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Der Ego-Laufsteg mit Stil

Ein "soziales Netzwerk für Modebegeisterte" soll es sein. Auf der Internetseite "I like my style" kann jeder Fotos von sich und seiner Kleidung präsentieren - und diese von anderen Usern kommentieren lassen. stern.de sprach mit Adriano Sack, Mitbegründer des Internetportals, über den zunehmenden Drang, Privates im Internet zu veröffentlichen.

Vor gut sechs Monaten ging mit "I like my Style" eine Website an den Start, auf der jeder Modebegeisterte Fotos von sich und seiner Kleidung präsentieren kann. Das Konzept kommt an und wurde Anfang März in der Kategorie "Webcommunity des Jahres" mit einem Lead Award in Silber ausgezeichnet. Inzwischen kommunizieren dort Menschen aus Paris, Tokio, Sao Paulo, New York oder München miteinander.

stern.de sprach mit Adriano Sack, Mitbegründer von "I like my style", über die Lust der Leute, ihren Stil öffentlich zu machen. Sack, 40, ist Journalist, er schrieb für "Tempo" oder "Die Woche", leitete das Kultur-Ressort der "Welt am Sonntag" und lebt seit Anfang 2006 als freier Autor in New York. Im vergangenen Jahr sind zwei Bücher von ihm erschienen, der Almanach "Breites Wissen. Die seltsame Welt der Drogen und ihrer Nutzer" und "Manieren 2.0: Stil im digitalen Zeitalter".

Herr Sack, sind Sie eitel?

Nur eitle Menschen werden Journalisten. Also: Ja.

Sie verantworten die Website "I like my style", bei der es darum geht, sich zu zeigen, zu sagen: So sehe ich aus, das sind meine Klamotten.

Die Seite ist nicht für mich gemacht, sondern für die Leute, die sich darauf bewegen. Die Frage ist also, ob ich glaube, dass es genug Menschen gibt, die über sich sagen: Ich mag mich und meinen Stil. Der Name und das Konzept von "I like my style" spiegeln wieder, wie sich in den letzten Jahren unser Verständnis von Privatheit und Öffentlichkeit verändert hat. Die Bereitschaft der Menschen, in den Medien aufzutreten, wird immer größer, und es gibt immer mehr Möglichkeiten dafür, ob in Casting- und Reality-Shows, im Fernsehen oder im Internet, wo jeder seinen eigenen Blog, seine eigene Website, sein eigenes Fotoalbum veröffentlichen kann. Wir glauben, dass dieses Phänomen ein weit reichendes und bleibendes ist, aber betrachten es auf unserer Website mit einem Augenzwinkern. Denn eigentlich gehört es sich ja nicht zu sagen: Ich mag mich. Jedenfalls nicht in Deutschland. Wir wollen alle ermutigen, sich darzustellen und sich auszutauschen – und dabei Spaß zu haben. Man ist sein eigener Spielverderber, wenn man sich mit der Sorge quält: Bin ich wirklich so eingebildet, dass ich denke, meine Fotos müssten der Weltöffentlichkeit gezeigt werden?

Wie begann "I like my style" - mit einem Selbstportrait?

Wir haben im Herbst 2007 mit einer so genannten Betaversion angefangen. Die Website war fertig und stand online, war aber für den normalen User noch nicht zu finden. Wir haben Freunden den Link geschickt und gesagt: Ladet doch mal ein paar Fotos hoch. Denn eine Website mit User Generated Content erschließt sich erst, wenn dort von Anfang an auch Inhalt, also in unserem Fall Fotos, zu finden ist. Als genug Bilder da waren, wurde die Seite frei geschaltet. Und dann kann man nur noch hoffen, dass es sich irgendwie herumspricht.

Das scheint ja ganz gut zu funktionieren: Inzwischen präsentieren sich Menschen aus Paris, Tokio, Sao Paulo, New York oder München bei "I like my style", die halbe Welt tauscht sich dort über das Thema Stil aus.

Es ist einer der faszinierenden Mechanismen des Internets, wie und wie schnell Dinge sich ausbreiten. Mir ist nicht ganz klar, wie das geht. Uns haben in jedem Fall die Modeblogger geholfen. Die stöbern permanent durchs Netz auf der Suche nach Neuem und haben uns ziemlich prompt gefunden. Da gibt es zum Beispiel eine Bloggerin in England, die heißt Susie Bubbles…

…schöner Name.

