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"Ich brauche ständig Applaus"

Als er im März in Drogenentzug ging, war die Modewelt schockiert. Galt Marc Jacobs, Chef-Designer bei Louis Vuitton, doch als Alleskönner der Branche. Mit dem stern sprach er über Süchte und Düfte - und die Angst zu versagen

Von Dirk van Versendaal

Herr Jacobs, was trinken Sie da?

Grünen Gemüsesaft. Da ist Brokkoli drin, Salat, Gurke, Sellerie, Avocado, Zucchini.

Sieht nicht so lecker aus.

Ist aber gesund. Jeden Tag trinke ich zwei dieser riesigen Gläser. Ich stehe völlig unter der Herrschaft der Reformkost.

Ein paar Kilo mehr auf den Rippen würden Ihnen womöglich gar nicht schaden.

Finden Sie? Ich fühle mich fit und voller Tatendrang. Ich trainiere wie ein Verrückter. Ich mache Yoga, wann immer ich kann, und gehe jeden Tag ins Fitnessstudio. Da mache ich eine halbe Stunde Herz-, Gefäßtraining plus Stretching, anschließend hebe ich zwei Stunden lang Gewichte.

Wollen Sie dem gestählten Giorgio Armani Konkurrenz machen?

Ach, ich kriege einfach gute Laune vom Trainieren. Es setzt Endorphine frei, es aktiviert dieselben Glückshormone, wie Alkohol und Antidepressiva es tun. Wenn ich jogge, fühle ich mich wie Superman. Wenn ich das Training mal ausfallen lassen muss, werde ich sofort launisch.

Ein gesundes Mittelmaß leben – gibt es das nicht für Sie?

So sieht es aus. Ich bin vermutlich in allem, was ich tue, extrem. Sehen Sie, ich habe Alkohol getrunken und Drogen genommen, und es ist offenbar mein Problem, dass ich so etwas nicht maßvoll tun kann. Was dann leider zu Verantwortungslosigkeiten führt. Ich komme zu spät zur Arbeit, ich verpasse meine Flüge, ich stehe morgens nicht auf, ich vernachlässige mich selbst.

In diesem Frühjahr waren Sie zum zweiten Mal in sieben Jahren in einer Entzugsklinik. Wie konnte es so weit kommen?

Ich bin nach Arizona gegangen, weil ich mir geschworen habe, nie wieder meine Arbeit zu vernachlässigen. Ich will erholt aufwachen, vor dem Frühstück mit meinen Hunden Gassi gehen und im Atelier nicht nur körperlich anwesend sein. Es wäre wunderbar, wenn ich mich endlich vernünftig verhalten könnte. Ich wäre gern jemand, der eine Zigarette nach dem Abendessen raucht.

Und, wie viel rauchen Sie wirklich?

Drei Packungen am Tag. Das ist wohl meine Antwort auf das strenge Regiment der Reformkost.

Weshalb, glauben Sie, können einige Menschen ihre Süchte kontrollieren, andere nicht?

Ich denke, dass jede Art von Abhängigkeit eine Überkompensation darstellt. Man leidet an einem Mangel, welcher Art auch immer, vielleicht sogar eingebildet, und dann versucht man, sich auf extreme Weise dafür zu entschädigen. Man schmeißt mit Geld um sich, man tobt sich sexuell aus, nimmt Drogen, isst zu viel oder zu wenig oder verbringt entschieden zu viel Zeit im Fitnessstudio. Was immer man exzessiv betreibt, ist ein Ersatz. So viel zur Theorie.

Und was ist mit der Praxis?

Vermutlich hat mein Verhalten mit Schuldgefühlen zu tun. Doch selbst wenn ich es ganz genau wüsste, es würde nicht viel ändern. Ich rede sehr offen über meine Probleme, aber ich glaube nicht, dass ich sie durch Selbsterkenntnis lösen kann. Viel wichtiger ist doch, dass ich inzwischen weiß, was passiert, wenn ich dieses tue oder jenes lasse. Und ich habe gelernt, mir von Zeit zu Zeit zu sagen, dass ich keine Schuld habe. Wir sind so, wie wir sein sollen. Das Universum macht keine Fehler. Sie sehen, es ging während meiner Zeit in Arizona sehr viel um das Geistige, um den inneren Frieden und Ausgeglichenheit. Wir hatten 65 Stunden in der Woche Therapie. Und das half mir, wieder auf die rechte Spur zu finden.

Was ist das für Sie: die rechte Spur?

Ich hatte mich sehr weit von meinem eigentlichen Traum entfernt, nämlich: schöne Kleider zu entwerfen. Irgendwann habe ich meinen Erfolg im Feiern glamouröser Partys gesehen und in durchgemachten Nächten. Das hatte nicht mehr wirklich etwas mit mir zu tun und den Dingen, die ich wirklich liebe.

Sie gelten als einflussreichster Modedesigner ihrer Generation. Da reicht es doch längst nicht mehr aus, schöne Kleider zu machen. Sie arbeiten fürs Ballett, Sie entwerfen Handtaschen, Kollektionen für Hunde, Hauseinrichtungen und machen in Kosmetik.

