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"Curvy Supermodel": Kurven ja, aber "nicht aussehen wie ein Wackelpeter"

In der RTL2-Show "Curvy Supermodel" sucht eine vierköpfige Jury kurvige Mädchen mit Modelpotenzial. Bei einem Anteil von über 50 Prozent Übergewichtiger in Deutschland möchte der Sender ein Zeichen für Schönheit in allen Formen setzen. Die erste Folge zeigt aber: Bodyshaming ist keine Einbahnstraße.

Von Marie von den Benken

Curvy Supermodel

Die Top Ten des RTL2-Castingsformats "Curvy Supermodel"

Mittwochabend, 20.15 Uhr. Die erste Folge des RTL2-Casting-Formats "Curvy Supermodel" startet mit einer persönlichen Enttäuschung. Ich hatte einen hohen Geldbetrag gewettet, der erste Satz der neuen Show würde "nur eine kann Germany's Next Curvy Model werden" lauten. Was soll ich sagen: das Geld ist weg. Aber das Konzept der neuen Show soll ja auch nicht zeigen, wie Zuschauerinnen reich werden, sondern dass auch kräftigere Damen ästhetische Körper haben. Oder "ässdehdische Göhrba", wie Frauenexperte Lothar Matthäus sagen würde. Warum fehlt der eigentlich in der Jury?

Was sagt der Ted?

Statt Geldregen und Lothar empfängt mich zum Start also Agenturchef Ted Linow mit seiner Definition eines Curvy-Models. Er sucht Körper mit den Proportionen einer Sanduhr und Kleidergröße 42 bis 46. Die Maße sollten 120-80-120 sein. Und "sie darf nicht aussehen wie ein Wackelpeter". Wackelpeter. Eine Vokabel, so exotisch wie Plus-Size-Models in der Primetime. Doch das ändert sich heute. Auch durch Linow, der immer ein bisschen wie eine Mischung aus Julius Caesar und Karl Lagerfeld aussieht, dem man die Sonnenbrille geklaut und den Pferdeschwanz abgeschnitten hat. Linow ist Gründer der Modelagentur "Mega Models", die zu Deutschlands international bekanntesten Modelagenturen zählt.

Motsi Mabuse ist die neue Bruce Darnell

Jetzt sitzt er neben Harald Glööckler, Motsi Mabuse und Angelina Kirsch in einer TV-Jury. Dass er Humor hat, zeigt sich ja auch schon an anderen Stellen. So findet sich zwischen Supermodels wie Isabeli Fontana, Natasha Poly oder Andreja Pejic, die seine Agentur vertritt, auch Sabia Boulahrouz. Die ehemalige BFF von Sylvie Meis tanzte sich zuletzt durch das RTL-Format "Dance Dance Dance". RTL und Tanzen, an was denkt man da normalerweise zuerst? Genau: Motsi Mabuse und "Let's Dance". Die südafrikanische Tänzerin, die innerhalb der RTL-Gruppe zu RTL 2 durchgereicht wurde, ist die einzige mit nennenswerter Jury-Erfahrung. Ihre Expertise im Bereich Plus-Size-Models erschließt sich auf den ersten Blick allerdings nicht. Wahrscheinlich war Rainer Calmund verhindert.

Curvy Supermodel Jury

Die Jury von "Curvy Supermodel": Ted Linow, Angelina Kirsch, Motsi Mabuse und Harald Glööckler (v.l.n.r.)


Der Glööckler von Notre Dame

Viele Curvy-Kandidatinnen kommen wenig überraschend mit dem Ballast der verzerrten Schönheitsideale unserer Gesellschaft in die Show. Sie berichten von Schulzeiten, in denen sie für ihr Gewicht gehänselt wurden. Da kann Harald Glööckler ein Lied von singen. Bei ihm fragt man sich ja oft, ob er weiß, dass er für andere Menschen sichtbar ist. Dafür ist er konsequent. Beharrlich siezt er alle Kandidatinnen, die im Durchschnitt 30 Jahre jünger sind als er. Der selbsternannte "Robin Hood für kräftigere Damen" hält zu jeder Gelegenheit glühende Plädoyers auf die Schönheit kurviger Frauen und die Revolution der Körpergrößen. Tatsächlich entwirft er in seinen Kollektionen stets Kleider bis Größe 56. Also etwa 30 Nummern größer als zum Beispiel bei Zara, wo selbst ein XL eigentlich nur noch von Mädchen mit Konfektion 36 abwärts getragen werden kann. Noch molliger ist nur der Discounter Kik, passenderweise exklusiver Werbepartner des üppigen GNTM-Pendants. In Verona Pooths Lieblingsladen shoppen Damen mit Rubensfigur sogar bis 58. Also, Konfektion, nicht Kilo.