… ja, und die ist auch ganz toll. Sie hat uns in ihrem Blog erwähnt und unsere Seite verlinkt. Das wird dann auch in Sao Paulo gelesen, jedenfalls von den Menschen, für die Mode lebenswichtig ist. Ganz am Anfang hatten wir eine Phase, in der wir dachten: Aha, die Person kommt über den und den. Inzwischen ist das nicht mehr nachvollziehbar. Es gibt 2000 registrierte User, die ihre Fotos auf die Seite stellen oder Kommentare schreiben, und im vergangenen Monat hatten wir über 300.000 Page Impressions. Das sind natürlich kleine Zahlen, aber wir stehen ja noch am Anfang. In jedem Fall zehrt dieses Projekt an den Nerven. Wenn sich am Anfang mal einen Tag lang gar nichts tat, dachtest du: Jetzt ist alles aus. Aber wenn dann auf einmal wieder tolle Leute aus der ganzen Welt neu dazu kommen, ist das unglaublich mitreißend.

Es gibt bei "I like my style" überraschend wenig Häme - haben Sie da eine Kuschelseite gebastelt?

Nein, keine Kuschelseite. Aber wir betrachten es nicht als unsere Aufgabe, die Leute mit Häme zu übergießen. Ich trete da ja nicht als Modekritiker auf, sondern als jemand, der den Startschuss gibt und die Bühne bereitstellt. Und die User gehen im Moment noch unglaublich freundlich miteinander um, die sagen, was sie gut finden. Ich hätte mehr Kritik und Härte erwartet. Ich glaube, wir als Printjournalisten haben gelernt, dass man auch meinungsstark und im Zweifel überkritisch sein muss, aber so eine Seite funktioniert ganz anders: Du lobst, wen du magst. Und die Leute, deren Bilder du schrecklich findest, ignorierst du. Die schlimmste Form der Kritik ist keine Aufmerksamkeit.

Können Sie auf Ihrer Website Modetrends erkennen?

Ich glaube nicht wirklich an Trends. Dass der Heroin-Chic durch den neuen Glamour abgelöst wird, das kann man da jedenfalls nicht ablesen. Die Leute sind allerdings schon ziemlich weit vorn, was Marken betrifft, aber es ist nicht so, dass jeder sich eine Garderobe voller Designer-Klamotten leisten kann: Es gibt viele, die bei "Topshop" in London oder H&M oder American Apparel ihr Zeug kaufen. Und damit richtig toll aussehen. Ich bin durch die Website auf Designer gestoßen, die ich noch gar nicht kannte. Wie Henrik Vibskow, das ist ein Däne, dessen Sachen ich dann hier in New Yorker Läden gesehen habe. Und die Augenbindensonnenbrille von Martin Margiela war auch schnell zu finden. Um zu gucken, was junge, modeinteressierte Leute so tragen oder wovon die träumen, ist die Seite durchaus interessant. Und ein paar begnadete Exzentriker findet man auch.

Haben Sie ein Lieblingsbild?

Es wird demnächst auf der Seite eine Funktion geben, mit der man seine Top Ten aussuchen und veröffentlichen kann. Ich quäle ich mich schon seit Wochen damit, zu überlegen, welche Fotos ich auswählen soll. Aber ich glaube, mein Lieblingsbild ist das von einem Typen aus Holland, der hat sich ein T-Shirt gebastelt, auf dem stehen die fünf Vornamen der Backstreet Boys, in schöner Schrift und untereinander. Also Brian, AJ, Kevin, ich weiß gerade nicht, wie die anderen hießen…

Howie? Nick?

Auf jeden Fall trägt er stolz das T-Shirt und verzieht gleichzeitig seinen Mund, als nähme er sich nicht ganz ernst. Das ist ein erstklassiges Design, vollkommen klar und direkt, gleichzeitig muss man wissen, wie die Backstreet Boys hießen, um zu verstehen, was damit gemeint ist. Da steckt alles drin, Begeisterung, Pose, Stil-Wille, aber auch das Bewusstsein, dass es vielleicht doch ein bisschen komisch ist, sich so zu präsentieren. Das war eines der Bilder, bei dem ich dachte: Wo auch immer das jetzt her kommt, allein dafür hat es sich gelohnt.

Interview: Ulrike von Bülow

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