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19. Dezember 2007, 10:00 Uhr

"Dieses Jahr schenken wir uns nichts!"

Nichts ist so leicht dahin gesagt wie der folgende Satz: "Du, dieses Jahr schenken wir uns mal nichts zu Weihnachten." Doch nur abgebrühte Charaktere stehen diesen frommen Wunsch bis zum bitteren Heiligabend durch. Gut so. Von Harald Braun

Jedes Jahr die gleiche Frage: Was schenkt man den Lieben?© Colourbox

Mit siebzehn Jahren lernte ich, was es heißt, ein Aussätziger zu sein. Ich hatte, passend zu meiner rebellischen Langhaarfrisur und der Lektüre Bukowskis, gerade herausgefunden, dass ich gegen Weihnachten war. Bourgeoiser Blödsinn, dachte ich, und das mit den Geschenken ist sowieso bloß eine Erfindung der Konsumgüterindustrie. Mit der selbstgerechten Konsequenz des Pubertisten verkündete ich also meiner Familie, dass ich nicht die Absicht hegte, in der üblichen Weise am Festgeschehen teilzunehmen. Was übersetzt so viel hieß: Keine Kirchenbesuche mehr und auch keine Geschenke. Für niemanden. Nicht mal für mich. (Es war schon immer mit gewissen Nachteilen verbunden, ein unkorrumpierbarer Idealist sein zu wollen.)

Komischerweise mochte meine Sippe mich trotzdem, was mich im Rückblick wirklich verblüfft. Unter dem Weihnachtsbaum fanden sich jedenfalls diverse bunte Päckchen ein, die mit meinem Namen beschildert waren. Alle hatten etwas für mich besorgt. Meine Eltern sowieso. Doch selbst meine jüngeren Geschwister knapsten damals vom eigenen kargen Taschengeld eine Venyl-LP oder ein RoRoRo-Taschenbuch für mich ab. Ich hingegen stand da mit leeren Händen, und obschon ich zu wissen glaubte, dass mir meine festen Überzeugungen in Sachen Weihnachten keinen großen Spielraum ließen, fühlte ich mich klein, schäbig und sehr nichtswürdig. Heute erinnere mich an diesen Heiligabend mit einer Mischung aus Scham und ähem...noch mehr Scham. Meine Eltern, nachsichtige und geduldige Leute, gingen wortlos über meinen Kleinmut hinweg, meine Geschwister musterten mich wie etwas, das ein Hund auf einem Rasenstück hinterlassen hatte. Ein Desaster.

Inzwischen bin ich etwas älter und immer noch der festen Überzeugung, dass frohe Weihnachten und kostspielige Geschenke nicht unbedingt zusammen gehören. Ich bin allerdings nicht mehr so dumm, diese Ansichten öffentlich zu verbreiten oder mich sogar danach zu richten. Mit Vernunft kommt man gegen Weihnachten nicht an. Zumal sich das Konfliktpotential durch die Verlagerung des Präsente-Problems von der prinzipiell nachsichtigeren "Familie" auf die spürbar empfindlichere "Partnerschaft" durchaus kompliziert hat. Nichts schenken spart Mühe, Zeit und Geld Wissen Sie zum Beispiel, was ein Subtext in der Beziehung ist? Ein Subtext ist, wenn Sie sagen würden: "Dieses Jahr, mein Schatz, dieses Jahr ignorieren wir diesen albernen Konsumterror zu Weihnachten. Dieses Jahr schenken wir uns mal nichts! Wir haben doch uns!" Klingt nicht unvernünftig, klingt abgeklärt, klingt wie ein Deal unter Erwachsenen, spart Mühe, Zeit und Geld. Was Sie allerdings wirklich damit ausdrücken, so subtextuell, ist nahezu gleichbedeutend mit ihrer charakterlichen Bankrotterklärung - und der galoppierenden Korrosion ihrer Beziehung. In Wahrheit kommt beim Adressaten eines solchen Vorschlags etwas ganz anderes an: "Er hat einfach keine Lust, sich Gedanken darüber zu machen, was ich mir wünschen und worüber ich mich möglicherweise freuen würde, und außerdem bin ich ihm nicht mal eine verdammte Stehlampe oder ein La Perla-Bustier mehr wert!"

Selbst die größten Pragmatiker ahnen, dass Weihnachtsgeschenke einfach zur Grundausstattung freundlichen Miteinanders gehören. Selbst wenn man im September oder Oktober noch lässig vereinbart hat, in diesem Jahr zugunsten der Welthungerhilfe oder einem Badeurlaub auf Barbados auf die üblichen Geschenk-Rituale zu verzichten, plagt spätestens im November das schlechte Gewissen - oder die pure Angst, am Heiligabend als Einziger mit leeren Händen da zu stehen und zur persona non grata im eigenen Haushalt zu verkommen. "Wir schenken uns nichts!" ist aus diesem Grund vermutlich die soziale Übereinkunft, die in Familie, in Freundschaften oder Beziehungen am häufigsten gebrochen wird. Zum Glück. Nichts ist schließlich so trist wie ein Weihnachtsfest ohne bunte Pakete unter dem Tannenbaum - oder so schön wie die Vorfreude auf die Woche zwischen Weihnachten und Silvester, wenn man das alles wieder umtauschen kann.

Von Harald Braun
 
 
KOMMENTARE (3 von 3)
 
nospammails (19.12.2007, 14:18 Uhr)
Konsequent
Weihnachten ist zum kotzen. Gibt es irgendeinen Aspekt der nicht nervt? 24-h-nonstop Weihnachtslieder ab Oktober, verstopfte Innenstädte, Weihnachtsbaumgefrikel usw. usf.
ich verschenke dieses Jahr nichts. Genau wie im letzten Jahr. Punkt.
Malt (19.12.2007, 14:07 Uhr)
Ich..
...zieh's dieses Jahr durch, und ich kann's nur weiterempfehlen: Konsumverweigerung zu Weihnachten ist das schönste Geschenk! Das erste mal seit Jahren komm' ich zu Weihnachten endlich auch mal wieder in Stimmung und lach mich über die Leute Tot, die sich in den Wochen davor einen abhetzten.
Meine Lebensgefährtin und ich kaufen usn lieber, nach weihnachten, wenn die Preise wieder mal fallen, zusammen etwas Sinnvolles!
RomanTicker (19.12.2007, 14:04 Uhr)
Weihnachtsmuffel
Weihnachten ist das was man daraus macht. Geschenke dienen nicht nur dem Einzelhandel, wie von den Weihnachtsmuffeln häufig behauptet wird. Sie bringen Menschen einander näher und bieten auch hervorragende Möglichkeiten anderen zu zeigen, wie sehr man sie schätzt oder liebt. Es geht nicht um teure Geschenke sondern um solche, die den anderen erfreuen. Es geht darum, sich Gedanken zu machen, was dem anderen gefallen könnte. Die Kosten gehen sogar gegen Null, wenn man in einem Haushalt jemandem etwas schenkt, das er/sie sowieso benötigt und sich ansonsten kaufen müsste. Z.B. freut sich die Ehefrau bestimmt, wenn der Mann ihr ein paar Lederhandschuhe oder einen edlen Pullover schenkt, solange sie nicht jedes Jahr derartige Dinge bekommt und schon im Überfluss hat.
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