Shitstorm-Roulette, Heidiklon und Honey 2.0

Apropos Konfektionsgröße 58: Wenn Sophia Thomalla das hört, ist wieder Shitstorm-Kirmes. Die Chancen für einen veritablen Echauffier-Marathon in den sozialen Medien stehen aber auch ohne die Heidi Klum der Tätowierer gut: Kandidatin Michi berichtet verschüchtert, dass ihr Freund sie bei ihrem Versuch, "Curvy Supermodel" zu werden, nicht unterstützen wollte. Er findet, sie sei zu fett und hätte keinerlei Chancen. Was für ein charmanter junger Mann. Wir können uns im Laufe der Staffel also auf einen Honey 2.0 freuen. Vier Werbepausen später begeistert Michi die Jury und zieht in die Top 10 ein. Honey 2.0 beißt derweil zu Hause auf der Couch wutentbrannt in eine Reiswaffel und googelt nach der Nummer von Sophia Thomalla.

In den Top 10 wird Angelina Kirsch, die Vierte im Jury-Bund, versuchen Michi und ihre Konkurrentinnen zum "Curvy Supermodel" zu trimmen. Kirsch selber ist Deutschlands erfolgreichstes Curvy-Model. Kurz denkt man: Oh, Heidi Klum ist aber auch schon mal dünner gewesen, so blond, selbstbewusst und quietschfidel kommt sie daher.


Deine blauen Haare machen mich so sentimental

Den ersten Jury-Beef gibt es dann beim Auftritt von Aurelie. Das Erkennungsmerkmal der Kölnerin sind blaue Haare, die sie ungern verändern würde. Harald Glööckler, der sich offensichtlich einen Lipgloss mit Chiara Ohoven teilt, bezeichnet diesen Hairstyle begeistert als ein Markenzeichen. ruft ihn daraufhin zur Ordnung und erinnert daran, dass keine Top-Briefmarke gesucht wird, sondern ein Model, und dass man sich als Model nun mal nicht weigern kann, seine Haare auch mal anders als blau zu tragen.

Insgesamt geht es in vielen Momenten überraschend ruppig und politisch unkorrekt zu. Die Mutter von Kandidatin Céline spricht von "superschlanken Skeletten", die sie nicht gut findet. Eine andere Kandidatin findet ihren Körper "schöner als von den ekelhaften Hungerhaken aus anderen Shows". Ein TV-Format, das sich unter anderem auf die Fahnen geschrieben hat, zu zeigen, dass Frauen mit einer Kleidergröße jenseits der 36 ebenfalls schön und sexy sein können, sollte seinen Protagonistinnen eventuell auch mit auf den Catwalk geben, dass Bodyshaming keine Einbahnstraße ist. Man stelle sich mal umgekehrt vor, was los wäre, wenn bei eine Kandidatin sagen würde, sie wolle keinen "fetten Wabbelkörper wie ein Plus-Size-Model" haben.

Eine Modelvilla darf nicht fehlen

Ansonsten gibt es bei "Curvy Supermodel" noch ein paar Showelemente, wie wir sie von der dünnen Schwester GNTM bereits kennen: Ein selbst arrangiertes Fotoshooting, viel Bademode, ein Shooting mit einem knackigen Beachboy, eine Modelvilla und eigentümliche Sätze von Kandidatinnen. Beispiel? Polina fühlt sich nach ihrem Einzug in die Top 10 "als wäre mir ein Stein von der Seele geraspelt". Aha. Aus den 21 Mädchen in der Vorauswahl werden am Ende die finalen 10 Mädchen gecastet, die in die Modelvilla einziehen und um den Titel "Curvy Supermodel" kämpfen. Fotos werden nicht verteilt, aber die Gewinnerin erhält einen Werbedeal mit dem Plus-Size-Modelabel "Studio Untold" und der Einstieg in eine echte Modelkarriere durch einen Vertrag bei Mega-Models. Unentschuldigt fehlt eigentlich nur ein Opel Adam. Aber der kann ja nächste Woche noch kommen.

Bis dahin: Alles Liebe, Eure Marie


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