All diese Dinge machen mir Spaß. Sonst würde ich sie nicht machen. Ich will Ihnen jetzt keine Märchen von Kunst und Inspiration erzählen, aber ein Parfüm zu kreieren ist un-­ terhaltsam und spannend. Da geht es um das Wecken alter Erinnerungen, um Romantik, Nostalgie. Die Parfümleute bringen Proben mit, man sprüht seine Freunde ein, weil Parfüm auf jeder Haut anders riecht; man bestäubt seine Wohnung, man probiert eben alles aus. Außerdem gilt: Jeder echte Modemacher hat ein Parfüm. Erst wenn dein Name auf einer Par-­ fümflasche steht, dann hast du es geschafft.

Ihr neues Parfüm wird Daisy heißen - Gänseblümchen. Die riechen doch eigentlich nach gar nichts.

Das macht nichts. Wenn ich den Namen Daisy höre, dann sehe ich ein Mädchen über eine Wiese voller Gänseblümchen laufen. Ich assoziiere Liebe und Frie-­ den, Unschuld, Naivität, Fri-­ sche. Ein Gänseblümchen ist doch mehr als bloß ein Gänseblümchen.

In Deutschland ist der Name Daisy vor allem durch die Yorkshire-Terrierhündin des ermordeten Münchner Schickeria-Schneiders Rudolph Moshammer bekannt.

Oh, auch einer meiner Bullterrier heißt Daisy! Ich habe sie nach meiner liebsten literarischen Figur benannt: Daisy Bucha-­ nan aus dem "Großen Gatsby", eine ver-­ wöhnte, charakterlich verdorbene Frau. So wie mein Hund.

Wie gut kann eine Nase noch riechen, die jahrzehntelang durch Zigarettenrauch malträtiert wurde?

Ich denke, sie funktioniert noch. Ich rie-­ che es immer, wenn jemand mein Parfüm trägt. Es ist das ultimative Kompliment: Da hat jemand unter tau-­ send anderen Düften ausgerechnet meinen gewählt. Ich bin glücklich, wenn man meine Dinge mag.

Und wenn nicht, was dann?

Ich habe große Angst vor dem Scheitern. Mein Erfolg erlaubt es mir, in schönen Häusern in New York und Paris zu leben, ich sammle moderne Kunst, ich habe mich an mein an-­ genehmes Leben gewöhnt. Doch mein Selbstwertgefühl gründet weitgehend auf dem Urteil anderer Wenn man meine Arbeit lobt, bin ich zufrieden mit mir und meinem Leben. Aber ich brauche ständig Fürsprache und Applaus. Wenn ich die nicht bekomme, dann stelle ich mir sehr schnell die fürchterliche Frage: Wer bin ich denn überhaupt? Was soll bloß aus mir werden? Das kann nicht gut sein.

Kein Geringerer als Karl Lagerfeld setzt große Stücke auf Sie. Er kenne Sie, sagte er dem stern, seit Ihrer Assistenzzeit bei Perry Ellis in New York. Er nannte Sie einen "süßen Jungen", und "wahnsinnig nett".

Das ist wiederum sehr nett von ihm.

Vor allem, weil immer wieder Ihr Name fällt, wenn es um einen möglichen Nachfolger Lagerfelds bei Chanel geht.

Chanel ist das ehrwür-­ digste aller Häuser, eine magische Adresse, ohne jeden Zweifel. Doch ich bin glücklich bei Louis Vuitton. Als ich vor zehn Jahren dort anfing, gab es weder eine Kleiderlinie noch modische Handtaschen. Man hatte auch keinen Schmuck oder Schuhe, nur Gepäck. Karl wird übrigens auch an seinem dreihundertsten Geburtstag noch erfolgreich bei Chanel regieren, da bin ich sicher.

Sie haben schon vor zwei Jahren mit Hennes & Mauritz verhandelt. Werden Sie nun eine Kollektion für die Schweden entwerfen?

Sicher nicht. Denn es ist doch so: In dem, was wir bei Marc Jacobs oder Louis Vuit-­ ton tun, steckt enorm viel kreative Arbeit. Im Prinzip finde ich es wunderbar, dass Unternehmen wie Zara unsere Arbeit auf-­ greifen und sie vielen Menschen zugäng-­ lich machen. Aber schöner wäre es doch, wenn wir selbst für einen großen Markt entwerfen könnten. Deshalb spielen wir jetzt mit der Idee, bei Marc Jacobs eine sehr günstige Drittlinie anzubieten.

Rät Ihnen niemand, mal einen Gang hinunterzuschalten? Als Kreativchef von Louis Vuitton und Modemacher in eigener Sache pendeln Sie ständig zwischen New York und Paris.

Oh, ich bin schon viel sesshafter geworden. Wenn man mich heute fragt, wo ich lebe, dann antworte ich: Paris. Hier ist mein Zu-­ hause, obwohl ich die Hälfte meiner Zeit in New York verbringe. Dort gehe ich abends aus, ich besuche Museen, ich habe soziale Verpflichtungen, und wenn ich mal zehn Minuten ganz für mich alleine bin, dann komme ich mir wie ein einsamer Versager vor. Wenn dasselbe hier in Paris geschieht, wenn ich einsam und unerkannt über die Place de la Concorde gehe, dann bin ich tatsächlich glücklich.

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