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"Curvy Supermodel": Von der Trabrennbahn auf den Laufsteg

Die RTL2-Castingshow "Curvy Supermodel" geht mit neuer Jury in die zweite Runde. Gleich zum Auftakt gibt es Zickenkrieg, Tränen und Macho-Sprüche wie "Für deine Oberweite brauchst du einen Waffenschein".

Von Marie von den Benken

Curvy Supermodel

Die "Curvy Supermodel"-Kandidatinnen Endurance, Nicole und Diana (v.l.n.r.)

Der Erfolg der ersten Staffel "Curvy Supermodel" lässt sich besonders an zwei Merkmalen ablesen. Zum einen blieben die Social Media Fatshaming-Beauftragten dieses Jahr sehr viel ruhiger und spaßbefreite Kommentare wie "Hungry Supermodel" oder "Germany's Next Topmoppel", die auf der Witzigkeitsskala ohnehin knapp hinter einem Blind Date mit Kim Jong-un rangieren, fanden deutlich seltener statt. Zum anderen gab es mehr als doppelt so viele Bewerbungen wie für die erste Staffel. Wenn man so möchte, hat RTL2 es geschafft, das Format zu etablieren, ohne in die von vielen Seiten prognostizierte Fremdschäm-Ecke abzugleiten. Céline, die den Titel 2016 holte, arbeitet mittlerweile hauptberuflich als Model. Eine Berufssituation, die nicht jede Gewinnerin der großen Schwester GNTM für sich deklarieren kann, die durchschnittlich zehn Kleidergrößen tiefer angesiedelt ist.

Curvy Supernackig

Dennoch kann man alleine die schon vor der ersten Folge feststehenden Änderungen durchaus als "massiv" bezeichnen. Um nicht an dieser Stelle bereits selbst in die Political-Correctness-Falle zu stolpern, korrigiere ich auf: als "signifikant" bezeichnen. Von der Jury aus der Premierenstaffel ist lediglich Angelina Kirsch verblieben. Das hauptberufliche Curvy Model tanzte sich dieses Jahr bereits ins "Let's Dance"-Finale und kann somit auf monatelange Dauerpräsenz in der deutschen TV-Primetime zurückblicken. Nicht mehr dabei sind dagegen ihre Ex-Jury-Kollegen Motsi Mabuse, Harald Glööckler und Ted Linow.

Warum dem so ist, darüber kann nur spekuliert werden. Meine Vermutung ist, dass Motsi Blut im Modelbusiness geleckt hat und jetzt lieber als Eintänzerin auf Modenschauen arbeitet, wie kürzlich auf der Berlin Fashion Week für Riani. Harald Glööckler dagegen konnte in den Vertragsverhandlungen zu Staffel zwei vielleicht nicht mehr durchsetzen, stets der einzige mit freiem Oberkörper zu bleiben. In der neuen Saison scheint mehr Haut gezeigt zu werden. Das jedenfalls versprechen die deutschlandweit prominent verteilten Werbeplakate, auf denen die Teilnehmerinnen nur spärlich mit ihren eigenen Armen verhüllt posieren und die einigen Werbekunden offensichtlich zu freizügig waren. In ICEs jedenfalls gibt es keine "Curvy Supermodel"-Plakate. Die Bahn hat abgelehnt.

Curvy Supermodel

Das umstrittene Werbeplakat für die zweite Staffel "Curvy Supermodel"

Angelina Kirsch und Peyman stehen Amin Arm

Beim letzten Aderlass, Ted Linow, kommt der Abschied am überraschendsten. Hatte er doch mit seiner Modelagentur Mega Models noch stolz Céline, das Curvy Model 2016, aufgebaut und dafür extra eine Curvy-Unit in seiner Agentur geschaffen. Célines Nachfolgerin wird er nicht mehr aktiv mit aussuchen. Für Motsi, Harald und Ted stehen nun Jana Ina Zarrella, Carlos Castro und Peyman Amin an Angelina Kirschs Seite. Jana Ina war lange selber Model, mit Peyman kommt einerseits etwas GNTM-Glamour in die Jury, zum anderen wird er mit seiner Agentur Pars Management dieses Jahr die Betreuung der Gewinnerin übernehmen. Einzig die Relevanz von Castro bleibt unklar.

Als es dann am Montagabend endlich losgeht, strapaziert RTL2 zunächst mal das Durchhaltevermögen der Twitter-Hater. Es ist wirklich schwer, sich mit Sprüchen zurück zu halten, wenn der erste Satz der neuen Staffel lautet "Das große Massencasting der Curvy Models findet heute auf der Pferderennbahn statt." Bevor jedoch Sarah Jessica Parker eine Petition gegen Traberwitze starten kann, wird die aufgebrachte Nation mit Vokabeln wie "Körperrevolution" oder "Sexappeal" versöhnt.

