Gute Maße für die Masse

9. November 2006, 17:44 Uhr

Nach Karl Lagerfeld und Madonna hat die Bekleidungskette H&M nun die Avantgarde-Designer Viktor & Rolf gastschneidern lassen. Seit Donnerstag sind die exklusiven Teile in den Filialen. Für die beiden Stardesigner war es einer ihrer stressigsten Aufträge. Von Oliver Creutz

Viktor Horsting (l.) und Rolf Snoreren mit Model Raquel Zimmerman, die das für H&M entworfene Hochzeitskleid trägt©

Eine besondere Unsitte in der an Unsitten nicht gerade armen Modebranche besteht darin, mit der Kreativarbeit häufig erst nach Einbruch der Dunkelheit zu beginnen. Als wolle man die Banalitäten des Tageslichts aussperren. Als umhülle erst die Nacht das Handwerk mit der Aura der Kunst.

Es ist also schon fortgeschrittener Abend in Barcelona, als sich in einem kleinen Saal des Casa Batlló, einem Gaudi-Gebäude an der Einkaufsstraße Passeig de Gràcia, eine Hochzeitsgesellschaft zusammenfindet. Sie wird dirigiert von einem hageren Schweden mit Streifenhemd und lustigem Hütchen. Der Regisseur Johan Renck soll in dieser Nacht einen Werbespot für die Bekleidungskette H&M drehen. Er hat bis sechs Uhr morgens Zeit.

Im Moment feilt er am Auftritt des Models Raquel Zimmermann, einer blonden Brasilianerin mit sehr runden Augen und deutschstämmigen Eltern. Zimmermann spielt die Braut an diesem Abend - und sie trägt den eigentlichen Hauptdarsteller des Spots: ein weiß strahlendes Hochzeitskleid aus Seide und Tüll, kleine Schleppe inklusive. Das erste Hochzeitskleid von Hennes & Mauritz, die ja schon alles gemacht haben, vom Babystrampler bis zum Silvester-Smoking. Zimmermanns Aufgabe besteht vorwiegend darin, langsam über den Holzboden zu schreiten und dabei ihre schwarz umrandeten Augen aufzureißen. Der Rest ist Kleid.

Das Wohnmobil wird zum Arbeitszimmer

Die Männer, die sich dieses Gewand ausgedacht haben, biegen währenddessen in eine Nebenstraße des Passeig de Gràcia. H&M hat für sie dort eine Art Wohnmobil geparkt, in das sie sich zurückziehen können. Viktor Horsting und Rolf Snoeren werfen leicht irritiert wirkende Blicke auf die Inneneinrichtung des Mobils: Wackelsofa, Wackeltisch, eine Anrichte mit Wein und Schoko-Konfekt. Dazu brummt eine Klimaanlage. "Das ist eine Premiere für uns: In einer solchen Umgebung haben wir noch nie ein Interview gegeben", sagen sie. So ist es halt, wenn man für H&M arbeitet: Die Funktion kommt vor dem Glamour, und auch Modeburschen aus der Rampenwelt der Haute Couture müssen lernen, für eine kurze Zeit kaum mehr zu sein als zwei Rädchen, die sich mitdrehen im Motorraum des Konzerns, der im vergangenen Jahr 7,8 Milliarden Euro umgesetzt hat.

H&M-Filiale in Paris. In ganz Europa ist seit Donnerstag die Kollektion von Viktor & Rolf zu kaufen©

Viktor und Rolf sitzen mit einem Gesichtsausdruck auf dem Wackelsofa, als hätten sie auf bittere Mandeln gebissen, und erzählen, wie sie an einen Ort wie diesen gekommen sind: "Im März erhielten wir einen Anruf von H&M. Man fragte uns, ob wir Interesse und Zeit hätten, etwas zu entwerfen." Viktor und Rolf reden natürlich nicht gleichzeitig, doch es gehört zu ihrem Erscheinungsbild, dass sie wie Synchronschwimmer wirken.

Viktor und Rolf treten als Paar auf

Sie treten als Paar auf, Rolf stets zur Rechten von Viktor, wie Zwillinge, auch bei ihren eigenen Schauen: Ihre Männermode präsentieren sie meist selbst. So, als schritten Original und Spiegelbild den Laufsteg ab. "Wir sind schon länger nicht mehr in einem H&M-Laden gewesen. Doch dafür kannten wir die Kampagnen sehr gut." Auch den Lagerfeld-Werbefeldzug von 2004, als sich der Eliteschneider und der Massenmarkt für eine kurze Zeit sehr nah kamen. Später folgte eine nicht ganz so durchschlagende Zusammenarbeit mit Stella McCartney.

Jetzt also Viktor & Rolf, zwei Enddreißiger, die sich einst als Kinder aus der niederländischen Provinz herausträumten, indem sie - Viktor in Geldrop, Rolf in Dongen - Märchenwelten zusammenfantasierten, deren Schlosspersonal sie mit Kleidern ausstaffierten. Und deren Kollektionen später genau nach diesen Träumen aussahen: 1998 entwarfen sie die "Atomic Bomb"-Kollektion und steckten ihre Models in Harlekin-Kostüme, die mit Helium vollgepumpt waren und so der Form eines Atompilzes ähnelten. Später verpackten sie ein Mannequin nach Art einer russischen Matroschka-Puppe: Die sieben Outfits wurden während der Show entblättert, eines nach dem anderen. 2004 trugen die Models Schleifen in allen Größen an den Kleidern, so, als hätten sie sich selbst zum Geschenk verpackt.

Als der Anruf aus Schweden kam, lautete - nach der Freude - der erste Gedanke der beiden Designer: "Wir passen doch gar nicht zu H&M. Denn unsere Mode hat sich bislang nur an Eingeweihte gerichtet" - die Kritiker, die Branche, die reichen Damen mit Mut zum Experiment. "Doch mit H&M können wir erstmals ein großes Publikum erreichen." Also Kunden, die den Stoff für ihre Modeträume weniger in der "Vogue", sondern auf überlebensgroßen Werbeplakaten finden. Es geht weniger um die Gage, sondern eher um den Marketingeffekt in eigener Sache.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 43/2006

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