbeziehung. Die bräuchten wir aber, um Forderungen an sie zu stellen." Meistens hätten sie nicht einmal die Möglichkeit herauszufinden, woher die Baumwolle überhaupt stamme.

Usbekische Baumwolle in vielen Produkten

Die Macher des TV-Berichts sehen das anders: Nach ihrer Darstellung ist die Lieferkette nicht so kompliziert, wie von H&M dargestellt, vielmehr kauften die Lieferanten in Bangladesch ihre Baumwolle direkt in Usbekistan. Insgesamt 60 Prozent der H&M-Ware wird in Asien hergestellt, wie viel davon in Usbekistan, kann Kempe nicht sagen. Ist die Wahrscheinlichkeit nicht sehr groß, dass asiatische Produzenten ihre Baumwolle auch im mittelasiatischen Usbekistan kauften, wo das Land ohnehin zu den Hauptexporteuren gehört? "Baumwollhandel und Textilproduktion beinhalten viele Stadien, bei denen etliche Händler und Länder involviert sind", verteidigt Kempe. Usbekistan sei einer der weltweit größten Produzenten von Baumwolle, was bedeute, dass sie in praktisch allen Baumwollprodukten zu finden sei, nicht nur in Kleidern.

Usbekistan ist einer der Haupterzeuger von Baumwolle und weltweit zweitgrößter Exporteur; der Verkauf des Rohstoffes sorgt für etwa 20 Prozent der Deviseneinnahmen des Landes. 90 Prozent der Baumwolle wird von Hand gepflückt, und ein großer Teil dieser Hände gehört Kindern und Studenten, die für bis zu drei Monate vom Unterricht abbeordert werden. Etwa 20 Kilo pro Tag, so die "Financial Times Deutschland", stopfen sie in die Tragetücher, die um Hals und Hüften hängen. Die Kontingente werden von den Provinzgouverneuren vorgegeben. Die Bezahlung ist mies, etwa drei Cent pro Kilogramm, und befreien lassen kann sich nur, wer per ärztlichem Attest eine Baumwollallergie nachweisen kann. Das jedoch kostet etwa 30 Dollar.

Das Problem der usbekischen Kinderarbeit ist seit Jahren bekannt. Auch H&M. Warum also nicht die Baumwolle des Landes boykottieren? "Wir glauben nicht, dass ein Boykott den gewünschten Effekt für die Situation der Kinder und Menschen in Usbekistan hätte", erklärt Kempe. Die Lage in dem Land sei sehr komplex und müsse auch von politischer Seite bearbeitet werden. "Stattdessen versuchen wir die soziale Lage von Baumwollbauern auf der ganzen Welt zu verbessern, indem wir uns an Projekten wie der Better Cotton Initiative beteiligen. Deren Ziel ist es, den weltweiten Baumwollanbau ökologischer, wirtschaftlicher und sozial nachhaltiger zu gestalten." Allerdings ist es auch so, dass die usbekische Regierung die Kinderarbeit nicht etwa als verwerflich empfindet, sondern behauptet, die Kinder hülfen freiwillig und aus Patriotismus. Dazu passt auch, dass Präsident Islom Karimov sich bisher weigerte, die Kinderrechtskonvention der ILO zu unterschreiben. Dieses Abkommen verbietet seit 1989 die wirtschaftliche Ausbeutung von Kindern; 165 Länder haben es bereits ratifiziert.

Als Konsequenz auf die jüngsten Vorwürfe fordert das schwedische Unternehmen nun von all seinen Baumwollankäufern und Spinnereien, kein Cotton mehr zu verwenden, das von Kinderhand gepflückt wurde. "Derzeit prüfen wir, welche und wie viele unserer Lieferanten Baumwolle spinnen oder beziehen. Sie werden aufgefordert, keine Baumwolle für H&M-Produkte zu verwenden, die von Kindern geerntet wurde", sagt Kempe. Wo die Herkunft nicht eindeutig festgestellt werden könne, sollen sich die Zulieferer einen anderen Lieferanten suchen. Der Konzern plane außerdem seine Zusammenarbeit mit Unicef zu intensivieren, um die Kinderarbeit in Usbekistan zu bekämpfen und hat den schwedischen Handelminister um politische Maßnahmen ersucht. Denn das Grundproblem bleibt: Ein Land, das ohne Scham Kinder zur Arbeit einsetzt, gehört zu den größten Exporteuren von Baumwolle. "Wenn Sie als Kunde zu hundert Prozent wissen möchten, woher die Fasern stammen, die Sie am Leib tragen, sollten Sie darüber nachdenken, ökologische Baumwolle zu kaufen", sagt Kempe. Eine Bio-Kollektion führt H&M seit diesem Jahr in den deutschen Filialen, die Rohstoffe dafür kämen ausschließlich aus kontrolliertem Anbau in der Türkei. Auch insgesamt ist die Nachfrage gestiegen nach dem nachhaltig geernteten Rohstoff. Sein Anteil am Weltmarkt liegt bisher aber gerade einmal bei 0,1 Prozent.

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