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Tschüss Macho, willkommen zurück Softie

Der Bart muss ab: Bei den Männermodenschauen von Mailand bis London zeigen die Designer den neuen Mann. Nicht mehr Machos, sondern der weiche Typ ist gefragt. Der Anfang eines neues Männerbildes?

Von Dirk van Versendaal, Mailand

  Nichts für harte Kerle: die neue Kollektion von Dolce & Gabbana

Nichts für harte Kerle: die neue Kollektion von Dolce & Gabbana

Am Stadtrand von Mailand sind die harten Kerle zu finden: Der Schweiß fließt, Frauen kreischen und Männer grölen rund um den Boxring im Sportzentrum vom Assago. Hier stehen sich die Faustkämpfer von "Italia Thunder" und die der "USA Knockouts" gegenüber. Vor allem Publikumsliebling Charlie Suarez zeigt seinem Gegner so richtig, wo der Hammer hängt. Am Ende des Abends gewinnen die Italiener mit fünf zu null und behaupten ihren Spitzenplatz. Was der Boxring mit dern Herrenmodenschauen in Mailand und London zu tun hat? Die italienischen Boxer werden von den Designern Dolce & Gabbana gesponsert und mit Wettkampf- und Trainingsoutfits sowie schicken Anzügen ausgestattet. Auf ihren Laufstegen sind inzwischen aber nicht mehr muskulöse Machos, sondern brave Softies angesagt.

Bei der Vorstellung der Kollektion für Herbst und Winter 2013/2014 auf der Mailänder Herrenmodewoche waren keine Boxer, sondern Chorknaben, Messdiener oder Seminaristen zu sehen. Sie trugen, was sich Domenico Dolce und Stefano Gabbana aus dem reichen Schatz der katholischen Bilderwelt und der klerikalen Garderobe herausgepickt und in moderne Versionen verwandelt hatten. Dass die Hemden mit Madonnen-Votivbildchen, Jacken mit den Bildern etlicher Heiliger und anderes Religiöse in lockerer Interpretation beim Publikum Eindruck hinterließen, war auch den 82 jungen Männern auf dem Laufsteg zu verdanken: keine Models, sondern Normalos aus Sizilien. Sie stammten aus Palermo, Taormina oder Catania und waren Maurer oder Polizist, Friseur oder Zimmermann. Ihr mitunter sichtbar unprofessionelles Auftreten berührte.

  Im Minikleid: der neue Mann bei J.W. Anderson

Im Minikleid: der neue Mann bei J.W. Anderson

Designer entwerfen einen feminineren Mann

Es wird viel experimentiert am Männerbild dieser Tage, nicht nur bei Dolce & Gabbana. In London präsentierte J.W. Anderson den Mann im ärmellosen Minikleidchen. Nun ist der irische Designer nicht irgendein Witzbold, sondern jenes vielversprechende Talent, das Donatella Versace sich als Designer für ihre Versus-Linie auserwählte, ein Mann mit Zukunft. Donatella selbst zeigte in Mailand eine Kollektion, deren Höhepunkte Männer in Unterhosen aus Spitze und transparenten Oberhemdchen waren; andere bekamen Kapuzenjacken verpasst, die noch reichlich genug Platz zum Hineinwachsen ließen. Juvenil bis verspielt ging es auch bei der neuen Hoffnung der italienischen Mode zu: Andrea Pompilio zeigte im Rahmen der Florentiner Modemesse "Pitti Uomo" nicht nur seinen Ideenreichtum, sondern auch, mit welch einfachen Mitteln und Kleidungsstücken sich Männer in Bubis verwandeln können. Ebenfalls in Florenz demonstrierte Ermanno Scervino, dass er die "sexistischen Geschlechtertrennungen am liebsten niederreißen" würde. Unter anderem, indem er die Männer- und Frauenkollektionen gleichzeitig präsentierte und beide Geschlechter konsequent in dieselben Materialien steckte.

Bei Burberry wurde der Trench, Inbegriff wehrhafter Männlichkeit - der Mantel wurde für den Krieg im Schützengraben entwickelt -, in farbigen wie durchsichtigen Exemplaren aus PVC gezeigt, in denen alles andere als harte Gewinnertypen steckten. Bei Jil Sander wird seit jeher und unter den verschiedensten Kreativdirektoren an der Korrektur des allzu Maskulinen gearbeitet, seit der Rückkehr Jil Sanders hat sich daran nichts geändert, jede ihrer Kollektionen dient der Feminisierung der Männermode.

  Spitze statt Feinripp bei Donatella Versace

Spitze statt Feinripp bei Donatella Versace

Der Anfang vom Ende des Holzfällers

Die Designerkollektionen sind ein Gradmesser für den aktuellen Stand der Männlichkeit. Sie liefern einen Hinweis darauf, wie es um das gesellschaftliche Ansehen und der Rolle des Männerbildes bestellt ist. Zurzeit scheint einigen Designern eine Erneuerung vorzuschweben. Dies könnte der Anfang vom Ende des Holzfällers sein, des bärtigen Machos, der seit ein paar Saisons die Mode dominiert. Die vermeintlich echten Männer stehen also nicht mehr auf dem Laufsteg, sondern nur noch im Boxring.

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