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Freiheit für Herrenwaden

Sean Connery, Mel Gibson oder Robbie Williams haben es mit ihren Schottenröcken vorgemacht. Inzwischen ziehen auch Modemacher den Männern die Hosen aus.

Sie hat der Mode nicht nur den Edel-Punk-Look samt rostfreien Sicherheitsnadeln beschert, Zandra Rhodes verstand es auch, den Übermut männlicher Designassistenten zu bändigen. Wenn die einen Rocksaum zu hoch setzten, fragte die Britin: »Würde es euch gefallen, wenn eure Eier unten aus der Hose raushingen?« Nein, keinem Mann würde das gefallen. Niemals. Und warum, wenn nicht aus Angst vor ungewollter Entblößung, tragen Männer keine Röcke? Zum Beispiel, weil man in ihnen nicht rennen, nur eingeschränkt Leitern erklimmen, keine fahrigen Hände in Taschen versenken kann. Röcke bleiben in Türen und Fahrradspeichen hängen, an Kupplungsknüppeln und Erektionen. Und dem Herrn, so steht's im Alten Testament, sind sie auch ein Gräuel: Du sollst keine Kleider des anderen Geschlechts tragen (Deuteronomium 22.5). Welcher Mann ist trotzdem so mutig, Röcke zu tragen? Antwort: Die Mehrheit der Männer auf unserem Planeten.

Wickelröcke zu Sakko und Hemd

Diese Wahrheit ahnen wir, seit unser Interesse an der Kleidung fremder Kulturen mit dem Krieg in Afghanistan so enorm gestiegen ist. Täglich sind via Glotze nun auch hierzulande Turbane zu sehen, Kaftane, Pelzhüte, wie sie der »schickste Mann des Planeten« trägt, wie der Designer Tom Ford Afghanistans Regierungschef Hamid Karzai nennt. Derlei kann man sonst nur bestaunen, wenn der Bundespräsident zum Neujahrsempfang bittet und Botschafter aus fernsten Ländern zeigen, wie elegant, sexy und männlich Wickelröcke zu Sakko und Hemd aussehen können.

Sean Connery und Mel Gibson machen es vor

Auch dem Mann des Westens kann ein Rock zur Zierde gereichen: Sean Connery und Mel Gibson verlieh der Kilt jenes Quäntchen Verletzbarkeit, das Frauen an Raubeinen so schätzen; der Regisseur Guy Ritchie zwang Madonna im Schottenrock in die Ehe. David Beckham und David Bowie wussten den Sarong ebenso anmutig zu tragen wie Axl Rose Faltenröcke. Und hätte Johnny Depp 1994 seinen Rock in »Ed Wood« nicht mit einem Angorapulli kombiniert, sondern mit einer Lederjacke, vielleicht wäre es da schon zur modischen Revolution gekommen.

Männer-Rock sogar von Hugo Boss

Die Modemacher versuchen immer wieder, den Rock in der Männermode zu etablieren. Dries van Noten, Tommy Hilfiger, Paul Smith, Anna Sui, Burberry haben es jüngst wieder probiert, Walter Van Beirendonck zeigte sogar den Mini. Kaum zu glauben, aber auch der schwäbische Herrenschneider Hugo Boss führt seit über zwei Jahren eine Art Rock-Ersatz für den Herrn: ein großes Tuch, das um die Hüfte geschlungen werden kann.

Männerröcke im Museum

Jetzt hat sich das ehrwürdige Londoner Victoria & Albert Museum des Männerrocks angenommen: »Men in Skirts« präsentiert bis zum 12. Mai 2002 an die 60 Röcke zeitgenössischer Modemacher und artverwandte Beinkleider unter historischen, soziokulturellen Aspekten plus Spezial-Event: Männliche Models defilieren in Röcken durchs Museum.

Jean Paul Gaultier als Pionier

Größter Förderer des Männerrocks war und ist Jean Paul Gaultier. »Wir sollten die gleichen Kleidungsstücke tragen können wie die Frauen«, fordert der Designer, seit er 1986 einen Mann in Nadelstreifensakko, Röckchen und Leggings auf den Catwalk schickte. »Wir sollten sogar Make-up tragen, ja, Lippenstift.«

Überhaupt, die Gleichberechtigung. »Früher hieß es immer, schöne Frauen seien dumm«, meint der gefeierte Designer-Liebling Gaultier. Heute dürfen auch schöne Männer dumm sein.» Aber hat das jetzt irgendetwas mit Röcken zu tun?

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