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1. Oktober 2005, 09:46 Uhr

Der Junge, der vom Himmel fiel

Er hat die Männermode neu erfunden: Hedi Slimane, Chefdesigner von Dior Homme, gilt als größtes Talent einer Branche, mit der er selbst möglichst wenig zu tun haben will.

Dr. Seltsam der Mode: Größer als sein Erfolg ist nur Slimanes Schüchternheit

Der Durchgang zum Laufsteg ist nicht mehr als eine Arm- länge breit. Er führt in einen Raum, der eingerahmt ist mit Bänken aus Sperrholz. Auf ihnen sollen 300 Zuschauer Platz finden. Auch prominente Gäste wie Karl Lagerfeld, die Modekritikerin Suzy Menkes und die zahlreichen Rockmusiker, unter ihnen Mick Jagger und Jake Shears, Frontmann der Scissor Sisters, sitzen nicht komfortabler.

Sie alle werden kommen, um den Höhepunkt der Männermodewoche von Paris zu erleben: die Schau von Hedi Slimane, jenem Designer, der so rasend schnell ins Rampenlicht der Modewelt gerückt ist. Seinen Aufstieg verdankt der heute 37-Jährige einer Kombination aus Glück, Chauvinismus und einem kleinen Skandal.

Ein Glück war es, dass die Männermode, die bis dahin ein Schattendasein führte, Ende der Neunziger plötzlich an Bedeutung gewann. Slimane, der von 1997 an die Herrenabteilung bei Yves Saint Laurent entstaubte, avancierte damit beinahe automatisch zum Anführer einer neuen Welle.

Die Franzosen waren stolz, dass nach Jahren angloamerikanischer Vorherrschaft endlich wieder ein Landsmann eine Hauptrolle spielte in ihrem Traditionsmetier. Die heimische Modepresse lobte Slimane überschwänglich und interpretierte es als beinahe patriotischen Akt, dass Slimane sich weigerte, nach der Übernahme von Yves Saint-Laurent durch Gucci dem neuen Herrn Tom Ford zu dienen. Er kündigte und heuerte bei Dior an, Teil des Gucci-Rivalen LVMH. Dann der hübsche kleine Skandal: Der betagte Saint Laurent, Ikone der Haute Couture, besuchte Slimanes erste Show für die Konkurrenz, erhob sich nach dem Finale und klatschte stürmisch Beifall. Hedi Slimane war damit eigentlich schon Legende.

Den Wirbel um ihn hatten andere erzeugt, eine Sache aber geht klar auf sein Konto: Der verhuscht wirkende Junge Hedi machte die Männermode sexy. Seine Kleidung betont den Körper dessen, der sie trägt, auf unerhörte Weise. Die Hemden, Anzüge, Pullover und Hosen sind detailbesessen gearbeitet und wirken trotzdem superlässig. Selbst Frauen lieben Slimanes Schnitte. So taucht die Schauspielerin Nicole Kidman gern mal in seinen hautengen Anzügen auf.

Seine Models fand Slimane auf den Straßen von London, Berlin und Tallinn. Nun ist ihr Auftritt der Höhepunkt der Pariser Modewoche

Vielleicht gründet seine Scheu in der Skepsis gegenüber dem eigenen Beruf. Ursprünglich hielt Slimane, der Kunstgeschichte und Politik studiert hat, die Mode für ein oberflächliches Geschäft, mit dem er nichts zu tun haben wollte. Auch heute spricht er lieber über Musik und Architektur. Er erzählt von seiner Plattensammlung und von den Möbeln, die er für die japanischen Avantgarde-Designer Comme des Garçons entworfen hat.

Gern berichtet Hedi Slimane auch von seiner Zeit in Berlin: Die renommierten Kunst-Werke stellten ihm drei Jahre lang ein Atelier in der Hauptstadt zur Verfügung. Er ließ sich treiben und machte Fotos, die er anschließend zu einem Buch mit schwarzweißen Aufnahmen von Jugendlichen kompilierte. In Kürze erscheint schon sein vierter Bildband, diesmal über die neue englische Rockszene.

Slimane braucht diese Verbindung zu einer anderen Welt: Er stöpselt sich bei Musikern und Künstlern ein, die wiederum seine Klamotten tragen, wie Mick Jagger auf der aktuellen Tour der Rolling Stones. So bekommt der rebellische Hauch seiner Mode ein Echtheitszertifikat.

Gerüchte kursieren schon lange, aber jetzt wird Slimane erstmals konkret und deutet an, was passiert, wenn sein Vertrag bei Dior nächstes Jahr ausläuft: "Ich würde gern Mode für Frauen entwerfen." Den richtigen Typ dafür habe er bereits im Kopf: seine gute Freundin Kate Moss. Darüber denke er im Moment nach, sagt er, "sehr ernsthaft sogar". Was man wohl als Beweis dafür werten kann, dass die Entscheidung längst gefallen ist.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 36/2005

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