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24. Juli 2005, 09:20 Uhr

Rechnen kann sie auch noch

Schumi schlapp, Wimbledon nix, an der Weltspitze wird kaum noch deutsch gesprochen (Ausnahme: Vatikan). Da kommt Julia Stegner gerade recht. Die schlaue Münchnerin ist das Topmodel der Post-Schiffer-Ära.

Ganz schön erfolgreich: Nahezu alle großen Modemagazine der Welt hatten die 20-Jährige auf der Titelseite

Vielleicht ist es der Trödelmarkt in der New Yorker Perry Street, der einen an diesem Samstagmorgen ins Tagträumen bringt. Hunderte von Menschen wühlen da in alten Kleidern herum, wandern umher und bleiben kurz stehen, als Nastassja Kinski vorbeigeht. Ist das nicht, sag schon, diese Schauspielerin? Nastassja scheint das alles nicht zu hören, wie eine Elfe schwebt sie durch die Menge auf einen zu. "Hallo, wir sind verabredet, oder?"

Nee, man fällt jetzt nicht um, man war ja vorbereitet. Von den Boss-Plakaten, die meterhoch in der Fifth Avenue hängen und von den Zeitschriftentiteln, von all den Fotos, die von Julia Stegner zu sehen sind und auf denen ihr blonder Pony und dieser Mund, der wie eine frühe Blüte auf dem jungen Gesicht liegt, eben sehr an Nastassja Kinski erinnern. Sie selbst nimmt es gelassen, wenn man sie nach Kinski fragt, "das ist natürlich eine Ehre, mit ihr verglichen zu werden". Sie lächelt so temperiert wie die Kinski in "Tess".

Julia Stegner ist 20 und das zurzeit erfolgreichste deutsche Model. Sie arbeitet immer, wirklich immer, sie fliegt um die Erde, sie könnte sich ihre kleine New Yorker Wohnung mit ihren Covern und Modestrecken aus der "Vogue", aus "Harper's Bazaar" und der "Elle" tapezieren, in Paris läuft sie länger für Chanel, Dior oder Yves Saint Laurent über die Laufstege als ein Tourist durch den Louvre. Und dass sie wie die Kinski aussieht, sagen die anderen nur, weil der Modemarkt immer "die neue Irgendwer" braucht. Claudia Schiffer lebte auch lange als "die neue Bardot", bis der echte Name hängen blieb.

Aber Stegner, Julia Stegner? Die Zeiten hätten sich eben sehr geändert, "wir Models sind von Schauspielerinnen verdrängt worden, die sieht man in Filmen und dann auf der ,Vogue"", sagt sie in nüchterner Anerkennung der Verwertungskette Hollywood/Mode. Für sie sei das kein Nachteil, denn abseits vom Starrummel konnte im Stillen eine kleine neue Aristokratie von Models heranwachsen, die heute die Titelseiten und Laufstege verlässlicher im Griff hat, als die Hollywoodmädchen es haben - ein schlechter Film, und die "Vogue" will die nicht mehr sehen. Hört man sich in New York um, wird "the German Julia" zu den ersten fünf der Model-Weltrangliste gezählt, Tagesgage fünfstellig.

Sehen kann man Julia Stegner jeden Tag in Kampagnen für Boss, Dolce & Gabbana, Saint Laurent, Ralph Lauren, Armani, Rolex. Und in diesem Sommer, Autofahrer aufgepasst, im Bikini für H & M. "Mag sein, dass man unsere Namen nicht so kennt", sagt sie. "Aber das liegt daran, dass wir uns nicht überall als Supermodels feiern lassen."

Modelkarrieren haben immer den gleichen Anfang - irgendwo steht jemand rum und schaut Mädchen nach, blickt sich an einer fest und steckt ihr eine Visitenkarte zu. Bei Claudia Schiffer passierte das in einer Diskothek, bei Julia Stegner auf dem Oktoberfest.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 29/2005

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