Roksana ist kein Song von The Police

Wer es von der Trabrennbahn auf den Audition-Catwalk schafft, steht dann zumeist in Unterwäsche der gesamten Jury gegenüber. Da werden erst mal die Rollen verteilt. Peyman gibt mit Sätzen wie "für deine Oberweite brauchst du einen Waffenschein" den Macho. Jana Ina sieht sich als liebe Modelversteherin, Angelina beschreibt sich als "erfolgreichstes Curvymodel Deutschlands" und darum als der perfekte Coach für die Mädchen. Castro, der mit starkem Akzent spricht und offensichtlich zum Bruce Darnell der Curvymodels aufgebaut werden soll, inszeniert sich als Catwalk-Experte. Die erste Kandidatin, die im Gedächtnis bleibt, ist Roksana. Die sympathische Ghetto-Prinzessin hat ihren Bruder dabei, der hauptsächlich aus einem bauchfreien Oberteil, einem Pelzmantel und einem mit Make-up komplett Silber geschminkten Gesicht besteht. Den Titel wird sie sicherlich nicht holen, aber wenn sie sich nicht beim wilden Jubel-Rumhüpfen, wie nach Roksanas knappen Einzug in die nächste Casting-Runde, gegenseitig mit durch die Gegend fliegenden Körperteilen K.O. schlagen, könnten Roksana und James es zumindest zum Promi Dinner schaffen. Oh: Dinner/Curvymodel. Es ist schon wieder passiert. Shitstorm incoming in 3, 2, 1 ...

Wie Du mir, Zoey Dir

Nachdem die ersten Fremdschäm-Momente abgearbeitet sind, geht es dann in der Casting-Arena mit einigen besonders selbstverliebten Exemplaren weiter. Und damit ist nicht Peyman Amin gemeint. Obschon der natürlich mit Sicherheit realisiert hat, dass RTL2 für die zweite Staffel ein richtiges Studio nach GNTM-Vorbild hat springen lassen, während seine Vorgänger in Staffel eins noch auf Campingstühlen in Flughafenlobbys sitzen mussten. Apropos landen: Kandidatin Zoey sieht sich selber als Favoritin, noch bevor sie das erste Mal vor der Jury stand. Ein gesundes Selbstverständnis kann ja auch helfen. Zoey zumindest weiß, woher ihres kommt: "Mein Selbstbewusstsein nehme ich aus dem Spiegel." Gut, das hört man hier beim stern nicht so gerne, aber ich dokumentiere hier ja nur. Wissenschaftlich.

Irgendwo lässt auch noch Sarah Lombardi backstage durch die Gegend laufen. Branchengerüchte besagen ja, dass sie eigentlich einen Vertrag als Jury-Mitglied hatte, aber ein anders Mitglied sie nicht als Jury-Kollegin haben wollte. Ich verrate nicht, wer das war, denn das Management von Angelina Kirsch hat umgehend dementiert. Sarah jedenfalls tauscht 30 Sekunden Anekdoten aus ihrer Curvymodel ... äh ... Casting-Show-Historie aus und ist dann wieder verschwunden. Sie hat vermutlich grundsätzlich nicht so viel Zeit. Sie ist ja junge Mutter. Und wie wir alle wissen: Hauptsache, Alessio geht's gut.

Kurvenkuscheln

Als nächste Casting-Hürde gibt es dann ein Gruppen-Shooting, bei dem RTL2 erneut besonders darauf achtet, keine Ansatzpunkte für billige Gags zu bieten. Darum findet das Shooting unter dem Motto "Pralinen" statt und die Curvy-Kandidatinnen müssen sich in einer übergroßen Pralinenbox arrangieren. Schlimmer wäre nur noch das Motto "Pommes" gewesen, bei dem die Mädchen sich in eine Fritteuse hätten quetschen müssen. Also Pralinen. Peyman erklärt: "Kleine Schachtel, große Masse". Fünf Curvies living in a Box. Der Fachbegriff dafür ist übrigens: Kurvenkuscheln.

Ganz nach -Vorbild gibt es dann auch gleich den ersten Zickenkrieg. Kunstnagel-Fetischistin Melina, Jennifer und Zoey verwandeln das Shooting und auch den Entscheidungswalk in einen Hühnerhaufen der Eitelkeiten und Gemeinheiten. Allerdings kein schlechter Move. Die RTL2-Redakteure reiben sich euphorisch die Hände. Dagegen waren Greta und Leticia in der letzten GNTM-Staffel ja Hanni und Nanni. Quotengaranten wie die beiden Supernervensägen hält man sich gerne erst mal ein paar Wochen. Fotoshootings und kluge Ratschläge von Peyman Amin alleine machen noch keinen Quotensommer. Sicher ist also sicher.

Plus Size für die Quote?

Als erstes Fazit nach einer etwas abenteuerlich dramaturgisch aufgemachten ersten Folge "Curvy ", nach der immer noch nicht klar ist, wer in die Top 30 einzieht, bleibt hängen: RTL2 macht seinem Motto "zeig mir mehr" tatsächlich Ehre und sorgt für reichlich halbnackte Tatsachen. Ist das die vollmundig in den Trailern angekündigte "Körperrevolution"? Nächste Woche steigt Folge zwei. Ich werde es also weiter beobachten können.

Bis dahin: Alles Liebe, Eure Marie

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